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„Mitternachtskinder“: Geschichten aus zwei Welten

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Die Figuren wollen einem nicht so richtig nahe kommen - Szene aus „Mitternachtskinder“ Foto: Verleih
Die Literaturverfilmung „Mitternachtskinder“ von Deepa Mehta ist eine Enttäuschung: Die Figuren wollen einem nicht wirklich nahe kommen und es wirkt so, als hätte den Machern die Kraft gefehlt, um sich von der Buchvorlage zu trennen und etwas eigenes zu schaffen.  Von
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Literaturverfilmungen sind bekanntermaßen ein heikles Unternehmen. Liebhaber des Buchs werden dessen Wortwitz vermissen oder sie haben sich die Charaktere anders vorgestellt; wer die Vorlage nicht kennt, versteht womöglich gar nicht recht, worum es geht. Rund 30 Jahre, nachdem sein Buch „Midnight’s Children“ erstmals erschien, hat nun Salman Rushdie selbst das Drehbuch zu dem gleichnamigen Film geschrieben.

Vielleicht hatte er sich überlegt, dass sich die fantastische Geschichte gut auf der Leinwand machen müsste: Kinder, die Punkt Zwölf in der Unabhängigkeitsnacht Indiens geboren wurden, entwickeln sich mit besonderen Fähigkeiten zu einer Art „X Men“ des Subkontinents. Dazu jede Menge Historie, von der englischen Kolonialzeit bis zur Abspaltung Pakistans und zur Staatsgründung von Bangladesch. Was für ein Stoff, zumindest im Buch, das 1993 den Booker Price gewann. Im Kino tappt „Midnight’s Children“ leider in die Falle, in die so viele Literaturverfilmungen gehen.

Zu viel Vorgeschichte

Dass sich Salman Rushdie, der sich als Erzähler mit sonorer Stimme gleich selbst aus dem Off meldet, nicht entschlossen genug von seinem Roman lösen konnte, ist verständlich. In Deepa Mehta aber hat er bedauerlicherweise keine Regiepersönlichkeit gefunden, die ihn in seinem Eifer, möglichst viel vom Papier in die Bilder hinüberzuretten, hätte zügeln können. Wie das Buch erzählt auch der Film ausführlich die Vorgeschichte der Mitternachtskinder, also nichts anderes als die Geschichte Indiens unter der Herrschaft des Vereinigten Königreichs.

Szene aus „Mitternachtskinder“.
Szene aus „Mitternachtskinder“.
Foto: Verleih

Doch was im Roman als grandiose Abrechnung mit dem Zeitalter des Imperialismus gelingt, obendrein geschrieben von einem Autor, der in beiden Welten, in Asien wie im Westen, zu Hause ist, gerät unter Mehtas Regie zur Anekdote aus dem bunten Orient: Das Liebeswerben des Doktors Aadam Aziz um die geheimnisvolle Naseem, von der er nach dem Willen des Vaters zunächst nicht mehr sieht, als was das Loch in einem Laken preisgibt. Der musizierende Herumtreiber Wee Willie Winkie; der englische Snob, der zwar weiß, dass er bald geht, aber nicht will, dass in seiner Villa auch nur eine Vase verrückt wird – dann knallen schon die Feuerwerkskörper in der Nacht zum 15. August 1947, und die Jahre der Fremdbestimmung sind verpufft wie ein Witz ohne Pointe.

Keine Identifikation mit den Figuren

Das Bestechende an Rushdies Buch ist die Fähigkeit des Autors, Geschichtsschreibung und Ideologiekritik in eine ganz und gar fiktionale Form zu gießen. Wenn die Mitternachtskinder Saalem und Shiva auf der Entbindungsstation verwechselt werden, erzählt er nicht allein von zwei bewegenden Biografien, er stellt kurzerhand die sozialen Verhältnisse auf den Kopf. Von dieser Verquickung individueller Schicksale mit dem Großen und Ganzen der postkolonialen Epoche profitiert zweifellos auch der Film, und doch kommen einem die Figuren nicht nahe. Das hängt mit ihrer schieren Anzahl zusammen, mit dem zu gewaltigen Zeitraum, den Rushdie und Mehta abarbeiten, die Hauptursache aber liegt im Unvermögen der Regisseurin, Rushdies Erzählstil zwischen ironischer Distanz und knalliger Fabulierlust in entsprechende Bilder zu übersetzen.

Irgendwie bleibt ihr Film zwischen Bollywood, Sozialdrama und Fernsehreportage hängen. Mal geht es nachgerade dokumentarisch zu, wenn die politischen Verhältnisse auf der Leinwand geordnet werden; dann wieder finden wir uns in Slum-Romantik und Folklore wieder, Taj Mahal und Sari inklusive. Die Mitternachtskinder versammeln sich in einer virtuellen Geisterstunde, deren Effekte verstörend naiv wirken, und wenn Salman Rushdie im Erzählertext behauptet, dass sein Doktor Aziz über eine außergewöhnliche Nase verfüge, müssen wir dies beim Betrachten des Schauspielers Rajat Kapoor eher relativieren. Tatsächlich: In diesem Film ist im Vergleich zum Roman alles zu klein geraten, selbst das Riechorgan.

Kleben an den Buchstaben

Beiden, Drehbuchautor wie Regisseurin, fehlt es an Kraft, vielleicht auch am Willen, sich von der übermächtigen, gebirgshaften Romanvorlage zu verabschieden und etwas Eigenes zu schaffen, nämlich einen Film. Auch wenn das Vorhaben, „Midnight’s Children“ ins Kino zu bringen, für sich genommen beachtlich ist, machen es sich Rushdie und Mehta in letzter Konsequenz zu einfach, wenn sie so wenig inspiriert an den Buchstaben kleben. Dass sich die postkoloniale Epoche historisch und politisch keineswegs erledigt hat, zeigen die Vorgänge von Irak bis Mali. Es hätte mehr als erhellend sein können, genau diese Aktualität an „Midnight’s Children“ zu betonen. Stattdessen wirkt das alles sehr lange her und sehr weit weg.

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