25.08.2016
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„Mr. Morgan’s Last Love“ im Kino: Liebe oder so was

Michael Caine als Philosophie-Professor Matthew Morgan und Clémence Poésy als Tanzlehrerin Pauline.

Michael Caine als Philosophie-Professor Matthew Morgan und Clémence Poésy als Tanzlehrerin Pauline.

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dpa

Ihre Hauptfiguren sind Helden von der traurigen Gestalt, sie kochen gut, aber finden sich im Leben schlecht zurecht („Bella Martha“), oder sie sind gleich vollends depressiv („Helen“). Auch Mr. Morgan kann seinem Dasein nichts mehr abgewinnen, seit seine Frau verschieden ist. Paris, wo er lebt? Eine leere Kulisse. Seine Bücher, die ihm als Philosophie-Professor stets lieb und teuer waren? Verstauben im Regal. Mr. Morgan vernachlässigt sich, und mit dem grauen Bart wächst seine bleierne Gleichgültigkeit.

Ein typischer Nettelbeck-Charakter also, ein Misanthrop und Miesepeter, den die Regisseurin in Françoise Dorners Roman „La douceur assassine“ gefunden hat, wo er noch Monsieur Armand hieß. Für den Film wurde aus dem Franzosen ein Amerikaner in Paris und aus Armand besagter Matthew Morgan, der von Michael Caine gespielt wird. Diese Besetzung der männlichen Hauptrolle ist der eine Glücksfall in Sandra Nettelbecks Film. Die andere Stärke verdankt sich Caines weiblichem Gegenpart, der jungen und extrem unverkrampft aufspielenden Clémence Poésy, deren Pauline Mr. Morgan im Bus begegnet. Eine Zufallsbekanntschaft also, aber wie so oft im Kino und manchmal auch im Leben führt der Zufall in „Mr. Morgan’s Last Love“ eisern Regie.

Caine und Poésy sind von Anfang an ein wunderbares (Gegensatz-)Paar. Er der ein wenig hüftsteif gewordene Grandseigneur, der einen Intellektuellen spielt, dem die Lust am Denken vergangenen ist; sie die reine Lebensfreude, die sich als Tanzlehrerin dem Cha-Cha-Cha verschrieben hat. Beide trennt zudem ein gewaltiger Altersunterschied, aber was sie verbindet, bleibt im Grunde ein Rätsel.

Der Grantler entdeckt den Galan in sich wieder

Das verleiht Nettelbecks Film etwas Schwebendes, einen gewissen Zauber, der durch einige überraschende Seiten Mr. Morgans noch befeuert wird. So entdeckt der Grantler neben alter Schwarzhumorigkeit auch den Galan und Autofahrer in sich wieder, der seine neue Bekanntschaft zur Landpartie ausführt – ein Besuch in seinem einstigen Lieblingsrestaurant inklusive.

Dass ein alter Mann die Trauer um die Liebe seines Lebens dank eines sehr viel jüngeren Temperaments zumindest zeitweise überwindet, ist zwar nicht sonderlich originell und wird von Nettelbeck manchmal sogar etwas altmodisch inszeniert. Vor allem dank der Hauptdarsteller aber kommt „Mr. Morgan’s Last Love“ zunächst gut in Schwung: Den Routinier Caine treibt erkennbar der Ehrgeiz, in Nettelbecks Film noch einmal eine tiefgründige Charakterstudie abzuliefern – Clémence Poésy überzeugt im Gegenzug durch vitale Frische und eine beeindruckende Unbekümmertheit im Umgang mit ihrem legendären Filmpartner. Beide lassen sich sensibel auf eine Romanze ein, die nicht wirklich eine Liebesbeziehung, sondern eher Liebe oder so was ist.

Wohl auch angetrieben von dem Eifer, ihrer Romanvorlage trotz Abweichungen dann doch die Treue zu halten, gibt Nettelbeck im Laufe des Films leider immer stärker dem Verlangen nach, reizvolle Leerstellen mit psychologischem Ballast vollzustopfen.

Schuld daran sind vor allem Mr. Morgans erwachsene Kinder, die nach einem Selbstmordversuch ihres Vaters die Szene mit Vorwurfsmiene betreten. Hier ist was nicht in Ordnung in der Familiengeschichte, signalisiert uns Nettelbeck mit überscharfem Therapeutenblick, und tatsächlich wird nun vor allem in der Konfrontation zwischen Sohn und Vater ausgepackt, was früher alles schiefgelaufen ist. Clémence Poésy, sonst so präsent, fällt darüber fast in eine Statistenrolle zurück.

Es geht hin und her zwischen Paris und der bretonischen Küste bei Saint-Malo, wo das Ferienhaus der Familie steht, das selbstredend zahllose Erinnerungen beherbergt. Die Wehmut, die über der Beziehung zwischen Matthew Morgan und Pauline lag, weicht zusehends Schwermut, wobei auch durch weitere, immer abstrusere Selbstmordversuche nicht deutlich wird, was zu den behaupteten Zerrüttungen führte. Ach, hätte Sandra Nettelbeck doch wirklich eine Liebesgeschichte oder so was erzählt, und nicht eine Liebes-, Familien-, Abschieds- und Todesgeschichte um das Große und Ganze.


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