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„Only God Forgives“: Ryan Gosling schlägt und schweigt

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Für Ryan Gosling gibt Yayaying Rhatha Phongam ihr letztes Hemd. 
Kino-Neustart: Nicolas Winding Refn lässt Ryan Gosling in „Only God Forgives“ wieder zuschlagen und schweigen. Die schonungslose Darstellung von extremer Gewalt zieht sich durch den gesamten Film - die Dramaturgie ist schwach.  Von
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Mit gelassener Überlegenheit thront sie vor einem Tisch voller blank geputzter Gläser, hinter sich eine effektvoll illuminierte Wand aus roten und gelben Quadraten. Ordinär sieht sie aus mit der blondierten Mähne, dem glitzernden Ohrgehänge, dem starken Make-up. Nicht nur das Druckmuster auf ihrem engen, ärmellosen Kleid verleiht der Frau die machtvolle Aura eines Raubtiers. Ihre Augen funkeln wie die eines Karnivoren kurz vor der Attacke.

Man muss zweimal hinsehen, um in diesem Mutter-Monster und Kopf eines mafiösen Familienunternehmens die britisch-französische Schauspielgröße zu erkennen, die spätestens seit ihrer Rolle als tragische Liebende in „Der englische Patient“ für ihre subtile Eleganz berühmt wurde. Komplett gegen den Strich besetzt und mit sichtlichem Vergnügen gibt Kristin Scott Thomas die verblüffendste Darstellung ihrer Karriere – und die beste im ganzen Film.

Vor ihrem ersten Auftritt ist schon viel Abscheuliches passiert in der ebenso wüsten wie fesselnden Verquickung aus Gangsterdrama, Martial-Arts-Thriller und antiker Tragödie. Letztere lässt sich allerdings nur in Rudimenten entdecken, so wie die Handlung überhaupt extrem minimalistisch angelegt ist. Zwei amerikanische Brüder betreiben im Bangkoker Rotlichtmilieu einen florierenden Muay-Thai-Boxclub, der als Tarnung für ihr wirkliches Geschäft, den Drogenhandel, dient. Nachdem der ältere Billy (Tom Burke) eine Kinder-Prostituierte mit äußerster Brutalität vergewaltigt und ermordet hat, wird er vom Vater des Mädchens hingerichtet.

Kristin Scott Thomas mag blitzblanke Gläser.
Kristin Scott Thomas mag blitzblanke Gläser.

Mutter Crystal fliegt aus den USA ein, befiehlt Sohn Julian (Ryan Gosling) einen tödlichen Vergeltungsschlag, setzt aber, da sie ihren Jüngeren für einen Schwächling hält, sicherheitshalber parallel einen Killer auf Chang an. Was folgt, ist eine vor Blut triefende Abfolge von Szenen, die das biblische „Auge um Auge“ sehr genau nehmen und mit dem gnadenlosen Antagonisten quasi eine alttestamentarische Gottesfigur walten lassen.

So wie dieser Chang einen Archetypen verkörpert, so sucht man insgesamt vergeblich nach ausgefeilten, psychologisch interessanten Charakteren, geschweige einem, mit dem man sympathisieren könnte. Die böse Mutter – wenn auch sie aus einem Märchen entsprungen sein könnte – ist noch die vielschichtigste Figur. Eine „Mischung aus Lady Macbeth und Donatella Versace“ nannte Nicolas Winding Refn sie.

Mit ihr ist der Autor und Regisseur seinem postulierten Ziel etwas näher gekommen, Filme über Frauen machen zu wollen – und doch immer mit welchen über brutale Männer zu enden. Extreme Gewalt und ihre schonungslose Darstellung zieht sich wie ein roter Faden durch die Filmographie des 42-jährigen Dänen; von der „Pusher“-Drogen-Trilogie über das Wikingerepos „Valhalla Rising“ bis zum Hollywood-Debüt „Drive“, das den Regiepreis in Cannes gewann. Dass das Gangsterdrama um einen Stuntfahrer bei Kritik und Publikum Furore machte, lag auch an den stilisierten Splatter-Momenten – und an Ryan Gosling.

Kampfkunst im Mafia-Milieu. 

Auch als zwielichtiger Boxer und Unternehmer mit ödipalen Verstrickungen gibt er den großen Schweiger mit nahezu regungsloser Mimik. So gut er das auch kann – nach der ikonischen Darstellung des Driver und dem charismatischen Nachklapp in „The Place Beyond the Pines“ droht dem eigentlich vielseitigen Schauspieler die Klischee-Schublade.

In eine künstlerische Sackgasse scheint sich auch der Regisseur manövriert zu haben. Als Zusammenfassung aller seiner Arbeiten bezeichnete Winding Refn „Only God Forgives“ in einem Interview und führte aus, dass er auf eine kreative Kollision zusteuere, um alles um ihn herum zu verändern. Zweifellos auf die Spitze getrieben hat er mit dem Film, der bei der Premiere im Mai in Cannes sowohl Buhrufe als auch Standing Ovations erntete, eine Ästhetisierung, die den Grenzbereich des im sogenannten Arthouse-Kino Darstellbaren auslotet.

Noch heftiger als in „Drive“ wird das Publikum mit ultrabrutalen Bildern konfrontiert, noch mehr aber vor allem tritt jeglicher erzählerischer oder auch moralischer Inhalt zurück hinter das Primat der Form. Inszenierung ist alles. Träge wie der sediert wirkende Protagonist bewegt sich auch die Kamera von Larry Smith (der einst bei „Barry Lyndon“ und „The Shining“ mit Stanley Kubrick zusammenarbeitete und „Eyes Wide Shut“ für ihn fotografierte). Cinematografisch bewanderte Menschen fühlen sich an die alptraumhaften Szenarien David Lynchs oder die Surrealismen Alejandro Jodorowskys erinnert, aber auch ohne diese visuelle Vorbildung kann man sich der betörenden Wirkungsmacht der intensiven nächtlichen Gemälde in Schwarz, Blau und insbesondere Rot des – ironischerweise farbenblinden – Regisseurs kaum entziehen.

Ryan Gosling hat in „Only God Forgives“ nicht viel Text.
Ryan Gosling hat in „Only God Forgives“ nicht viel Text.
Foto: AP/dpa

All die Überwältigung und Faszination, zu der auf der Tonebene auch der hypnotische Soundtrack von Cliff Martinez beiträgt, kann die dramaturgisch schwache Grundlage dennoch nicht vergessen lassen. Es verhärtet sich der Eindruck, dass hier einer nichts zu erzählen hat, dies aber auf inszenatorisch vollendete Weise zelebriert. Was letztlich im Kopf bleibt, sind neben den exzellenten Licht- und Farbräuschen gewisse Folterbilder und die Auftritte von Kristin Scott Thomas. Wenig ist das freilich nicht, aber eben nicht genug für einen großen Film.

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