25.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Rainald Grebe am Schauspiel: Das schwarze Loch Frohsinn
24. March 2014
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Rainald Grebe am Schauspiel: Das schwarze Loch Frohsinn

rainald grebe

Und irgendwo lauert der Tod: Tilla Krachtochwill.

Foto:

Thomas Aurin

Köln -

Irgendwann singt dann auch das Premierenpublikum. Trömmelche, Veedel, dreimol null, das ganze Programm. Obwohl die superjeile Zick ja gerade erst überstanden ist, obwohl der leere Sitzungssaal (Bühne: Jürgen Lier) mit den fünf, sechs übrig gebliebenen Alkoholleichen im Depot 1 der versinnbildlichte Katerekel ist. Rechts lauert ein riesiger Totenschädel. Ejal. Die Schauspielerin Tilla Kratochwill hatte so nett gebeten, der Exil-Rheinländer Rainald Grebe hat sie aus Berlin mitgebracht. Dort, sagt Kratochwill, könne man sich das gar nicht vorstellen, dass alle dieselben Lieder kennen und diese jederzeit ... und schon simmer dabei.

Grebe ist als Liedermacher und Kabarettist bundesweit bekannt, und wegen seines ersten großen Hits assoziiert man ihn unwillkürlich mit Brandenburg.

Aber Grebe kommt eigentlich vom Theater, hat als Dramaturg und Regisseur gearbeitet, bevor er am Klavier berühmt wurde, und woher er noch kommt ist Frechen. Dort, erzählt er nun am Schauspiel Köln, sei er mit Blick auf den Dom aufgewachsen, an klaren Tagen. Dass er nach dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel getauft wurde, erfährt man zudem. Dieser Blick just am Ereignishorizont des schwarzen Loches Frohsinn qualifiziert Grebe wie keinen Zweiten dazu, sich Gedanken über "Die fünfte Jahreszeit" zu machen.

Zusammen mit seinem Ensemble hat er über den Kölner Karneval recherchiert, nachgefragt und mitgefeiert, die Schauspieler sind selbst erst vor wenigen Monaten am Rhein aufgeschlagen, selbst den Chor hat Grebe aus "Imis" zusammengesetzt - und die Premiere bewusst für die Fastenzeit angesetzt. Damit die Selbstbesoffenheit nicht bei der Selbstreflexion stört, oder genau andersherum.

Aber trotz der Kehraus-Stimmung am Anfang - der Elferrat besteht aus kopflosen Schaufensterpuppen, Benjamin Höppner wirft sich als sturztrunkener Gandalf ("The Fellowship of the Rhing") gegen ein Dixi-Klo - ist der Abend keine kalte Abrechnung, eher schon eine gutmütige, ehrlich verwunderte Betrachtung des Phänomens. Ja er folgt im Groben sogar der Dramaturgie des Karnevals, von der Kostümsuche bis zur Nubbelverbrennung.

Erwartbare Aufklärung

Für die noch ortsfremden Schauspieler eine zweistündige Übung im gnadenlosen Ranschmeißen an die kölsche Seele. Nikolaus Benda unterzieht sich einer Druckbetankung mit anderthalb Litern Bier, Stefko Hanushevsky übt ein anzügliches Pontifikalamt aus, der schon erwähnte Benjamin Höppner verhackstückt "Ich ben ne Räuber" zur außerirdischen Botschaft, Annika Schilling schließlich führt die große Klage über den Verlust des kölschen Laisser-faire in der durchreglementierten Franchise-Welt. Als reine Ansammlung hochkomischer Gangarten und Kostümideen ist der Abend durchaus bemerkenswert.

Umso erwartbarer fällt der aufklärerische Teil aus: antisemitische Zugwagen in den 30er Jahren, Jonny Buchardts genial decouvrierender "Sieg Heil"-Gag aus dem Sitzungskarneval der 1970er Jahre bis hin zur berechtigten, wenn auch gutmenschlichen Frage, warum wir eigentlich noch das Ende des Winters und der gehorteten Vorräte feiern, wenn es das ganze Jahr über im Rewe Ananas zu kaufen gibt? Doch sind das nicht alles Gedanken, die den normal gebildeten Kölner durchzucken, bevor er die Vorglühflasche ansetzt und sich ins Getümmel stürzt?

Die einzige offene Wunde, welche "Die fünfte Jahreszeit" berührt, ist Rainald Grebes Hadern mit der Kindheit und Jugend an der Peripherie. "Hinter Lekkerland und Toys'r'us, da kommt noch was", singt er inbrünstig, "und das ist Frechen." Ob man so etwas als Heimat annehmen könne, fragt er sich und antwortet leise: "Ja, doch."

Kölner beantworten diese Frage bekanntlich sehr viel ausführlicher und affirmativer. Auch wenn sie erst vor zwei Monaten hierher gezogen ist. Auch wenn, wie eine Dame aus dem Chor der Imis meint, man erst dazugehört, wenn man auf Melaten liegt. So ist "Die fünfte Jahreszeit" ein oft vergnüglicher Einführungsabend für neu Hinzugezogene geworden, doch über gesicherte Erkenntnisse und gefestigte Klischees führt er nicht hinaus. Kräftiger Beifall, die Schauspieler werfen Kamelle.