26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Reaktionen auf Vorfälle an Silvester: Wie sich Feingeister von heute und damals vor Köln ekeln
30. January 2016
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Reaktionen auf Vorfälle an Silvester: Wie sich Feingeister von heute und damals vor Köln ekeln

Hässliches Köln am Musical Dom

Hässliches Köln am Musical Dom

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Schmülgen

Es ist eine Flucht – aus Köln: „Der Reporter nimmt, noch bevor diese Freitagnacht in die Gänge kommt, den Zug nach Berlin.“ Die Begründung steht ein paar Zeilen vorher, da fasst der Journalist Moritz von Uslar seine Eindrücke vom Friesenplatz folgendermaßen zusammen: „Hier ist Köln, die hässliche Stadt, so richtig hässlich, viel 60er- Jahre-Beton, dunkle Scheiben, Plastik und Metallverschalungen.“

Die Überschrift des Artikels – er steht in der „Zeit“ vom 21. Januar – setzt noch einen drauf: „Ein paar Notizen aus Köln, der prolligsten Stadt Deutschlands.“ Das ist zwar durch den Beitrag nicht ganz gedeckt, illustriert aber sehr schön Richtung und Methode: Es ist offensichtlich das Stichwort „Köln“, das bei vielen „Auswärtigen“ zumal im Mediengewerbe etwas einrasten lässt. Da läuft spontan Ekelwasser im Mund zusammen – ein Pawlow’scher Reflex eigener Art.

In der Tat: Köln-Bashing – jüngst noch gefördert durch die Ereignisse der Silvesternacht – ist mehr denn je „in“ in diesen Tagen, ein Blick in journalistische Verlautbarungen zeigt, dass die „Zeit“ beileibe kein Einzelfall ist. Die „Süddeutsche Zeitung“ etwa, die sich traditionell darin gefällt, dem Bundesland NRW am Zeug zu flicken, hat auch Köln fest im Visier: „Ein Haus stürzt“, heißt es in einem Kommentar vom September 2015, „in einen U-Bahntunnel, Spendenskandale in der Politik, Korruption bei Großprojekten, Wahlen, die nicht richtig ausgezählt oder verschoben werden. Das sind alles Nachrichten, die ganz gut zu Schwellenländern passen. Sie kommen aber aus Köln, das man mittlerweile eine Schwellenstadt nennen könnte.“ Solche Schmähung lässt das lokalpatriotische Herz bluten: der Kölner – ein Eingeborener von Colonesien.

In einen Verunglimpfungsfuror hinein steigert sich im „Express“ der in Köln sozialisierte, aber in Berlin lebende Publizist Henryk M. Broder: „Köln ist nicht nur hässlich, die Stadt ist dynamisch hässlich. Das heißt, sie wird immer hässlicher. Eine Zumutung für das Auge!“ Es folgt eine Reisewarnung: „Verlass den Hauptbahnhof auf keinen Fall durch den Hinterausgang. Dort bietet sich ein Bild des Grauens.“

Keine Phantom-Kritik

Nun legt der Begriff Bashing die Vermutung einer medialen Inszenierung ohne starken Wirklichkeitsbezug nahe, einer – jedenfalls mit Blick auf Köln – vorurteilsvollen und in den Mauern dieser Vorurteile selbstbezüglichen Wahrnehmung. So einfach ist es freilich nicht: Hohn und Spott und Verachtung – kurzum: Köln-Hass – machen sich stets an Konkretem fest, das Klischee kann auch schon mal mit der Realität übereinstimmen. Politikversagen, Planungskatastrophen, Vermüllung und Urinisierung der Innenstadt, Trostlosigkeit der Platz-„Kultur“ – es ist ja keine Phantom-Kritik, die da auf die Stadt prasselt. Und Skandale in dichter Folge tragen das ihre dazu bei, dass die Metropole am Rhein dem überregionalen Negativ-Diskurs nicht abhandenkommt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie schlimm die Zeitzeugen anderer Epochen die Stadt gesehen haben.

Despektierliches liefern übrigens nicht nur Landsleute, bei denen man hilfsweise einen Neidfaktor in Anschlag bringen könnte: „Die Stadt war verwahrloster, als ich sie mir vorgestellt habe“, schrieb kürzlich der belgische Journalist Jeroen de Preter: „Ich habe Deutschland bislang mit Attributen wie »nett« und »rein« assoziiert.“ Wenigstens das: Köln taugt zu bereichernder Erfahrung.

Indes darf nicht übersehen werden, dass auch die aktuelle Köln-Prügel in einer langen, ehrwürdigen Tradition steht, die längst fest umrissene Beschreibungs- und Bewertungs-Topoi bereitgestellt hat: Als „die hässlichste und schmutzigste Stadt, die ich je mit eigenen Augen sah“, bezeichnete 1737 der Brite John Wesley Köln. „Das finstere, traurige Köln haben wir recht gern verlassen“, beschrieb Georg Forster 1790 seine Fluchtbewegung – diejenige von Uslars erscheint da fast wie ein Remake nach über 200 Jahren. Johanna Schopenhauer schwang sich 1828 – also nach der trostlosen reichsstädtischen Zeit – immerhin zu einem ambivalenten Urteil auf: „Eine seltsame Zusammensetzung von schön und hässlich.“

köstliche Sprachblumen

Köln-Bashing hat sich schon lange zu einem quasi ikonischen Muster verfestigt. Seine Bestandteile: Dreck, Hässlichkeit, eine von mafiösen Strukturen durchsetzte Politik und Verwaltung (hierzulande „Klüngel“ genannt), dazu die Bereitschaft, Probleme nicht ernsthaft anzugehen, sondern mit einem stets auf der Lauer liegenden karnevalesken Frohsinn zu umspülen. Lediglich ein Topos der altehrwürdigen Schelte hat sich verflüchtigt: Den Ruf, Hochburg katholischer Intoleranz und Gegenaufklärung zu sein, ist Köln mit Glück losgeworden.

Wer seinen Humor – als Kölner – nicht ganz verloren hat, kann den Herabwürdigungen der Vaterstadt sogar einiges abgewinnen. Böser Wille zeitigt hier oft genug köstliche Sprachblumen. Um makelloses Vergnügen zu bereiten, fehlt ihnen freilich meist ein Gran Selbstironie. Sie könnte sich in dem Bewusstsein äußern, dass viele Vorgänger Köln mindestens genauso metiersicher verprügelt haben.

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