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"The Master" im Kino: Von Sucht und Wahnsinn besessen

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Ausschnitt aus "The Master" von Regisseur Paul Thomas Anderson. Mit Joaquin Phoenix. (v.l.) 
Regisseur Paul Thomas Anderson bezeichnet seinen Film "The Master" als Liebesgeschichte. Die Story dreht sich um den traumatisierten Weltkriegsheimkehrer Freddie (Joaquin Phoenix) und dem Sektengründer Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman).  Von
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Als eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern hat Paul Thomas Anderson seinen Film „The Master“ bezeichnet. Tatsächlich liegt etwas schwer Erklärbares, eine Zuneigung jenseits von Begründung und Erklärung über der Beziehung zwischen dem traumatisierten Weltkriegsheimkehrer Freddie (Joaquin Phoenix) und dem Sektengründer Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman). Freddies Eingliederungsversuche in die Gesellschaft scheitern spektakulär, als Fotograf in einem Kaufhaus treibt er die Kunden in die Flucht, und seine Vorliebe für selbst destillierte Cocktails auf Reinigungsmittelbasis wirken sich nicht gerade günstig auf seine sexuellen Obsessionen aus.

Dagegen Lancaster Dodd im maßgeschneiderten Anzug, ein Typ zwischen Manager und Missionar – er sorgt mit geradezu väterlicher Umsicht für den hergelaufenen Freddie, der sich als blinder Passagier auf seinem Flussdampfer versteckt. Vielleicht ist es die Distanz zur konsumverliebten, saturierten amerikanischen Nachkriegsgesellschaft, die beide Männer symbiotisch vereint. Allen Unterschieden zum Trotz, sitzen sie damit im selben Boot, wortwörtlich und im übertragenen Sinn.

Porträt des Scientology-Übervaters?

Bevor Andersons „The Master“ im September Premiere auf dem Filmfestival von Venedig feierte, war intensiv darüber spekuliert worden, ob er mit Lancaster Dodd das Porträt des Scientology-Übervaters L. Ron Hubbard gezeichnet habe. Wenn, dann fällt dieses Bildnis sehr vage nach den Zügen des realen Sektenführers aus. Eher versammelt Anderson in der Figur Dodds Psychomoden der Zeit, angefangen von den Elitefantasien der Scientologen bis hin zum Neurolinguistischen Programmieren und diversen körperbetonten Ekstase-Therapien. Einmal rasen die Beteiligten mit Motorrädern durch die Wüste, und da fühlt man sich eher an James Dean und die Todessehnsucht im Geschwindigkeitsrausch erinnert.

Nein, Anderson mag ein Geistes-, Sitten- und Seelenbild der amerikanischen Nachkriegsjahre vorgeschwebt sein, als er mit „The Master“ begann, und auch auf das zeittypische Dekors mit voluminösen Karossen, schwerem Plüsch und dichtem Zigarettenqualm legt er viel Wert. Doch herausgekommen ist bei seinem Film etwas anderes, nämlich eine Geschichte über eine seltsame, teilweise bizarre Männerfreundschaft, die sich im Grunde erst in der Abwesenheit von Zeitgeist und gesellschaftlichen Kulissen richtig entfaltet. Wer „The Master“ auf seinen zeitkritischen Gehalt abklopft, wer in Lancaster Dodds Sekte „The Cause“ gar einen Anlass sieht, mit obskurantistischen Irrungen und Wirrungen abzurechnen, bleibt einigermaßen ratlos zurück. Von alledem bietet Andersons Film zu wenig, denn was übermächtig in den Vordergrund rückt, ist ein Mythos. Es ist der Mythos der Seelenverwandtschaft zwischen Freddie und Dodd.

Von Sucht und Wahnsinn besessen

Befördert wird dieses Ungleichgewicht, das „The Master“ unzweifelhaft prägt, durch die beiden Hauptdarsteller. Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman wurden in Venedig zu gleichen Teilen mit einem Löwen belohnt, und in der Tat könnte man sagen, dass dies fast mehr ihr Film als der von Anderson ist. Auch hier wieder maximale Gegensätze, ja, der Regisseur zelebriert das Bipolare nahezu: Phoenix ist von Sucht und Wahnsinn besessen, agiert körperlich an der Schmerzgrenze und lässt ein ums andere Mal seine Züge entgleisen. Dagegen der gravitätische, übergewichtige Hoffman: Beherrscht und entschlussfreudig bis zur Pose, nur einmal wird er wütend und laut, dann aber richtig. Vater und Sohn, Lehrer und Schüler, Guru und Heilssucher, General und Fußsoldat, all das sind Andersons Akteure, die auch durch ihre komplett unterschiedlichen Schauspielstile immer wieder in ihren Bann ziehen. Allenfalls Amy Adams als Muse im Hintergrund erreicht neben Phoenix und Hoffman noch so etwas wie Präsenz.

Ein kalter Film

Und doch: Trotz aller Rasereien, trotz emotionaler Spannungen und dramatischen Sprüngen bleibt „The Master“ ein kalter, ein auf Distanz haltender Film. Das erging bereits seinem Vorgänger, „There Will Be Blood“ mit Daniel Day-Lewis, nicht selten so, nun aber hält Anderson die Freiräume um seine Figuren derart offen, dass man zwar ausgiebig darüber spekulieren kann, welche Motive sie treiben und wohin ihr Weg wohl führen wird. Mitunter aber sind diese Freiräume nicht anderes als Leerstellen, und dort befindet sich dann eben nichts.

So leidet Andersons Film vor allem an dem Paradox, dass er zwar virtuose Darsteller, aber schwache Figuren besitzt. Auch wenn Andeutungen wie auf Scientology, Kriegstraumata und die neue Wohlstandswelt gewichtig daherkommen, letztlich bleiben sie nur Andeutungen.

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