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13. Summerstage: Die Globalisierung hörbar machen

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Auch Akua Naru, US-Rapperin mit Wohnsitz in Köln wird bei der Summerstage auftreten. Foto: WDR
Francis Gay ist Experte für „Weltmusik“ und wird am 1. Juni die Summerstage im Tanzbrunnen moderieren. Vorab erzählte er, wie sich der Kulturaustausch des Westens mit Afrika verändert hat.  Von
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Köln

Francis Gay, Sie sind einer der führende Experten für das, was man früher Weltmusik nannte. Warum passt dieser Begriff nicht mehr?

Francis Gay: Durch die Internetrevolution hat sich auch die Musik verändert. Als die Engländer Mitte der 80er die Musik anderer Kulturregionen „World Music“ genannt haben, war das eine notwendige Unterteilung. Heute spielt die einstige Peripherie eine wesentlich größere Rolle. Du kannst wie die Tuareg-Band Tinariwen deine Platte in der Sahara aufnehmen – ein Damon Albarn wird sie trotzdem hören. Gerade solche Pop-Größen wie der ehemalige Blur-Frontmann sind sehr stark an einem Austausch interessiert. Das kann man mit dem Interesse der Beatles an Indien vergleichen.

Was unterscheidet Kulturaustausch heute von demjenigen der 1960er?

Gay: Früher ist der Westen eher paternalistisch an die Dritte Welt herangegangen. Heute hat Afrika eine selbstbewusste, dynamische Jugend. Die sogenannten Afropolitans sind eine neue Generation, die in Afrika geboren, aber in einem anderen Land aufgewachsen ist. Ein Nigerianer, den ich in Lagos kennengelernt habe und der dort einen Wahnsinnsradiosender macht, hat zum Beispiel einige Jahre in Italien gelebt. Er spricht Italienisch, Englisch, Yoruba und, weil seine Großmutter zum Volk der Igbo gehört, auch noch Igbo. Mit mir sprach er flüssig französisch. Du hast es also in Afrika mit Leuten zu tun, die du bei uns so nicht findest, und die wollen in ihren Ländern etwas bewegen.

„Der Dialog geschieht heute mehr auf Augenhöhe“

Und solche Leute werden auch im Westen wahrgenommen?

Gay: Heute geschieht der Dialog viel mehr auf Augenhöhe, und die Auseinandersetzung führt zu ganz anderen Produkten. Nehmen Sie nur das aktuelle Album des New Yorker Rappers Talib Kweli: Da ist Seu Jorge aus Brasilien mit einem Song vertreten. Das hätten die Rapper früher nie gemacht. Aber heute haben alle begriffen, wo die Möglichkeit besteht, Inspiration zu finden und Vitalität zu erzeugen. Wir sehen uns als Funkhaus Europa da genau in der Mitte und sagen: Das ist alles Popmusik. Mit dem Unterschied, dass die Popmusik, die wir behandeln, erkennbare lokale Wurzeln hat.

Die also im Global Pop immer noch eine große Rolle spielen?

Gay: Ja. Es gibt hörbar verankerte Musik, etwa aus Belém, im Norden Brasiliens, oder aus Lagos in Nigeria, aus Nairobi in Kenia. Musik, die nur an diesen Orten entsteht. Die Globalisierung existiert selbstverständlich auch in der Musik. Die Künstler sind in ihren Ländern Popmusiker. Nur, dass sie anders klingen als das, was bei uns in den Charts steht.

Nehmen wir eine Band wie Vampire Weekend aus New York, die afrikanische Einflüsse in ihrer Musik verarbeitet. Die haben diese Klänge im Internet kennengelernt. Für die war es nicht wichtig, vor Ort zu sein. Kann das auch für eine Band in Lagos gelten?

Gay: Die Popliga dort ist umgekehrt sehr den USA zugewandt. Sie schauen auf Jay-Z, auf die R-’n’-B- und Hip-Hop-Szene. Dass ein Stück aus Nigeria und nicht aus den USA kommt, hört man teilweise nur am Pidginenglisch, der starken Vermischung mit der Yoruba-Sprache. Alle Zentren der African Urban Music lassen sich von der großen Musikmaschinerie in den USA inspirieren. Das gilt auch für die arabische Welt. Da ist Autotune, dieser stimmverzerrende Effekt, zum Muss geworden. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, diese Seiten der Globalisierung hörbar zu machen.

Zur Person
Francis Gay
Foto: Fulvio Zanettini / WDR

Francis Gay, 1957 in Frankreich geborener Musikchef der interkulturellen Hörfunkwelle Funkhaus Europa, wird am 1. Juni die 13. Summerstage im Kölner Tanzbrunnen moderieren. Ab 15 Uhr spielen hier der senegalesische Songwriter Lëk Sèn, die US-Rapperin Akua Naru, die Afro-Fusion-Combo Mokoomba aus Simbabwe und die Sängerin Totó La Momposina, der meist verehrte Star Kolumbiens. Der Eintritt kostet 20 Euro. (cbo)

Die Summerstage, die Sie am kommenden Samstag im Tanzbrunnen veranstalten, steht nun unter dem Motto „Back 2 Black“.  

Gay: Die Black Music erlebt meiner Meinung gerade eine neue, entscheidende Phase. Das gilt für Afrika, für Lateinamerika. Ein schönes Beispiel ist Akua Naru, die auch auf der Summerstage spielen wird. Das ist eine Rapperin aus den USA, die aber in Köln lebt. Die hat inzwischen weltweit eine große Anhängerschaft. Naru steht für die Renaissance des weiblichen Hip-Hop. Ihr Mann ist Deutsch-Nigerianer, sie ist also sehr afrikaaffin. Früher sind die Afroamerikaner nach Afrika gegangen, wollten alle umarmen à la „Wir sind doch ein Volk“. Das hat zu großen Beziehungskatastrophen geführt. Naru geht da viel abgeklärter, nüchterner an die Sache. Sie sieht aber auch die Vitalität, die momentan aus Afrika kommt.

Nicht überall in Afrika darf die Popszene erblühen. Tinariwen stammen aus Mali, auch der Sänger Bassekou Kouyate, mit dem Sie vor ein paar Tagen ein Konzert in Dortmund veranstaltet haben. In Mali selbst dürfen Musiker nach dem Putsch aber nicht mehr auftreten.

Gay: So ist es. Die Gefahr bei größeren Menschenversammlungen ist im Moment so groß, dass Konzerte verboten sind. Es herrscht Ausnahmezustand. Für die Musiker in Mali ist das eine Katastrophe. Andererseits wird es für Musiker immer schwieriger, Visa zu bekommen.

Das gilt wohl nicht nur für Mali?

Gay: Für Schwarzafrikaner, Araber, Asiaten, die als Künstler nach Deutschland reisen wollen, ist es immer schwieriger geworden, ein Visum zu bekommen. Ein Künstler, den wir aus Jakarta eingeladen haben, musste fünfmal bei der deutschen Botschaft vorsprechen. Parallel zur Globalisierung findet eine Hermetisierung statt.

Das Gespräch führte Christian Bos.

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