30.07.2016
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Adventskrimi — 1. Folge : Sonnenbrand zu Weihnachten

Alles Jahn

Sven hatte sich den Urlaub in Puerto Rico etwas anders vorgestellt. Nur ältere Damen und Sonnenbrand stattdessen. Denkt er zumindest.

Zwei Gärtners und der stille Gast

Sven Gärtner hatte einen Sonnenbrand.

Er versuchte, nicht darauf zu achten, dass sein Rücken förmlich in Flammen stand, und schaute stattdessen aus dem Fenster: Weißer Sandstrand erstreckte sich vor ihm, so weit das Auge reichte, darauf tummelten sich amerikanische Studentinnen mit Rumflaschen. Hohe Palmen neigten ihre Wedel dem azurblauen Meer entgegen, am Ufer blühten exotische, farbenprächtige Blumen.

Sven schaut noch ein wenig leidender. Keinen Tannenbaum, keinen Kerzenduft, keine Zimtschokolade. Puerto Rico und Sonnenbrand zu Weihnachten – wer hatte ihn bloß auf diese Idee gebracht?

Er wusste natürlich ganz genau, wer; sie saß neben ihm, ließ beschwingt die alten Beine schaukeln und sah unter ihrer schneeweißen Dauerwelle überaus zufrieden mit sich aus. Seine Oma, so harmlos sie mit ihrem großen Sonnenhut auch wirken mochte, hatte ihn hinterhältig in eine Falle gelockt. Sanften Sonnenschein hatte sie ihm versprochen, schattige Plätzchen am Pool, ein paar nette Mädels … Und er hatte zugesagt, bloß um aus dem verregneten Köln rauszukommen, um nicht mehr jede Minute in der Angst zu verbringen, auf dem Altstadt Weihnachtsmarkt seiner Ex und ihrem Neuen zu begegnen.

Sogar sein Handy hatte er zu Hause gelassen, um nicht mehr ihre besoffenen SMS lesen zu müssen.

Vorgefunden hatte er stattdessen bösartige Sonnenstrahlen, die ihm die Haut vom Körper brannte, und dauer-betrunkene Amerikanerinnen in geradezu karnevalesker Stimmung.

„Hör auf, so zu gucken, Junge, und iss endlich was! Du machst mich noch ganz feddich“, sagte seine Oma und schob ihm ein Brötchen zu.

Feddich?

„Oma, bitte, bitte, bitte“, flehte Sven. „Benutz dieses Wort nicht.“

„Warum? Das sagt ihr jungen Leute doch so, oder? Albern“, murmelte sie kopfschüttelnd.

Ihre stechend hellen Augen beobachteten die Insassen des Frühstückssaals ganz genau. „Saal“ war an sich schon beschönigend, es handelte sich höchstens um ein Zimmerchen, in dem acht Personen, zwei Kaffeekannen und ein Korb mit alten Brötchen Platz fand. „Ein Schnäppchen“ hatte Oma es genannt, diese Pension.

Ihr Besitzer war ein deutscher Auswanderer namens Herbert Baumann, der schon vor fünfundzwanzig Jahren beschlossen hatte, dass er genug von Spaß im Allgemeinen und jecker Freude im Speziellen hatte. Vermutlich hatte er deswegen eine Pension eröffnet, die ausschließlich Buchungen von alten Frauen und deren unglückseligen Enkeln annahm.

Drei solch älterer Damen mit tadellosen Dauerwellen und wundervoll bestickten Twin-Sets saßen am Nebentisch. Sie unterhielten sich im typischen Ton älterer Klatschtanten, die sich nicht mehr fürs Lästern schämten.

„Sach mal, wie viel Brötchen nimmt der dreiste Typ sich immer? Fünf?“

„Nee, glaub mir ma, dat waren mindestens sieb’n, letzte Ma!“

„Messdamms, es waren zehn, ich habe es ganz genau gezählt.“

„Zehn Brötchen? Wie soll er die denn alle essen, sach mal?“

„Wat weiß isch. Wenn er se überhaupt essen tut. Verschwindet doch imma wieda auf seinem Zimmer.“

Während Sven noch rätselte, ob „Messdamms“ wohl Mesdames heißen sollte, bloß falsche ausgesprochen, verengte Oma die Augen zu Schlitzen: „Jungchen, ich bin gleich wieder da.“

Dann glätteten sich ihre Züge auf einmal, legte ihre bezauberndstes Lächeln auf und schaute leicht verwirrt. Humpelnd stolperte sie zum Nachbarstisch und sagte mit zögerlicher Stimme: „Entschuldigen Sie bitte, meine Damen, aber ich bin ein klein wenig verwirrt. Haben Sie etwa gerade von meinem Enkel gesprochen? Ich weiß, er isst ein bisschen viel, aber der Junge ist noch im Wachstum, wissen Sie.“

Sven weigerte sich, in das trockene Brötchen auf seinem Teller zu beißen, auch wenn sie ihm einen tödlichen Blick zuwarf. Im Wachstum? Mit dreiundzwanzig?

„Ihr Enkel? Ma chère Madame, der junge Herr isst, mit Verlaub, wie ein Spatz. Wir sprechen von jemand Anderes ...“

„Einem Typen, der hier abgestiegen ist, ganz komischer Kerl, sach ich.“
„Dat kannste aber auch! Dreister Kerl, nimmt sich imma dat meiste am Buffet, nech?“
„In der Tat. Und er ist … Nun ja … Es ist etwas delikat, Madame ...“
„Ausländer isser! Spanisch, glaub isch, hat er gesprochen, dat is’ ’n Einheimischer, glaubstes mir.“
„Sach ich auch! Er kommt nie aus seinem Zimmer, nur zwei Minuten um halb sieben und frisst das Buffet leer, und hat de tiefsten Ringe unter den Augen.“

Oma nickte, ohne ihren gutmütig-senilen Gesichtsausdruck abzulegen: „Welche Zimmernummer hat der Herr denn? Vielleicht sollte sich jemand beim Wirt beschweren.“

„Drei“, sagten die alten Damen gleichzeitig, wie aus einer Schrotflinte geschossen. Sven zuckte sogar zusammen.

„Dann bin ich ja froh, dass Sie nicht meinen Enkel meinten“, schloss Oma gerade mit dem treuesten, harmlosesten Lächeln, und humpelte wieder zurück an ihren Tisch.

„Sven“, zischte sie. „Diese höllische Langeweile ist endlich vorbei! Ein Gast, der sein Zimmer nicht verlässt? Der hat doch Dreck am Stecken, garantiert.“

„Oma“, warnte er. „Ich will einfach nur Urlaub machen. Denk an letztes Jahr Weihnachten, okay?“

Im Jahr zuvor war ein Paketbote vor der Bescherung auf ihrem Teppich zusammengebrochen und an einer Zyankalivergiftung gestorben. Genug Action für den Rest seines Lebens, das wusste Sven.
„Papperlapapp!“, sagte sie. „Wir gehen auf Verbrecherjagd!“