27.07.2016
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Antisemitismus-Ranking: Broder diffamiert Augstein

Henryk M. Broder.

Henryk M. Broder.

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dpa

Jakob Augstein ist ein Antisemit. Jedenfalls hat das Simon Wiesenthal Center (SWC)  ihn dazu erklärt und den Herausgeber der  Wochenzeitung "Der Freitag" auf Platz neun  einer Liste der weltweit zehn schlimmsten Antisemiten  gesetzt. Der Spitzenplatz wurde den ägyptischen Muslimbrüdern zugewiesen,  zu deren Heilsbotschaft die Vernichtung des Judenstaates Israel und des jüdischen Volkes gehört. Auf Platz zwei findet sich mit gutem Grund das iranische Regime  und sein Präsident Mahmud Ahmadinedschad,  der Israel  als „Schandfleck“ betrachtet, „der aus der Mitte der islamischen Welt beseitigt werden muss“. 

Auf den vorderen Plätzen landeten auch antisemitische Fans des britischen Fußballclubs Tottenham Hotspur, die  eine gegnerische Mannschaft mit dem Hassspruch „Ihr werdet morgen vergast“ begrüßten.  Was hat nun all das mit Jakob Augstein zu tun?

Augstein hat weder in seinen Artikeln im Freitag noch als Kolumnist von Spiegel online Juden beleidigt oder den Staat Israel. Er hat für keine Vernichtung plädiert und für keine Vertreibung, aus seinen Texten spricht kein Hass und kein Ressentiment. Augstein nimmt sich lediglich die Freiheit, die Regierung Netanjahu dafür zu kritisieren, wofür sie alle Welt kritisiert. 

Permanenter Bruch des Völkerrechts

Also kritisiert er die völkerrechtswidrige  Siedlungspolitik der israelischen Regierung, also kritisiert er das Bombardement des Gaza-Streifens („An Frieden haben beide Seiten kein Interesse“), also kritisiert er die ultraorthodoxen  Fundamentalisten, von denen drei im Kabinett Nethanjahus säßen, nachdem er vorausgeschickt  hat: „Israel  wird von islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht.“ Die Kritik, die Jakob Augstein regelmäßig an der Politik der israelischen Regierung äußert, ist weder besonders polemisch noch einseitig. 

Sie deckt sich mit der Haltung vieler Israelis, die seit Jahr und Tag ihre Regierungen kritisieren,  nicht nur, weil sie  ein friedliches Mit- und Nebeneinander mit  den Palästinensern mutwillig unmöglich machen, sondern auch, weil  diese kompromisslos  unversöhnliche Politik die Existenz Israels  auf Dauer absehbar gefährdet. Die Frage, wer den Bestand des Staates Israel  auf lange Sicht eher gefährdet – arabische Despoten und Terroristen oder Benjamin  Netanjahu – ist noch  nicht entschieden.

Kritik an der Politik der israelischen  Regierung muss erlaubt sein, sie ist auch geboten. Und selbstverständlich ist sie auch dort erlaubt, wo sie am dringendsten geboten ist: in Israel. In der einzigen Demokratie des Nahen Ostens  wird der politische Meinungskampf sogar härter geführt als in den meisten westeuropäischen Demokratien,  zuweilen so hart, dass manche   israelische Regierungskritiker sich umstandslos auf der Negativliste des Wiesenthals Center wiederfinden müssten –  wäre der Unfug einer solchen Reaktion nicht offensichtlich.

Rufmord à la Broder

Warum aber wird   dann  ausgerechnet Jakob Augstein weltweit als Deutschlands führender Antisemit angeprangert?   Die Erklärung findet sich in der Begründung  der Entscheidung des SWC, genauer in dem Leumundszeugen gegen Augstein, auf den sich das Wiesenthal Center beruft: „Jakob Augstein ist kein Salon-Antisemit, er ist ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder, ein Überzeugungstäter, der nur Dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen.“  

Beleidigen kann jeder, diffamieren, lügen  und rufmorden  auch,  aber in einem  Satz  eine Person  gleichzeitig beleidigen, diffamieren, über sie  Lügen verbreiten und  einen Rufmord begehen, das kann in der deutschen Publizistik nur einer. 

Es spricht für den deutschen  Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft,  aber es spricht gegen das Simon Wiesenthal Center, dass es  den Lügen und Verleumdungen dieser trostlosen Witzfigur aufgesessen ist. Wer Broder Glauben schenkt, der vertraut auch einem Bankräuber sein Bargeld an und einem Kannibalen die Ehefrau. Mit der weltweiten Ausrufung Augsteins als Antisemit hat sich das  Simon Wiesenthal Center  –  möglicherweise ungewollt, aber grob fahrlässig – zum Komplizen Broders gemacht und zum Vollstrecker der Rufmordkampagne, die Broder seit Längerem gegen den Freitag-Herausgeber führt.

Die Sprache des Nationalsozialismus

„Parasit“, „parasitäres Pack“, „Pack“ – Broder ist der einzige deutsche Journalist, der sich unentwegt der Sprache des Nationalsozialismus bedient, ohne als durchgeknallter Rechtsextremist  geoutet zu werden. Als hätte er Dolf Sternbergers „Wörterbuch des Unmenschen“ geplündert und sich  Begriff für Begriff einverleibt, spricht und schreibt er in der Sprache Hitlers und  Goebbels’, nur eben, dass er nicht Juden diffamiert, sondern jeden, den er zur Strecke bringen will.

Sprach Hitler  vom „ewigen Parasiten“, wenn er Juden meinte,  spricht Broder vom „Parasiten“, wenn er den Ruf  eines nach seinem Empfinden überbezahlten Referenten einer Nicht-Regierungs-Organisation vernichten will. Sprach Goebbels vom „Pack“, wenn er auf die  Kommunisten zielte,  spricht Broder davon, wenn er die „Gutmenschen“ treffen will. 

Das Simon Wiesenthal Center zitiert  Broder mit der Bemerkung, Augstein habe das Zeug zu einem „kleinen Streicher“,  der Gründer und Herausgeber des  antisemitischen und pornografischen Hetzblatts  Der Stürmer war.   Zumindest was die Pornografie betrifft, kann Broder Streicher fast das Wasser reichen: Streicher war für die  Sammlung pornografischer Werke berüchtigt, die er gesammelt, Broder war einmal bekannt für pornografische Schriften, die er geschrieben hat.

Als Leumundszeuge kommt Broder seit langer Zeit schon nicht mehr in Betracht.