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Art Cologne: Von Kunst keine Ahnung? Egal!

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Christian Saehrendt - unser Kunstexperte. Foto: Sarah Tschanz
Ist Damien Hirst ein Künstler? Welchen Galeristen muss man kennen? Es ist Art Cologne und Sie haben keinen Plan? Nur Mut, meint Christian Saehrendt und gibt Antworten auf drängende Amateur-Fragen.  Von
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Köln

Wir haben Menschen gebeten, ihre Fragen zur Kunst loszuwerden. Menschen, die sich für Kunst erwärmen, aber nach eigenem Bekunden keine Ahnung haben: Die Fragen, so die Bitte, sollten anonym behandelt werden, was allein tief blicken lässt in den Graben zwischen Laien und Fachleuten und uns gleich zur ersten Frage führt, Herr Saehrendt.

Warum haben Laien so viel Angst davor, sich zu blamieren, wenn sie über Kunst sprechen?
Viele sind sauer, den Sinn der ausgestellten Werke nicht zu verstehen, es ist der Unwille, sich bei Führungen „wie ein Kind“ belehren lassen zu müssen, es ist die Angst vor der Blamage beim Reden über Kunst – all das löst leider Unwohlsein und Aggression gegen Kunst aus. Kunst erinnert uns stets an unsere Bildungslücken, man weiß nie genug darüber!

Ich will mir auf der Art Cologne einen Überblick verschaffen. Was ist gerade in, was bleibt? Fotografie, Malerei, Skulptur?
Unmöglich zu sagen: Heutzutage ist immer alles gleichzeitig in und out. iPad-Maltechniken allerdings sind so was wie Bierdeckelkritzeleien 2.0 – doch eher Alltagsgeste als Hochkultur.

Unser Experte

Christian Saehrendt, 45, studierte Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste , später Neuere Geschichte und Kunstgeschichte. Mit Steen T. Kittl hat er populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht, darunter den Ratgeber „Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst“, DuMont Buchverlag, 288 Seiten, 9,99 Euro. Er probt außerdem auf der Art Cologne das „coole Kunst-Kaufen“, zu sehen als Beitrag am Montag, 22. April, um 20.01 Uhr auf Eins Festival.

Welchen Galeristen muss man kennen?
Die Großgalerien, die auch dieses Jahr wieder Glanz und Umsatz nach Köln bringen: Eigen + Art, Gisela Capitain, Karsten Greve, Hauser & Wirth, Ropac und Michael Werner. Empfehlenswert auch die Nachwuchsgalerien in der Abteilung „New Contemporaries“. Es geht aber nichts über einen aufmerksamen, unvoreingenommen Gang über die Messe, um sich selbst ein Bild zu machen.

Die Highlights der ART COLOGNE 2013

Auf der diesjährigen Messe spielen angeblich Skulpturen eine große Rolle. Welchen Künstler muss man kennen?
Sag ich Ihnen nicht! Es bringt überhaupt nichts, wenn alle das Gleiche kaufen – man muss schon selber herausfinden, was einem gefällt.

Victor Burgin: „Office at Night“, Galerie Thomas Zander, Köln
Victor Burgin: „Office at Night“, Galerie Thomas Zander, Köln
Foto: Galerie Thomas Zander, Köln

Ein Kriterium zur Kunsterkennung war vor der Moderne das handwerkliche Können. Kann ich es wirklich nicht mehr als Orientierung gebrauchen?
Das Handwerk spielt nach wie vor eine Rolle, nur nicht als Hauptkriterium für ein gutes Kunstwerk. Es kommt entscheidend darauf an, ob eine originelle Idee hinter dem Kunstwerk steckt. Etwas, was uns mehr bewegt als der Respekt davor, dass jemand sein Handwerk beherrscht.

Ich möchte kaufen, aber keinen Totalversenker, der mich nach ein paar Jahren lächerlich macht. Woran erkenne ich bleibende Kunst noch nicht etablierter Künstler?
Am besten schaut man, wer schon in relativ jungen Jahren Museumsausstellungen zu verzeichnen hat und wessen Werke auf dem Sekundärmarkt, also zum Beispiel bei Auktionen, auftauchen – dann ist am ehesten stabile Werthaltigkeit zu erwarten.

Mehr dazu

Kann schlechte Kunst erfolgreich sein?
Sicher! Galeristen-Urgestein Michael Werner hat selbst mal gesagt, dass es möglich sei, „Mist über Konsens an die Spitze zu bringen“. Konsens heißt: Wenn sich einige wichtige Mitspieler des Kunstmarktes – Händler, Sammler, Museumsdirektoren – darauf verständigt haben, einem Shootingstar die große Bühne zu bieten. Allerdings halten sich diese Dünnbrettbohrer oftmals nicht so lange – für zehn bis 20 Jahre reicht es aber.

Ich mag immer noch gegenständliche Bilder – ist das schlimm?
Schlimm! Früher (als die Mauer noch stand) hätte man – natürlich im Spaß – gesagt: Geh doch rüber! Heute ist figürliche Malerei eher akzeptiert, gilt aber nach wie vor als geistig weniger anspruchsvoll.

Ich möchte eine Video-Installation kaufen, muss ich die dann immer laufen lassen, damit es Kunst ist?
Im Prinzip ja. Der Flatscreen darf niemals kalt werden! Sonst ist es ja nur eine DVD im Schrank beziehungsweise eine Datei auf dem PC. Ein Gemälde ist dagegen immer – ein Gemälde.

Wie erkenne ich, ob ein Preis für ein Kunstwerk gerechtfertigt ist?
Tim Roth alias Cal Lightman – aus der US-Fernseh-Serie „Lie to me“ – würde es dem Galeristen sofort an der Nasenspitze ansehen! Spaß beiseite: Nur durch den Vergleich mit anderen Künstlern gleicher Kragenweite und den Seitenblick auf andere Galerien erkenne ich einen überrissenen Preis. Marktbeobachtung ist hier auf jeden Fall vonnöten und die ist manchmal ziemlich aufwendig.

Wie spreche ich einen Künstler an?
Am besten gar nicht! Dafür hat er ja seinen Galeristen. Außer, der arme Künstler hat keine Galerie-Connections und läuft solo auf der Messe herum, dann freut er sich sicher und zeigt Ihnen auch gleich ein paar Arbeiten auf seinem iPhone/iPad.

Wie viel an einem erfolgreichen Künstler ist Marketing und wie viel Kunst? Mit anderen Worten: Ist Damien Hirst ein Künstler?
Selbstvermarktung, Selbstinszenierung, Selbstdesign – das ist heute die halbe Miete. Macht den Kunstbetrieb einerseits unterhaltsam, hält andererseits von einem intensiven künstlerischen Arbeitsprozess ab – die Ergebnisse sind dann manchmal etwas flach. Kaum einer verkörpert dieses Prinzip besser als Hirst.

Birgit Brenner: „Fliegen“, Eigen + Art, Berlin
Birgit Brenner: „Fliegen“, Eigen + Art, Berlin
Foto: Eigen + Art, Berlin

Bas Jan Ader sprang von den Bäumen und fuhr mit dem Fahrrad in die Kanäle. Muss gute Kunst heute wehtun?
Voller Körpereinsatz und Aktionen am Rande des Burnouts oder Wahnsinns, das bringt Punkte im Kampf um Aufmerksamkeit. Und ist doch toll, wenn man als Zuschauer mitleiden oder sich fremdschämen kann, oder?

Wenn Erbauung heute out ist, gibt es überhaupt noch Kunst, die gefallen will?
Klar. Neben der sperrigen, spröden, hässlichen, stressigen Gegenwartskunst gibt es immer noch jede Menge Kitsch, Bling-Bling, Materialprotzerei im Stil von Jeff Koons. Und manche Kunst will einfach nur den Reichen gefallen – weil sie teuer ist und sonst gar nichts.

Sie behaupten: Heute muss man unter jeder Teppichfalte mit einem Kunstwerk rechnen. Wer bestimmt dann, was Kunst ist?
Das bestimmen Kunstmarktinsider. Sobald ein Galerist sich bereiterklärt, ein Objekt in seiner Handlung anzubieten, ein Käufer sich dafür findet und ein Museumsdirektor es dann ausleiht – ist es Kunst. Moderne Kunst wird weitgehend vom Betrachter gemacht. Sie ist Ansichtssache, von uns allen. Wir machen die Kunst!

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