31.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Ausstellung: Ein Lächeln für die hohe Kunst
22. March 2013
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Ausstellung: Ein Lächeln für die hohe Kunst

Saul Steinbergs "Mutter mit Kindern" (1950) Bild: ksta

Saul Steinbergs "Mutter mit Kindern" (1950) Bild: ksta

Köln -

Saul Steinberg wusste aus leidvoller Erfahrung, was es bedeutet, abgestempelt zu sein. Sein italienisches Hochschulzeugnis bescheinigte ihm 1941 zwar auch den Abschluss eines Architekturstudiums, aber vor allem, dass er jüdischer Abstammung sei.

Die Rückkehr in sein Geburtsland Rumänien wurde dadurch ebenso unmöglich wie ein verlängerter Aufenthalt in Italien. Steinberg schiffte sich über Portugal in die Vereinigten Staaten ein, nur um in Ellis Island zu erfahren, dass das jährliche Kontingent für rumänische Flüchtlinge bereits ausgeschöpft war. Abgeschoben in die Dominikanische Republik, wartete Steinberg, bis er, schon damals ein brillanter Zeichner und Karikaturist, endlich an die Reihe kam.

Aus dieser Wartehalle zur Freiheit brachte Steinberg neben einer lebenslangen Obsession für offizielle Urkunden und Stempel (denen er seine eigenen fantastisch verschnörkelten Varianten entgegen- setzte) ein feines Gespür für die Wechselfälle des Lebens mit. Wenige Künstler blickten mit ähnlicher Scharfsicht und Eleganz auf die scheinbare Sicherheit der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft - was ihm von dieser mit allen Ehren gedankt wurde, die einem Satiriker zuteil werden konnte.

Sogar in den Stellvertreterkrieg gegen den Sputnik wurde Steinberg geschickt: Während die Sowjets auf der Brüsseler Weltausstellung von 1958 mit ihrer Raumfahrttechnik prunkten, warben die USA mit den Vorzügen des westlichen Lebensstils. Dazu gehörten neben Konsum und Abstraktem Expressionismus ein von Steinberg collagiertes Gesellschaftspanorama. Zum Beweis, dass Amerika über sich selbst lachen kann.

Großes Gesellschaftspanorama

Im Kölner Museum Ludwig ist dieses große Panorama jetzt erstmals seit 1958 wieder in seiner gesamten Länge von 74 Metern zu sehen. Für "The Americans" setzte Steinberg das Bild seiner Heimat aus acht jeweils drei Meter hohen Teilen zusammen, die von der "Big City" über Cocktailpartys und Baseballspiele bis in die Main Street der Kleinstadt führt. Steinberg lässt keine Klischees des amerikanischen Alltags aus, veredelt sie aber zu wunderbaren Kunstwerken. Sein reduzierter Stil mit teilweise grotesken Figuren führt den modernen Primitivismus eines Paul Klee oder Jean Dubuffet fort und zaubert der hohen Kunst ein Lächeln ins Gesicht.

Dass Steinbergs Panorama nach Ende der Weltausstellung nicht vernichtet wurde, ist den Musées Royaux des Beaux-Arts in Brüssel zu verdanken. Sie erbarmten sich des zuvor erfolglos herumgereichten Kunstwerks und bewahrten es in ihren Depots auf. Hier wurde es auch von Kasper König, der Steinbergs Werk als Jugendlicher gesehen hatte, als Ganzes für das Museum Ludwig ausgeliehen.

Königs Amtszeit lappt hier noch einmal prominent über die von Philipp Kaiser, und so wird der ehemalige Direktor wohl zum ersten Mal nach seinem Abschied wieder einer Ausstellungseröffnung im Ludwig beiwohnen.

Es ist ein Glück, dass Saul Steinbergs Panorama von zahlreichen kleineren Arbeiten aus den 50er Jahren begleitet wird. So lernt der Besucher diesen Meister des beiläufigen Humors auch in dem Format kennen, das ihm am dienlichsten war. Um zu zeigen, wie zwei Menschen einander missverstehen, setzt er ihre Fantasiesprache in labyrinthische Schrifttypen, und nichts verdeutlicht die Ohnmacht des kleinen Angestellten besser als die Sprechblase eines Chefs, die dessen Wortschwall in einem "No" zusammenfasst.

Ähnlich einfallsreich zeigt sich Steinberg, wenn er für den Fotoapparat inszeniert. Seine Mutter mit Kindern von 1950 ist ein herrliches, sich selbst erklärendes Spiel mit der modernen Collagetechnik. Gleiches gilt für das aus Papier in Form geknüllte Gebirge, in dem drei Strichfiguren die Proportionen verdeutlichen.

So klein mit Hut, nämlich unter einer bemalten Papiertüte verborgen, trat der 1999 verstorbene Steinberg gerne auf. Hinter der Maske des Humoristen wird man eben so leicht nicht abgestempelt.

Zur Person und Ausstellung

Saul Steinberg (1914-1999) war einer der angesehensten Zeichner und Karikaturisten der amerikanischen Nachkriegszeit. Sechs Jahrzehnte prägte er mit seinen Arbeiten das Bild der renommierten Zeitschrift "New Yorker".

Saul Steinberg - The Americans, Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, Köln, Di.-So. 10-18 Uhr, bis 23. Juni.

Der Katalog ist im Snoeck-Verlag erschienen und kostet 36 Euro