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Auszeichnung: Dramatikerpreis für Missbrauchs-Drama

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Die 22-jährige Schweizerin Katja Brunner gewann in diesem Jahr den Mülheimer Dramatikerpreis.  Foto: dpa
Jung, skrupellos, aber feinfühlig: Eine Nachwuchsautorin aus der Schweiz gewinnt den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis. Katja Brunner hat ein alptraumhaftes Stück über sexuellen Missbrauch geschrieben - aus der Sicht des Opfers.
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Mülheim/ Ruhr

Kaum ein Tabu-Thema ist so heikel auf der Bühne darzustellen wie sexueller Kindesmissbrauch. Und weder Regisseure noch Theater reißen sich um Stücke mit diesem schwierigen Thema, wenn sie nicht gerade aus der Feder der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek stammen. Und doch übt das Missbrauchthema offensichtlich eine große Anziehungskraft auf Theaterautoren aus.
Im Wettbewerb zum renommierten Mülheimer Dramatikerpreis waren dieses Jahr gleich drei Missbrauchsstücke. Eines stammt von Jelinek, eines von dem Grantl-Bayern Franz Xaver Kroetz. Als Siegerin aber triumphierte eine noch unbekannte junge Autorin. Die erst 22-jährige Schweizerin Katja Brunner gewann mit ihrem Stück „Von den Beinen zu kurz“ - eine erbarmungslose Nahaufnahme des jahrelangen Missbrauchs eines Mädchens durch ihren Vater - den begehrten, mit 15 000 Euro dotierten Preis.
Schon die Auszeichnung einer Newcomerin, die als jüngste Autorin und überhaupt das erste Mal beim Mülheimer Stückewettbewerb vertreten war, ist eine Überraschung. In den vergangenen Jahren hatte Elfriede Jelinek mit vier Preisen praktisch ein „Dauer-Abo“ für Mülheim. 2012 siegte Peter Handke. Unter den dieses Jahr nominierten acht Autoren waren auch bekannte Namen wie Moritz Rinke oder Felicia Zeller.
Dass sich die fünfköpfige Jury traute, ein provozierendes Inzest-Stück zu prämieren, zeugt von Mut. Das Votum war mit drei von fünf Stimmen denn auch denkbar knapp. Der Mülheimer Stückewettbewerb gehört im übrigen zu den wenigen Festivals, in denen die Jury öffentlich tagt und der Sieger nicht in Hinterzimmern nach kaum nachvollziehbaren Regeln ausgesucht wird.
Erst 18 Jahre alt war Brunner, als sie „Von den Beinen zu kurz“ schrieb. „Sie ist so wahnsinnig jung und skrupellos, aber feinfühlig“, brachte die Schauspielerin Wiebke Puls als Jury-Mitglied ihre Bewunderung zum Ausdruck. Die Direktorin der Hamburger Theaterakademie, Sabina Dhein, sagte: „Sie marschiert über jegliche Tabugrenzen hinweg, ohne reißerisch zu sein.“
Brunner erzählt die Geschichte aus der Sicht der missbrauchten Tochter, die nach Ansicht der Jury als eine „Lolita spricht, die kein Opfer sein will“. Es ist schwer erträglich, wenn sich die Tochter, die seit ihrem Baby-Alter missbraucht wird, den Inzest als Liebesgeschichte zurechtlegt. Uraufgeführt wurde „Von den Beinen zu kurz“ im Frühjahr 2012 in einem kleinen Theater in Zürich. In Deutschland hatte es Anfang dieses Jahres im Staatstheater Hannover in der Regie von Heike Marianne Götze Premiere.
So erbarmungslos ist das Alptraum-Stück, dass Brunner sich fragen lassen musste, ob sie hier eine eigene grausame Erfahrung verarbeitet. Das verneint sie ausdrücklich. Ein entscheidender Impuls sei „wohl eine grundsätzliche Wut auf verschiedene Scheinheiligkeiten“ gewesen, sagt Brunner in einem Interview mit „Theater heute“. „Eine grundsätzliche Wut auf die Einfachheit simpler Täter- und Opferschablonen, durch welche dann ein ganzes Weltbild gepresst wird.“ Und sie habe das „Bedürfnis nach einer Abrechnung mit den Wohfühlempörten“.
„Wut“ zeigt sich nach einhelliger Meinung der Jury auch in der Sprachkraft Brunners, die bereits mit der unumstrittenen Sprachakrobatin Jelinek verglichen wird. Natürlich gehörte auch die bereits zum 17. Mal nominierte Jelinek wieder zu den Favoriten. Doch Juror Tobias Becker („Spiegel“) machte deutlich, was manche wohl insgeheim dachten. Das Jelineksche „Assoziationsrauschtheater“ drohe sich als sprachlicher Zugriff abzunutzen, sagte er. So setzte die Jury diesmal auf eine ganz neue Handschrift. (dpa)

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