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Autor Gavron: Den Teufelskreis durchbrechen

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Assaf Gavron lebt in Tel Aviv.  Foto: stefan worring
Assaf Gavron ist einer der erfolgreichsten Schriftstellers Israels und zugleich einer der Autoren der Aktion „Buch für die Stadt 2012“. Eindrucksvoll und bildhaft spricht Gavron über das Leben mit dem Luftalarm in Tel Aviv.
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„Weißt Du, warum sie auf uns schießen?“

„Weil sie uns nicht mögen. Weil wir auf sie schießen.“

„Und warum schießen wir auf sie?“

„Weil wir sie nicht mögen. Weil sie auf uns schießen.“

„Der perfekte Teufelskreis – wie er mir von einem Fünfjährigen erklärt wurde“ ist eine Mini-Geschichte des israelischen Schriftstellers

Alex Epstein auf Facebook

Beim ersten Luftalarm, am Donnerstagabend, schaltete ich im Büro gerade meinen Computer aus. Ich sah meinen Lektor an – wir hatten soeben den Text für die Umschlagsrückseite meines neuen Romans beendet – und fragte: „Was haben sie noch mal gesagt, was wir tun müssen?“ Auf den Webseiten und in den Zeitungen gab es Verhaltenshinweise für den Fall eines Luftalarms. „Ich glaube, wir sollen den Schutzraum des Gebäudes aufsuchen“, sagte er. Wir gingen zur Tür hinaus, und da standen schon alle Nachbarn, die dasselbe suchten wie wir. Es stellte sich heraus, dass der Schutzraum nicht hergerichtet war, um uns aufzunehmen. Also sprang ich auf mein Fahrrad und machte mich auf den Weg nach Hause – das Handy-Netz kollabierte, weil jeder irgendjemanden anrufen wollte, um zu fragen, wie er überlebt habe, und umso mehr wollte ich bei meiner Familie sein.

Vita

Assaf Gavron wurde 1968 geboren, wuchs in Motza bei Jerusalem auf und studierte in London und Vancouver und lebt heute in Tel Aviv. Er hat vier Romane veröffentlicht: „Ice“, „Moving“ (dt. „Alles paletti“), „Almost Dead“ (im angelsächsischen Buchhandel unter dem Titel „CrocAttack“, dt. „Ein schönes Attentat“) und „Hydromania“, zudem eine Kurzgeschichten-Sammlung: „Sex in the cemetery“. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Er hat unter anderem den israelischen „Prime Minister’s Creative Award“ und den „Geffen Preis“ gewonnen. 2010 nahm er ein Stipendium des DAAD in Berlin wahr. Er übersetzt Werke von J. D. Salinger, Philip Roth, Jonathan Safran Foer und Joanne K. Rowling und hat das Computerspiel „Peacemaker“ mitentwickelt, das den Nahost-Konflikt simuliert. Außerdem ist er Mitglied der Band „The Mouth & Foot“. Die Gruppe hat bislang vier Alben veröffentlicht – in einem Abstand von jeweils sechs Jahren. Gavron ist Kapitän der israelischen Schriftsteller-Nationalmannschaft.

Beim zweiten Luftalarm, am Freitag um 13.30 Uhr, versuchte ich gerade, ein Nickerchen zu machen. Ich stand auf und fragte mich, ob ich meine zwei Jahre alte Tochter wecken sollte. Die Anweisungen lauteten, einen Schutzraum aufzusuchen oder, wenn man keinen hatte, im Hauseingang und nicht in der Wohnung zu bleiben. Offenbar ist es auf diese Weise sicherer, falls Fensterscheiben zu Bruch gehen. Aber ich wollte nicht den Schlaf meiner Tochter stören, also stand ich vor ihrer Tür und versuchte, mich fernzuhalten von möglicherweise zersplitternden Glasscheiben und zugleich nahe bei ihr zu sein, falls etwas passieren sollte, aber auch nicht zu nah, um sie nicht zu wecken.

Beim dritten Mal, am Samstagnachmittag, war ich mit dem Kind auf dem Spielplatz (meine zweite Tochter war in beiden Fällen auf Geburtstagspartiys ...). Als der Luftalarm begann, nahm ich es auf den Arm. Meine Tochter weinte und sagte, sie wolle wieder auf die Rutsche gehen. Ich sagte: „Hörst du den Lärm? Das bedeutet, dass wir ein Gebäude aufsuchen müssen.“ Wir gingen zum Bunker des nächstgelegenen Gebäudes und wurden von den Bewohnern willkommen geheißen. Nachdem eineinhalb Minuten vergangen waren – das ist die Zeitspanne, die man auf einen Raketeneinschlag warten muss –, gingen wir zurück zum Spielplatz.

Ein Adrenalinstoß, wie ihn wohl auch Spieler beim „Russisch Roulette“ spüren

Beim vierten Alarm, am Sonntagmorgen, ist es schon Routine. Du gehst zum Schutzraum, du kehrst zurück, du machst weiter mit dem, was du gerade getan hattest. Sogar das Handy-Netzwerk ist weniger strapaziert, sodass du dich mit einem kurzen Anruf vergewissern kannst, dass deine Lieben wohlauf sind.

Manche Leute fragen, ob der „Tel Aviv bubble“ – diese spezielle Zone, die vom umliegenden Kriegsgebiet des Mittleren Ostens getrennt ist und wo man ein westliches Leben führt, Espresso schlürft und Party macht – ob diese „Blase“ geplatzt sei, als die ersten Raketen einschlugen. Ich glaube, dass das nicht der Fall ist. Wenn der „bubble“ bedeutet, dass man vorgibt, New York oder London zu sein – nun, diese Metropolen haben auch schon den einen oder anderen Terror erlitten. Wenn dieser „bubble“ die Möglichkeit meint, sich von den Nachrichten abzuschotten und zu tun und lassen, was man möchte – dann gibt es diese Möglichkeit immer noch. Die Bars und Clubs sind weiterhin geöffnet, die Cafés voll mit Espresso-Trinkern, die Straßen mit Fahrrädern und die Strände mit Schwimmern – wir haben 29 Grad im November. Okay, es gibt dann und wann die 90-Sekunden-Unterbrechungen, aber diese scheinen die Lebenslust und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Tel Aviver noch zu fördern.

Man sieht, so ein Luftalarm erinnert beinahe an eine Party: Jeder wird herausgerufen, die Menschen müssen sich versammeln, Kontakte werden geknüpft. Abgesehen davon gibt es die 90-sekündige Anspannung – eine Art Adrenalinstoß, von dem ich annehme, dass ihn auch Spieler beim „Russisch Roulette“ oder Fallschirmspringer spüren – und dann die Erleichterung, wenn die Zeit vorbei ist und man überlebt hat, was jeden noch aufgeregter und freundlicher macht. Das ist etwas völlig anderes als zur Zeit der Selbstmordattentate – damals gab es keine Warnung, nur die plötzliche, tödliche Explosion, und selbst wenn man nicht verletzt wurde, war alles, was man fühlte, ungeheure Angst und Wut. Es gab keine kollektive Therapie wie jetzt. Eine weitere Dimension dieses Miteinanders sind die sozialen Medien. Mit Hilfe von Facebook und Twitter verbreitet man die Gedanken, Zorn, schwarzen Humor und Klagen viel schneller und weiter als zuvor. Es ist einerseits beängstigend, weil man das Ausmaß des Hasses, der Blindheit und der Hoffnungslosigkeit so vieler Idioten deines Volkes sieht. Aber es wirkt auch bestärkend, weil man sich an dem Gefühl einer Gemeinschaft wärmen kann, das die Menschen auf deiner Seite – die du als die vernünftige Seite ansiehst – online erzeugen mit ihrer Klugheit und ihrem Humor (wie in der eingangs zitierten Geschichte).

Gewalt ist sinnlos und macht den Schmerz nur noch größer

Ich sollte es klarstellen: Selbstverständlich ist die Lage alles andere als ein Spaß. Das gilt für die Einwohner Tel Avivs, die einige eindeutige Schreckmomente hinter sich haben, wie für die Bewohner im Süden Israels, die in den vergangenen Tagen ständigen und unerträglichen Raketenangriffen ausgesetzt sind. Und das gilt definitiv auch für die Einwohner von Gaza, die ihre Toten und Verwundeten zählen und schwere Zerstörungen erleiden. Aber ich glaube, dass das Bewusstsein ein Spiel mit einem spielt – es drängt das Schlimme zurück und bringt das Beste hervor, was unter diesen Umständen möglich ist.

Einige Menschen denken auch, dass, sobald Tel Aviv in den Teufelskreis der Gewalt gerät, seine relativ liberalen und links eingestellten Einwohner plötzlich die Notwendigkeit erkennen würden, aggressiv zu sein und hart gegen die Palästinenser vorzugehen. Nun, dies ist eine Fehleinschätzung – zumindest für mich. Ich denke immer noch, dass solche Gewalt sinnlos ist und das Ausmaß des Schmerzes und der Verletzung auf beiden Seiten nur noch größer macht. Und ich sehe nicht, wie die Raketenangriffe auf meine Stadt diese Ansicht ändern können. Das Gegenteil ist wahr. Der Teufelskreis der Gewalt muss durchbrochen werden – irgendwie.

Aus dem Englischen von Martin Oehlen

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