25.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Beatriz Bracher über „Antonio“: Abgrund einer Familie
03. October 2013
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Beatriz Bracher über „Antonio“: Abgrund einer Familie

Beatriz Bracher liest in Köln aus ihrem preisgekrönten Roman „Antonio“.

Beatriz Bracher liest in Köln aus ihrem preisgekrönten Roman „Antonio“.

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Assoziation A

Köln -

„Wir sind fünf, aber einer ist gestorben, hat Teo immer gesagt, wenn man ihn nach der Anzahl seiner Geschwister fragte.“ Mit diesem Satz beginnt die Brasilianerin Beatriz Bracher in „Antonio“ ein komplexes Netz aus Familienbeziehungen zu spinnen. Dessen Entwirrung erfordert vom Leser Aufmerksamkeit, viel Geduld und kombinatorische Fähigkeiten. Drei Menschen klären die Hauptperson Benjamin, Teos Sohn, über die Familie auf, in der er aufwuchs und die er doch nicht kennt.

Durch die Augen von Raul (Jugendfreund Teos),  Isabel (Mutter Teos und Großmutter Benjamins) sowie Haroldo (Jugendfreund von Benjamins Großvater Xavier), erfährt Benjamin, dass  Xavier lange vor seiner Geburt ein Verhältnis mit der damals 15-jährigen Elenir hatte. Aus dieser Verbindung entstand Benjamin der Erste, doch er starb als Baby. Elenir und Xavier trennten sich, Xavier heiratete Isabel, ihr viertes Kind ist Teo.

Durch einen merkwürdigen Schwenk des Schicksals trifft jener Teo Jahrzehnte später auf die mittlerweile 40-jährige Elenir. Die beiden verlieben sich, bekommen Benjamin den Zweiten. Elenir stirbt bei der Geburt, Vater Teo verfällt dem Wahnsinn. Benjamin  wächst nun bei Großmutter Isabel auf und erfährt kurz vor der Geburt des eigenen Sohnes Antonio von der Existenz von Benjamin I..

Beatriz Bracher macht dem Leser den Einstieg in ihren dritten und bislang einzigen ins Deutsche übersetzten Roman nicht leicht. „Natürlich ist es“, sagt sie im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, „schwierig, zu Beginn zu begreifen, wer Onkel, Sohn und Großvater sind. Aber diese Verwirrung ist gewollt, sie ist wichtig für die Geschichte, auch für Benjamin ist das alles verwirrend. Er selbst springt in der Mitte seines Lebens erst auf den Zug seines eigenen Leben.“ Bracher erhielt 2008 für „Antonio“ den wichtigsten Literaturpreis Brasiliens (Prêmio Jabuti) und den Literaturpreis Portugal Telecom –  er geht alljährlich an die drei besten Bücher in portugiesischer Sprache.

Ungewöhnliche Erzählform

Neben den verworrenen Familienbanden bedient sich Bracher einer ungewöhnlichen Erzählform, schließlich kommt die Hauptperson Benjamin nie selbst zu Wort. Dennoch vermeint der Leser dessen Ärger und Enttäuschung, seine Unsicherheit, sein Entsetzen wie am eigenen Leib zu spüren. Geschickt spiegelt die Autorin diese Gefühle  durch Raul, Xavier und Isabel – und nutzt die Perspektivwechsel, um jeden Seelenwinkel der Beteiligten auszuleuchten.

„Die drei fühlen, indem sie über Benjamins Vater Teodoro sprechen, dass es da noch offene Rechnungen gibt“, erklärt Bracher. Schuld, Wut, Bewunderung, Unverständnis – eine ganze Palette auch subtiler Empfindungen kommt zur Sprache. „Es sind jene Gefühle, die  Benjamin konstruieren“, sagt Bracher, die sich für „Antonio“ von Faulkners „Als ich im Sterben lag“, Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ und den Geschichten ihrer Freunde inspiriert fühlte, die in den 60er und 70er Jahren mit einer Vision von einer liberalen Welt in São Paulo aufwuchsen.

Erst mit Anfang 40 fand die 1961 Geborene den Weg zu eigener  Autorschaft. Zunächst war sie lange Lektorin des Verlags „Editoria 34“ in São Paulo, der die Philosophie- und Literaturzeitschrift „34 Letras“ herausgab. Obwohl sie damals schon eigene Texte schrieb, war sie, wie sie selbst sagt,  immer zu schüchtern,  um sich mit ihnen an die Öffentlichkeit zu wagen. „Bei Editoria 34 kam ich dann in Kontakt zu jungen Autoren, die den Mut hatten, ihre teils schlechten Manuskripte einzureichen, um sie beurteilen zu lassen. Und das Schlimmste, was ihnen passierte, war ein einfaches »Nein« und nicht das Ende der Welt“, erinnert sich Bracher. Dazu kam eine neue Liebe, die sie ermutigte, eine Auszeit vom Verlag zu nehmen – um schließlich das zu werden, was sie heute ist: eine der wichtigsten Stimmen der aktuellen brasilianischen Literatur. 

„Ein guter Schriftsteller zu werden“, sagte sie einmal, „ist das Maximum, was jemand in seinem Leben erreichen kann.“ Und jetzt? „Nun bin ich mit 69 anderen Autoren zur Buchmesse nach Frankfurt eingeladen. Gemeinsam mit Ignácio Loyola de Brandão, dessen Bücher ich als Jugendliche geliebt habe. Daran habe ich gedacht, als ich die deutsche Übersetzung von »Antonio« in die Hand genommen und daran gerochen habe. Beides hat mich sehr berührt.“ Es scheine, „als wäre ich jetzt genau das, was ich werden wollte. Es ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe, aber gleichzeitig exakt das, was ich als Heranwachsende wollte. Aber die bin ich eben nicht mehr. Es ist ein Gefühl wie im Looping. Schwer zu erklären.“