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Cannes Tagebuch Teil II: Im Starkregen für Emma Watson

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Cast von "The Bling Ring": Ganz rechts ist Emma Watson. Foto: AFP
Cannes kann ein grausames Pflaster sein: Schlangestehen fürs Filmegucken, kräftezehrendes Gala-Hopping und Dauer-Smalltalks über die großen Stars. Der ganz normale Wahnsinn eines Cannes-Tages in der Zusammenfassung.  Von
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Cannes

Den Zimmernachbarn aus Berlin haben sie in der Heimat mal wieder mit besten Wünschen für „den Urlaub“ in Cannes verabschiedet. Das ist wohlgemerkt derselbe Journalist, der in den vergangenen vier Jahren zweimal vorzeitig schwer erkrankt aus dem Städtchen an der französischen Riviera abreisen musste. Aber nicht deshalb wurde diesmal etwas nachsichtiger mit ihm umgegangen – sondern weil seine Kollegen die Wetterprognosen für die Cote d’Azur gesehen hatten, die einige unfreiwillige Duschen versprachen.

Das Klischee geht ja tatsächlich immer noch so, als lebe man in Cannes zwölf Tage in Saus und Braus, lasse sich zum Essen einladen, besuche Galas und schaue sich das allabendliche Defilee der Stars an; rase anschließend von einer Party zur nächsten und schwatze mit Stars über George, Angelina und die anderen. Es mag tatsächlich Leute mit Presseausweisen geben, die so leben. Ich kenne aber nur die anderen. Deshalb folgt hier die Zusammenfassung eines typischen Cannes-Tages. Nichts davon ist selbstmitleidig gemeint. Schließlich zwingt mich niemand, seit 30 Jahren nach Cannes zu fahren.

5.40 Uhr: Nach dem Aufstehen das erste Online-Tagebuch vervollständigt und noch einmal überarbeitet, das ich am Abend vorher begonnen hatte. Draußen den Starkregen betrachtet.

7.40 Uhr: Kurzer Umweg zum Zeitungsladen. Die lokale „Nice-Matin“ gekauft sowie die Sporttageszeitung „L’Équipe“. Normalerweise würde ich jetzt am Festivalpalais vorbei zum Hotel Majestic laufen, um die vier täglichen Film-Fachzeitungen einzusammeln und die Termine und Nachrichten zu überprüfen – aber dafür ist es heute zu nass und auch zu spät. Denn wer in Cannes zu spät ins Kino geht, muss gucken, welche Plätze übrig bleiben.

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8.04 Uhr: Die „Stammplätze“ in der vierten Reihe sind bereits belegt. Also in die fünfte Reihe. Und warten auf die Kollegen, denen man Plätze freigehalten hat.

8.30 Uhr: Beginn des ersten Wettbewerbsfilms. An diesem Morgen ist das „Jung & schön“, der exzellente neue Film von François Ozon („8 Frauen“), über den es sich beim Deutschland-Start zu reden lohnt.

10.05 Uhr: Das Verlassen des zweitgrößten Saales von Cannes wird einem erschwert, weil die französischen Ordner am einzigen Ausgang nur zwei Ordner hingestellt haben und einen Trichter bilden – und weil direkt dahinter Kamera-Teams stehen, die einen befragen wollen, was man vom Film hält. Das ist eine der perversesten Formen von Journalismus im 21. Jahrhundert: Journalisten befragen Journalisten, was sie von einem Kunstwerk halten.

10.12 Uhr: Im Keller des Palais des Festivals packe ich die vier täglichen Fachmagazine ein. Nun stehe ich im Nieselregen an für „The Bling Ring“, den neuen Film von Sofia Coppola („Lost in Translation“), der eine Nebensektion des Festivals eröffnet und der besonders begehrt ist, weil er die angeblich hippe Geschichte von jugendlichen Luxus-Dieben in Los Angeles erzählt, die Paris Hilton, Mischa Barton und ähnliche Blinzen ausgeraubt haben.

11.08 Uhr: Verzögerter Beginn von „The Bling Ring“, der dann längst nicht so hip ist, wie er sein möchte. Oder besser gesagt: der sich so sehr bemüht, hip zu sein, dass man irgendwann nur noch das Bemühen sieht. Emma Watson, die volljährig gewordene Hermine der „Harry Potter“-Filme, ist als Snob dennoch ein Ereignis.

12.35 Uhr: Wieder einmal machen die Franzosen nur einen Ausgang auf, an dem man dann aber dennoch kontrolliert wird. Kostet natürlich alle mehr Zeit und Nerven als nötig. Warum das so ist? Solche Fragen sind in Cannes verpönt. Außerdem kann sie niemand beantworten. Es bliebe Zeit für ein kurzes Mittagessen, um 14 Uhr steht der nächste Film an. Auf dem Weg zum Apartment bekomme ich eine sms: In einem früheren Stammlokal sei noch ein Tisch frei. Auf dem Weg zum Restaurant verpasse ich die nächste sms: Der Tisch ist gerade vergeben worden, obwohl gerade eine Essensbestellung abgegeben werden sollte. Gerade angekommen, kehre ich sofort um zum Apartment, wo ich mir ein Stück Baguette belege und zum Kino aufbreche.

13.12 Uhr: In der noch sehr kurzen Schlange für „Fruitvale Station“, der im Februar den Hauptpreis beim Sundance Film Festival gewonnen hat und deshalb besonders begehrt ist.

14.06 Uhr: Verzögerter Beginn von „Fruitvale Station“, der fast dokumentarisch die Geschichte eines tragischen Todes/Mordes in einer Silvesternacht in Oakland nachzeichnet. Gut, dass dieser Film einen deutschen Verleih gefunden hat.

15.31 Uhr: Nach dem Ende des Films – und den üblichen Ausgangs-Schikanen – schlage ich mich kurz mal zu meinem Pressefach durch. Einst lagen dort stapelweise opulent aufgemachte Pressehefte mit wunderbaren Bildmotiven. Bei der Menge an Journalisten und den Kosten ist es nachvollziehbar, dass es das heute nicht mehr gibt. Amateurhafterweise gehe ich kurz vor dem Ende der Pressekonferenz zu „The Bling Ring“ durch jene kleine Zone, die gleich danach abgesperrt wird, weil sie von der Regisseurin und ihren Hauptdarstellerinnen auf dem Weg zum Aufzug durchquert wird. Das sind zwar nur sechs Personen, aber weil die hier wartenden Journalisten sich gerieren wie Fotografen und hysterisch „Emma!“ und „Sofia!“ schreien und ihre Kameras, iPhones und iPads in die Höhe recken, werden die 15 Meter der Filmschaffenden zum Aufzug zum Spektakel – und die vier (!?) Aufzugfuhren für die Bling Ringer und ihre Entourage verzehren fast 15 Minuten.

15.52 Uhr: In der Schlange für den zweiten Wettbewerbsfilm des Tages. Wegen der frühen Uhrzeit (normalerweise läuft der zweite Wettbewerbsfilm gegen 19 Uhr, aber da ist heute die Gala von „The Bling Ring“ angesetzt) ist der Andrang zunächst vergleichsweise gering, aber das ist auch wichtig, da wir für diesen Film in einer anderen, längeren Schlange anstehen müssen. Wenigstens hat der Regen aufgehört.

16.30 Uhr: Pünktlicher Beginn des chinesischen Beitrags „A Touch of Sin“. Da ich wegen eines anderen Films höchstwahrscheinlich vor dem Ende raus muss, setze ich mich auf einen „Fluchtplatz“ ganz außen in der Reihe. Vor mir sitzt eines dieser berüchtigten italienischen Paare, das zusammen auf etwa 155 Jahre kommt und während der Filme ständig palavert. Als ein freundliches „Per favore“ und „Silenzio!“ nicht ausreichen, rüttle ich nach 90 Minuten einmal heftig am Sessel und zische „Basta!“ Danach ist es endlich ruhig.

18.15 Uhr: Obwohl „A Touch of Sin“ interessant ist, breche ich auf, denn der fünfte Film des Tages ist mir noch wichtiger, und da es ein gutes Stück die Croisette runter geht, will ich mich früh genug anstellen. Bei der zweiten Nebensektion des Festivals, der inzwischen 45-jährigen „Quinzaine des Réalisteurs“, geht es in der Abwicklung der Kinogänger traditionell chaotischer zu: Man stellt sich von zwei Seiten an, und nur etwa 35 Meter sind durch Gitter abgetrennt. Ansonsten regeln die Wartenden die Aufreihung selbst, was dazu führt, dass besonders skrupellose Menschen sich bessere Positionen ergaunern. Obwohl ich 70 Minuten vor Beginn des Eröffnungsfilms da bin, stehe ich nicht im geschützten Bereich. Die Menschen schubsen und drängeln, und normale Fußgänger erarbeiten sich Lücken, weil die Presse-Schlange praktischerweise den Bordstein kreuzt. Im Nieselregen pieksen einen die Nachbarn gerne auch mal mit ihrem Schirm am Kopf. Wenigstens habe ich jetzt die Zeit, drei der vier Fachpublikationen gründlich zu lesen.

19.10 Uhr: Die ersten Zuschauer werden in den Saal gelassen.

19.25 Uhr: In fünf Minuten soll der Film beginnen, aber seit zehn Minuten geht nichts voran. Praktischerweise bin ich nur noch 15 Meter vom Einlass entfernt. Aber schon macht das Wort die Runde, der Saal sei voll. Den Veranstaltern ist der leichte Anflug von Panik völlig egal. Irgendwann öffnen sie dann endlich den Balkon des Saals. Dann gibt es Eröffnungsreden und einen Ehrenpreis für die australische Regisseurin Jane Campion („Das Piano“) – was zu einem unendlichen Übersetzungsgewese führt, weil die Gastgeber weiter davon ausgehen, dass die Zuschauer kein Englisch können.

20.14 Uhr: Endlich beginnt „The Congress“, eine überaus ambitionierte Sci-fi-Satire mit dem US-Star Robin Wright (als US-Star Robin Wright). Die Vorlage stammt von Stanislaw Lem, und am Ende klingeln meine Ohren und Augen vor lauter Dialogen über das Sein, den Schein und das Sollen.

22.15 Uhr: Es regnet. Mal wieder? Immer noch? Nach einem Umweg, der in Wahrheit eine Abkürzung ist, weil ich so den Stau am Palais umgehe, komme ich zum Pressefach, um das Programm des nächsten Tages zu studieren.

22.35 Uhr: Wieder im Apartment. Eine kalte Scheibe Braten, Notizen für das zweite Tagebuch, beim Lesen einer Zeitung gegen 23.40 Uhr eingeschlafen.

5.35 Uhr: Zurück ans Tagebuch. Die Sonne geht auf. Herrlich. Hat sich jemals jemand über Cannes beklagt? Glauben Sie ihm kein Wort.

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