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Cannes-Tagebuch VII: Buh für Deutschland

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Der Beitrag der Regisseurin Katrin Gebbe enttäuschte. Foto: AFP
Das Spielfilmdebüt „Tore tanzt“ der 30-jährigen Katrin Gebbe wurde mit Buh-Rufen des Publikums belohnt. War der Film erst mit Wohlwollen in den Wettbewerb mit aufgenommen, wurde dieses schnell überstrapaziert.  Von
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Seit etlichen Jahren beschäftigt die Filmszene in Cannes zwei wiederkehrende Themen. Warum werden im Wettbewerb so wenige Werke von Regisseurinnen gezeigt? Und dann wird, zumindest unter deutschen Besuchern, stets heftig diskutiert, warum es so oft keine deutschen Beiträge gibt, weder im Wettbewerb noch in der wichtigsten Nebensektion Un Certain Regard. Auf beide Fragen lieferte die diesjährige Auswahl Antworten, die tief blicken lassen.

Zunächst wurde im Wettbewerb, der von starken Männerfiguren dominiert wird, der einzige Beitrag einer Frau uraufgeführt: „Ein Schloss in Italien“, inszeniert von Valeria Bruni Tedeschi, der Schauspielerin und Schwester der ehemaligen Präsidentengattin Carla Bruni, versammelt eine Handvoll abstoßender, sich selbst viel zu wichtig nehmender Hysteriker und verstrickt sie in haarsträubend übertourte Szenen.

Bald wurde in Un Certain Regard „der einzige deutsche Film“ in der Hauptauswahl angekündigt: Für „Tore tanzt“ erklommen 19 Beteiligte die Bühne des zweitgrößten Auditoriums, Kulturminister Bernd Naumann saß im Publikum, das dem Spielfilmdebüt der 30-jährigen Katrin Gebbe anfangs mit spürbarem Wohlwollen begegnete. Jenes wurde freilich bald strapaziert.

Die blonde Titelfigur, ein elternloser christlicher Punk aus dem deutschen Norden, der stolz sein T-Shirt als „Jesus-Freak“ vorführt, entpuppt sich rasch als Simpel, der mindestens so schwer gläubig wie von Begriff ist. Der sensible Schlaks schlüpft bei einer Familie im Schrebergarten unter. Das Leben dort ist allerdings hart. Doch auch, nachdem er von Benno, dem Ziehvater zweier Kinder, mehrfach misshandelt worden ist, sein Zelt im Garten vom jungen Sohn bepinkelt und er von der pubertierenden Tochter in Versuchung geführt wurde, verlässt Tore die Familie nicht.

Der von epileptischen Zuckungen und Visionen heimgesuchte Naivling kehrt sogar aus der Notaufnahme zurück, in die er eingeliefert wurde, nachdem er gezwungen worden war, ein verdorbenes Hähnchen zu essen. Er hält, na klar, die andere Wange hin, weshalb ihn Benno als Sex-Spielzeug verhökern und Bennos Gefährtin ihre sadistischen Herrenmenschen-Gelüste ausleben kann.

Sinnesfeindliche Filme

Natürlich darf, wer will, so eine Geschichte erzählen. Heikel wird es aber, wenn die Figuren zu bloßen Marionetten einer Idee werden. Die eine Frage ist nun, was Menschen dazu bewegt, solche Geschichten so zu erzählen; die andere, warum die Festivalverantwortlichen in Cannes die Neigung haben, von deutschsprachigen Filmemachern vor allem lust- und sinnesfeindliche Arbeiten einzuladen (erinnert sei an Hanekes „Weißes Band“ oder Seidls „Paradies“ oder Färberböcks „September“).

Am Ende von „Tore“ gab es jedenfalls so viele Buhrufe wie bei keinem anderen Film in diesem Jahr. Menschen, die überall Böses vermuten, behaupteten jetzt, Festivalleiter Thierry Frémaux wäre die Auswahl von „Ein Schloss in Italien“ und „Tore tanzt“ gerade recht gekommen. In der nächsten Zeit dürfte erst einmal niemand nach mehr Filmen von Regisseurinnen oder nach deutschen Beiträgen verlangen.

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