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Cannes-Tagebuch VIII: Endlich Land in Sicht

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Regisseur Jim Jarmusch (2. v. r.) mit den Schauspielern John Hurt, Tom Hiddleston und Tilda Swinton. Zusammen spielten sie in "Only Lovers Left Alive".  Foto: REUTERS
Wenn am Sonntagabend in Cannes die Preise verteilt werden, kann man sich nicht sicher sein, ob es die Richtigen trifft. Die größten Fehlgriffe der vergangenen Jahre werden hier nicht erwähnt. Dafür eine Prognose, wer in diesem Jahr gewinnen wird.  Von
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Wenn die letzten Tage in Cannes anstehen, gleicht die Stimmung jener von Schiffbrüchigen, die am Horizont rettendes Land ausgemacht haben: Man kann das Ende kaum abwarten, wird aber innerlich sonderbar gelassen. Man will sich in der Zwischenzeit über nichts mehr ärgern, weder über die Schlangen, die nicht kürzer werden, noch über die späte Wiederholung eines sehnsüchtig erwarteten Films („Last Days on Mars“, den ein Kollege als „Prometheus ohne Unsinn“ deklarierte), die dann leider total überlaufen ist. Man lächelt lieber über die Schamlosigkeit der notorischen (Vor-)Drängler, über die Kollegen, denen offenbar das Deodorant ausgegangen ist und die während der Filme minütlich ihr Smartphone raus kramen, um zu prüfen, ob irgendwelche hyperwichtigen Nachrichten eingegangen sind.

Am Sonntagabend werden die Preise vergeben

Auch Filme wie Jim Jarmuschs verschlafenes Vampirstückchen „Only Lovers Left Alive“ ringen einem in diesem Stadium nicht mehr als ein nachsichtiges Lächeln ab. Dieser Zustand kann freilich auch dazu führen, dass man seiner eigenen Einschätzung nicht mehr so recht traut und sich bei einer Komödie wie Roman Polanskis Zweipersonenstück „Venus im Pelz“ fragt, ob der Film wirklich so gut ist, wie er sich anlässt – oder ob man einfach so gut gelaunt ist, weil der Bilderstrom nach fast 40 Filmen ein Ende hat. (Bei Polanski bin ich mir fast sicher, dass es sich um eine richtig gute Komödie handelt.)

Am Sonntagabend werden nun die Preise vergeben. Einer der unten genannten Filme sollte den Hauptpreis gewinnen. Prognosen wären möglich, sind aber noch hinfälliger als bei den Oscars. Auch dort entscheiden Vorlieben und Antipathien und mitunter irrationale Stimmungen, aber bei fast 6000 Stimmberechtigten gibt es doch eher eine große Basis als bei den neun Köpfen, die in den vergangenen zwölf Tagen unter der Leitung von Steven Spielberg zusammensaßen. Nicht unwichtig ist, dass ihm vier Regisseure (zwei Frauen und zwei Männer) assistierten. Aber das kann gleichzeitig alles bedeuten.

Haben die Coen-Brüder nicht schon genug gewonnen?

Und so stellen sich die Fragen: Fand es die Jury toll, dass Paolo Sorrentinos „La Grande Bellezza“ so deutlich von Federico Fellinis Rom-Filmen beeinflusst war? Wäre es nicht zu amerikanisch, Alexander Paynes neues Road Movie „Nebraska“ auszuzeichnen? Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, dass Asghar Farhadi vor „Le Passé“ gerade erst vor zwei Jahren mit einem anderen Ehedrama („Nader & Simin“) in Berlin gewann? Hat irgendwer persönliche Vorbehalte gegen Polanski? Konnten die Juroren alle Charaktere in dem chinesischen Episodenfilm („A Touch of Sin“) auseinanderhalten? Kann man den Darsteller-Preis nur an Michael Douglas geben, der in „Behind the Candelabra“ den schwulen Pianisten Liberace zum Leben erweckte – oder muss sein Filmpartner Matt Damon nicht auch gewürdigt werden? Gibt es in Abdellatif Kechiches „Das Leben von Adèle“ nicht zu viel lesbischen Sex? Ist der Film mit drei Stunden nicht zu lang? Und, vielleicht am drängendsten: Haben die Coen-Brüder, deren „Inside Llewyn Davis“ selbst diese Filme noch weit überragte, nicht schon genug gewonnen?

Die Favoriten unseres Autors 

Egal, wen Spielberg & Co. aus dieser Combo nehmen würden – es wäre immer richtig. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht aus falsch verstandenem Wagemut (oder wegen höherer Politik) Filme wie „Grigris“ oder „Ein Schloss in Italien“ wählen. Aus Aberglaube verzichte ich heute lieber darauf, die größten Fehlgriffe von Cannes aufzulisten. Und weil Tipps also eher unmöglich sind, erlaube ich mir an dieser Stelle, die persönlichen Favoriten zu nennen – bei maximal einem Preis pro Film. Vielleicht hat ja jemand Lust, in den kommenden Monaten nach den Titeln und Namen Ausschau zu halten.

Goldene Palme: „Inside Llewyn Davis“ (einfach nicht zu toppen, die Coen-Brüder; Start in Deutschland leider erst Anfang 2014)

Großer Preis der Jury (bitte nicht fragen, warum der so heißt und warum das dann nicht gleich die Goldene Palme ist): „La Grande Bellezza“ (Paolo Sorrentino)

Regie: Roman Polanski für „Venus im Pelz“

Drehbuch: „Le Passé / Die Vergangenheit“ (Asghar Farhadi)

Preis der Jury (bitte nicht fragen, warum es diesen Preis gibt): „Shield of Straw“ (japanischer Film von Takashi Miike, der als Action-Spektakel beginnt und zur Mitte zum moralischen Drama wird)

Darsteller: Bruce Dern in „Nebraska“

Douglas & Damon in „Behind the Candelabra“ sowie Tony Servillo in „La Grande Bellezza“ wären allerdings genauso gerechtfertigt – hätte Robert Redfords Auftritt als Schiffbrüchiger in „All is Lost“ zum Wettbewerb gehört, wären die Karten ganz neu gemischt worden.

Darstellerin: ex aequo an Adèle Exarchopoulos („Das Leben von Adèle“) und Marine Vacth (in François Ozons „Jung & schön“). Es wäre ein Witz, wenn Marion Cotillard für „The Immigrant“ ausgezeichnet würde – nachdem im Vorjahr ihre gigantische Leistung in „Rost und Knochen“ übergangen wurde. Aber halt, ich wollte ja nicht schimpfen...

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