27.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Christine Strobl: Ein schwieriger Start bei der Degeto

Christine Strobl

Christine Strobl

Frau Strobl, seit 1. Juli sind Sie Degeto-Chefin. Was reizt Sie an der neuen Aufgabe?

Christine Strobl: Die Dimension der Herausforderung. Die Arbeit ist meiner Tätigkeit beim SWR als Leiterin der Abteilung Film und Familienprogramm nicht unähnlich, auch wenn das Volumen natürlich deutlich größer ist.

Sie fürchten kein Frusterlebnis, wie es Frau Reitz widerfahren ist?

Strobl: Die Ausgangsposition ist natürlich schwierig, aber darin liegt ja auch eine Chance. Ich habe keine Angst davor zu scheitern, zumal ich sicher bin, dass die Kollegin Reitz mir ein solides Fundament hinterlassen hat. Auf dieser Basis werden wir in der Degeto eine inhaltliche Neuausrichtung starten.

Ihre Vorgängerin hatte praktisch keinen Gestaltungsspielraum. Ist das jetzt anders?

Strobl: Die Degeto hat, vereinfacht gesagt, in den letzten Jahren zu viel produziert und eingekauft, daher ist ein Programmstock entstanden, der erst mal abgebaut werden muss. Die nächsten ein bis zwei Jahre werden wir noch mit angezogener Handbremse fahren. Aber es beginnen auch in diesen Wochen Dreharbeiten für neue Produktionen, und Lizenzeinkäufe finden ebenfalls nach wie vor statt; nur in kleineren Dimensionen als sonst. Ab 2014 rechne ich mit einem normalen Produktionsjahr.

Reitz hat vor ihrem Ausscheiden angekündigt, dass die Fernsehfilmredaktionen der ARD größeren Einfluss auf die Entscheidungen bei der Degeto haben werden. Haben Sie überhaupt was zu sagen?

Strobl: Die Degeto hat selbst größtes Interesse, möglichst eng mit der Fernsehfilmkoordination und ARD-Programmdirektor Volker Herres zusammenzuarbeiten, ich empfinde das also nicht als Beschneidung meiner Kompetenzen, ganz im Gegenteil. Wir müssen in Zukunft alle mit weniger Geld auskommen, schon allein das macht eine engere Kooperation nötig.

Mit welchen Hoffnungen treten Sie das Amt an?

Strobl: Zunächst hoffe ich, dass es uns gelingt, die inhaltliche Neuausrichtung vor allem auf unseren Sendeplätzen um 20.15 Uhr möglichst zügig voranzutreiben. Das betrifft ja keineswegs nur den Freitag, auf den die Degeto zu Unrecht gern reduziert wird. Mir gefällt da auch nicht alles, aber der schlechte Ruf dieses Sendeplatzes ist nicht gerechtfertigt. Es wird mein erster Schwerpunkt sein, hier eine Qualität anzubieten, auf die die ARD stolz sein kann. Und dann geht es um die Koproduktionen am Mittwoch sowie die Filme für den Donnerstag und den Samstag.

Was soll sich bei den Freitagsfilmen, die häufig Frauen ab 60 schauen, ändern?

Strobl: Die bisherige Zielgruppe ist uns auf jeden Fall sehr wichtig. Aber es gibt qualitativ gesehen eine große Bandbreite. Ich möchte den Sendeplatz „heutiger“ machen: mit modernen Geschichten, modernen Familienkonstellationen und moderner Erzählweise.

Die Degeto ist für ein Drittel des ARD-Programms zuständig. Wird sich der Einfluss vergrößern, wenn die Sender noch stärker sparen müssen?

Strobl: Ich will zumindest dafür arbeiten, dass die Fernsehfilmredaktionen und die Degeto ihr Geld auch wirklich in Filme und Serien investieren. Aber die Degeto muss ja auch sparen.Die Firma hat zuletzt zu viel Geld ausgegeben und muss das in den nächsten Jahren wieder ausgleichen. Im Rahmen der allgemeinen Sparbemühungen wird außerdem natürlich auch unser Etat moderat gesenkt.

Filmfreunde bedauern, dass so mancher preisgekrönte Degeto-Einkauf erst nach Mitternacht gezeigt wird. Sehen Sie Chancen für einen festen Kinoplatz im „Ersten“?

Strobl: Wir hätten nach meinem ersten Eindruck gar nicht genug Filme, um so einen Sendeplatz das ganze Jahr hindurch bespielen zu können. Aber wir werden im Rahmen unseres „Sommerkinos“ ab dem 23. Juli montags um 20.15 Uhr so hochwertige und unterschiedliche Filme wie „Willkommen bei den Sch“tis“, „Der Vorleser“ oder „Soul Kitchen“ zeigen. Wenn der Sendeplatz angenommen wird, ist er sicher ausbaufähig.

Die Degeto ist eines der wichtigsten Unternehmen in der deutschen Medienlandschaft, aber man weiß kaum etwas über die Firma, es gibt nicht mal eine Internetpräsenz. Werden Sie das ändern?

Strobl: Natürlich muss die Degeto im Internet angemessen vertreten sein, und ich bin auch sonst sehr dafür, nicht nur die Präsenz, sondern auch die Transparenz zu stärken; wir haben schließlich nichts zu verbergen. Auch wenn wir nicht die Rolle einer zehnten Landesrundfunkanstalt einnehmen wollen: Mehr Offenheit würde sicher nicht schaden.


Das Gespräch führte
Tilmann P. Gangloff