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Depeche Mode: „Personal Jesus" im Olympiastadion

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David Gahan, Sänger von der Band "Depeche Mode". Foto: dpa
Im ausverkauften Münchner Olympiastadion haben Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher, besser bekannt als „Depeche Mode", vor 64.000 Fans ein zweistündiges Konzert mit alten und neuen Liedern gespielt.  Von
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München

Kurz vor halb elf am Samstagabend ist im ausverkauften Münchner Olympiastadion der Moment erreicht, von dem Zehntausende Besucher glauben, dass sie ihn unbedingt in Echtzeit teilen müssen. Die zahllosen gezückten Smartphones, deren Displays im Dunkel der Nacht für eine starke Glühwürmchen-Anmutung sorgen, gelten dem Depeche Mode-Song „Enjoy The Silence“. Das ist der Titel, dessen Refrain über die Zerstörungskraft der Sprache („Words are very unnecessary/They can only do harm“) Dave Gahan seit vielen Jahren bei Konzerten nicht mehr selbst anstimmt, sondern dem Chor der Besucher überlässt. Kurze Zeit später sind Depeche Mode immer noch mit „Enjoy The Silence“ beschäftigt, da haben sie aber den Pfad der Greatest-Hits-Dienstleistung wieder verlassen, servieren das Stück nun in einem furiosen Techno-Remix, bei dem Tourschlagzeuger Christian Eigner trommelt, als habe er drei Arme und vier Füße.

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Unmittelbar danach, bei „Personal Jesus“, brechen Depeche Mode in die andere Richtung aus. Der werktreuen, stampfenden Fassung ihres größten Hits stellen sie eine Version in Zeitlupe voran, die den Blues-Charakter von Martin Gores Komposition noch mehr betont – und auch eine Brücke schlägt zur bekanntesten Coverversion des Titels, jener von Johnny Cash. Auch den Klassiker „Policy of Truth“ unterzieht die Band einer Generalrevision, das Lied über Lügen und Fremdgehen klingt nun mit Latin-Percussion beinahe frivol und heiter. Wenn es denn einen roten Faden gibt für diese zwei Stunden im Olympiastadion: Da steht eine Mega-Band im 33. Berufsjahr, die nicht Jukebox sein will, bei Shows dieser Größenordnung aber auch nicht vollends ins Experiment abdriften mag. Für den Part ist in München im Vorprogramm der Techno-Produzent Anders Trentemoller mit seiner Band zuständig, der Däne gibt in Personalunion den Anheizer und den Störenfried, leider ist er mit dem branchenüblichen Vorgruppenschicksal geschlagen – ein Soundcheck findet nicht statt.

Sänger David Gahan (M) von der britischen Synthie-Pop-Band Depeche Mode im Olympiastadion in München. Foto: dpa

„Delta Machine“ haben Depeche Mode ihr neues Studioalbum genannt, das zweifache „DM“, stilisiert als ein Pfeil und zwei Berge, schmückt sämtliche Fan-Artikel vom T-Shirt bis zum Getränkebecher. Der CD-Titel ist aber nicht nur ein graphisches Statement, sondern auch ein Bekenntnis zum amerikanischen Blues, den Martin Gore Ende der achtziger Jahre auf dem Album „Violator“ erstmals in den Gruppensound einpflegte, als zweite Säule neben dem nur Synthesizer-getriebenen Electro-Pop. Genau da wollte die Band wieder hin, nach zwei zuletzt eher blassen Studioalben, und vom Gelingen dieser Mission überzeugen sich Samstagnacht 64.000 Fans. Wenn die Deutschland-Tour durch die Fußballstadien der Republik am 5. Juli in Düsseldorf endet, werden mehr als 500.000 Menschen Depeche Mode gesehen haben – es ist die größte Open-Air-Attraktion der Saison.

Während Keyboarder Andrew Fletcher immer mehr an einen gut genährten Andy Warhol erinnert und mit hohepriesterlichen Gesten den abgeklärten Zeremonienmeister der „Black Celebration“ gibt, ist Dave Gahan das Energiebündel aus der ersten Reihe. Sein aufreizendes Arschwackeln und der kreiselnde Mikrofonständer gehören zu jeder Depeche-Mode-Show ebenso wie die souveräne Besichtigung frühester Jugendsünden („Just Can’t Get Enough“ mit dem Autoscooter-Kirmessound von 1981).

Die grauen Bartstoppeln, die der Sänger auf den Coverfotos von „Delta Machine“ gezeigt hat, sind wieder abrasiert; Gahan wirkt anno 2013 jünger und fitter, als seine 51 Lebensjahre und sein hochtouriger Lebensstil in den neunziger Jahren vermuten lassen. Und doch liegt ein Hauch von Abschied über der Show. Die neuen Songs „Heaven“ und „Goodbye“ und die dazu auf den Videowänden projizierten, gediegenen Schwarzweiß-Kurzfilme von Anton Corbijn wirken fast wie ein Requiem zu Lebzeiten, vor allem, wenn Gore in den Refrains eine himmlische zweite Stimme beisteuert. Doch das ist nur eine flüchtige Impression dieses magischen Abends unter dem weltberühmten Plexiglaszeltdach des Architekten Frei Otto. Ein anderer, bleibender Eindruck sind die roten Positionslichter des benachbarten Fernsehturms, die bedrohlich aus dem Nebel herüberblinken wie die Augen eines riesenhaften Außerirdischen, beinahe im Takt der Musik.

Depeche Mode spielen am 3. und 5. Juli in Düsseldorf

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