30.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Die „Akte X“ ist wieder geöffnet: Die Wahrheit ist nicht länger da draußen
06. February 2016
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Die „Akte X“ ist wieder geöffnet: Die Wahrheit ist nicht länger da draußen

Bist du bereit für die Wahrheit?

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„Vertraue niemandem“, flüstert Deep Throat. Special Agent Fox Mulder tut gut daran, den Rat seines Informanten zu beherzigen. Denn die Verschwörung zieht sich bis in höchste Kreise. Und das, was allzu vertrauensselige Zeitgenossen mit der Realität verwechseln, ist bloß ein Nebelvorhang, der die schreckliche Wahrheit verbirgt. Denn die, glaubt Mulder, ist da draußen. Oder will er das nur glauben? „I Want to Believe“ verkündet das Ufo-Poster in seinem Büro, irgendwo in den Kellergewölben des FBI-Hauptquartiers.

Von „Twilight Zone“ inspiriert

Als „The X-Files“ in der Herbstsaison 1993 in den USA anliefen – ein Jahr später dann als „Akte X“ in Deutschland – galten abseitige Verschwörungstheorien als letztmöglicher Zufluchtsort einer Welt im Leerlauf des Posthistoire.

Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg entschieden, die großen Erzählungen erzählt. Die Bewohner des Westens wähnten sich als Insassen einer festgefügten Welt. Chris Carters Mystery-Serie orientierte sich an älteren TV-Vorbildern wie der „Twilight Zone“ oder der kurzlebigen Serie „Kolchak: The Night Stalker“, gedreht just zu der Zeit, als die Enthüllungen des echten Deep Throat Richard Nixon zu Fall brachten.

Im Gegensatz zu seinen Vorbildern schenkte Carter dem Publikum mit seinen „X-Files“ jedoch eine Meta-Erzählung, die sich in immer absurderen Wendungen durch neun Staffeln zog: Außerirdische waren schon vor Jahren auf der Erde gelandet, entführten regelmäßig Mitbürger – unter anderem Mulders kleine Schwester – um Alien-Mensch-Hybride zu züchten, und bereiteten mit Regierungshilfe die endgültige Machtübernahme vor. Das klang doch sehr viel aufregender als das ereignislose Wohlbefinden der Clinton-Jahre.

Rückkehr auf den Bildschirm

Die „X-Files“ wurden zum Welterfolg, zur prägenden Serie ihrer Zeit. Jetzt werden die angestaubten Akten wieder geöffnet. Für sechs Folgen kehren David Duchovny als Fox Mulder und Gillian Anderson als seine Partnerin Dana Scully auf den Bildschirm zurück, ab Montag (8.2.) zeigt ProSieben ihre neuen Fälle („Der Kampf“, 21.10 Uhr). Doch das Ermittlerteam findet eine grundlegend veränderte Welt vor.

Damals, in den 90er Jahren, galten Verschwörungstheorien noch als halbironischer Spaß nerdiger Kellerexistenzen. In Roswell ist ein Ufo abgestürzt, Lyndon B. Johnson hat John F. Kennedy erschossen, die Mondlandung wurde heimlich in Hollywood gedreht, und durch die Wälder des Nordwestens stapfte der Bigfoot. Ernüchternde Antworten ließen sich noch nicht in Sekundenschnelle ergoogeln, umso mehr genoss man den Thrill des Unerklärlichen.

Romane wie Robert Anton Wilsons „Illuminatus!“-Trilogie und Thomas Pynchons „Die Enden der Parabel“ benutzten konspirative Handlungen, um die offizielle Sieger-Geschichtsschreibung zu untergraben. Mit der Subversion war es ihnen durchaus ernst, nicht jedoch mit den Verschwörungen.

Mulder begegnet seinem bösen Zwilling

Auch hier hatte sich Chris Carter bedient und den Zuschauern dabei zwei wunderbare Identifikationsfiguren zur Seite gestellt, mit denen sie sich durch den Dschungel dunkler Ahnungen und wilder Monster schlagen konnten: den Gläubigen Mulder und die Skeptikerin Scully. Zwei Ermittler auf der Suche nach der Wahrheit, die Antwort der Fernsehunterhaltung aufs Höhlengleichnis – eine platonische Romanze im doppelten Wortsinn.

Die Welt der „X-Files“ endete am 11. September 2001. Plötzlich musste man keine außerirdischen oder übersinnlichen Bedrohungen mehr herbeifantasieren. Die Wirklichkeit erschien monströs genug. Gleichzeitig krochen die Verschwörungstheoretiker aus ihren Kellern: die „Truther“-Bewegung vermutete hinter den Anschlägen des 11. Septembers dunkle Machenschaften der US-Regierung. Special Agent Mulder bildete nicht länger die hippe Avantgarde, er war nur noch ein unterinformierter Alu-Hut unter vielen. Keine konspirative Theorie kann so abseitig sein, als dass sie nicht von einem republikanischen Präsidentschaftskandidaten aufgegriffen wird.

In der Auftaktfolge der neuen Ministaffel thematisiert Chris Carter ebendieses Problem: Mulder begegnet seinem bösen Zwilling in Gestalt des rechtskonservativen Internetmoderators Tad O'Malley (Joel McHale). Dessen wildes Denken verknüpft Atombomben, Außerirdische, Wettermanipulationen und Angriffspläne gewalttätiger „Überfaschisten“. Die Wahrheit ist nicht länger da draußen. Sie ist mitten unter uns. Der gesamte politische Diskurs ist unterkellert worden. Fox Mulder kann sich selbst nicht mehr trauen.