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Die Biennale in Venedig: Globale Kunstwelt sucht ihr Gedächtnis

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Teilansicht einer installation der italienischen Künstlerin Maria Cristina Finucci mit dem Titel „The Garbage Patch State". Die 55. Biennale in Venedig ist bis zum 15. September geöffnet. Foto: REUTERS
Am Samstag eröffnet die 55. Kunst-Biennale von Venedig für das Publikum. Deutschland und Frankreich haben dafür die Pavillons getauscht. Die globale Kunstwelt sucht in Venedig ihr Gedächtnis.
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Venedig

Auf dem Video draußen vor der Tür frisst ein eingesperrtes Panzernashorn genüsslich einen Berg Stroh auf. Drinnen scheinen derweil 886 antike Schemel einer verflossenen chinesischen Dynastie durch den Raum zu fliegen. Das sind Momentaufnahmen der 55. Kunst-Biennale in Venedig, die an diesem Samstag offiziell auch für das Publikum die Tore öffnet.

Grenzüberschreitende Momentaufnahmen einer Kunstwelt, die zum globalen Dorf geworden ist. Und die auf der Biennale in den Giardini und im Arsenale jetzt ihr Gedächtnis sucht.

Das Video des französischen Regisseurs Romuald Karmakar empfängt die Besucher im Pavillon seines Heimatlandes. Die Schemel hat der chinesische Spitzenkünstler Ai Weiwei in die Lagunenstadt geschickt, zusammen mit seiner Mutter, denn er darf derzeit nicht ausreisen.

Zu sehen sind mit den Werken dieser beiden und von zwei weiteren, was die Kuratorin Susanne Gaensheimer als deutschen Beitrag ausgewählt hat. Die Franzosen ihrerseits präsentieren den Albaner Anri Sala und seine dissonante Auseinandersetzung mit der Musik Maurice Ravels. Das wird wiederum im nahegelegenen deutschen Pavillon präsentiert.

Krise soll helfen

Spielen nationale Pavillons, in diesem Jahr 88 an der Zahl, in Zeiten globaler Kunst überhaupt noch eine Rolle, sind sie obsolet? Diese Frage scheint sich damit auch zu stellen. Nein, wir fördern so nur den Pluralismus, hält Biennale-Chef Paolo Baratta dagegen, „wir stellen dazu ja doch auch unsere zentrale Ausstellung „Il Palazzo Enciclopedico“ unter Kurator Massimiliano Gioni“. Und die tausende Objekte, die dieser jüngste Biennale-Kurator aller Zeiten für ein großes Theater der Erinnerung zusammengetragen hat, nennt Baratta ein „Anti-Depressivum“: In der Krise soll das Gedächtnis der Kunst helfen, sich aus der Vergangenheit Träume für die Zukunft zu holen.

Die Lagunenstadt grüßt in den nächsten Monaten an nahezu jedem ihrer Kanäle die Kunstwelt, erwartet eine halbe Million Besucher - und wird morgens selbst unübersehbar fest von der Muse wachgeküsst: Haushoch ist der nackte, schwangere Frauentorso, den der Brite Marc Quinn vor die Basilica San Giorgio mit Blick auf den Markusplatz und den Dogenpalast gestellt hat. Der katholischen Kirche missfällt das, klar, die Venezianer indes sind Streit um aufregende Kunst gewohnt.

Künstler und Nichtkünstler

Die Biennale, selbst gut ein Jahrhundert alt, schaut also auch zurück, um in Zeiten steigenden Interesses an der zeitgenössischen Kunst die Vielfalt der Sichtweisen anzudeuten, eine Welt der Bilder und Träume nachzuzeichen. Ausgehend von dem bekannten „Roten Buch“ mit den Visionen und Reisen ins Unterbewusstsein des Carl Gustav Jung stellt Gioni sein auf beide Gelände verteiltes Kaleidoskop vor. Da ist nicht nur von Kunst die Rede. An Esoterisches, Religiöses und Magisches wird erinnert. Künstler, Nichtkünstler, namenlose Künstler und solche, die schon lange tot sind, wechseln sich in der Schau ab.

So kommt es, dass karibische Kunststickerei auf europäische Bilder am Rande der Obsession folgt. Die zentrale Ausstellung zeigt Fotos aus Cindy Shermans „Familienalben“ ebenso wie das verborgene Innenleben unserer High-Tech-Geräte oder auch Dutzende TV-Apparate, die banalen Alltag einfangen. Hochkarätige Kunst ist natürlich auch dabei, darunter Walter De Marias 20 riesige Bronzerollen „Apollo's Ecstasy“ von 1990 oder ein surrealistisches Porträt des US-Künstlers George Condo. Wie stark gerade Frauen diese Biennale prägen, zeigen beeindruckend die Bilder von Maria Lassnig und Marisa Merz. Diese beiden Künstlerinnen erhalten den Goldenen Löwen für ihre Karriere.

Historische Perspektive

Er sei nicht verrückt, er könne keine ganze Enzyklopädie liefern, erklärt der Kurator, der in seinen „Wunderkammern“ auch den Übergang von der natürlichen zur heutigen artifiziellen Welt nachvollzieht - also etwa vom Buch zum Bildschirmgeflimmer: „Für mich ist ein Museum wichtig, in dem zeitgenössische Kunst ihre historische Perspektive behält und mit anderen Formen visueller Kultur einen Dialog führt.“ Kunst sei doch zu bedeutungsvoll, um zur Unterhaltung abgestraft zu werden, müsse ihre Rolle überdenken, so meint Gioni wertkonservativ.

Während Gioni, Jahrgang 1973 und Shooting Star des weltweiten Kulturbetriebs, auch Mythen gesammelt hat für seinen „Pfad zu Wissen und Erinnerung“, demonstriert ein Pavillon, wie man diese zerstört: Im Haus der Russen stellt der deutsche Museumschef Udo Kittelmann als Kurator den Künstler Vadim Zakharov mit ebenso enthüllenden wie erheiternden Arbeiten vor. Wenige Werke, die viel aussagen: Aus der Höhe regnet es Geld, aber nur für Frauen, die sich beim Einsammeln mit Schirmen schützen müssen. Und lächerlich hoch oben im Sattel sitzt derweil (noch) der Mann, der sich damit begnügt, ständig Erdnüsse zu futtern.

Die Kunst-Biennale als Arche Noah unseres Wissens, unserer Entwicklung und ihrer visuellen Darstellung? Die Lagunenstadt ist jedenfalls der angemessene Ort für eine solche Rettungsaktion: Immer wieder schon von „acqua alta“ unter Wasser gesetzt, läuft Venedig Gefahr, durch die Klimaerwärmung und steigende Meeresspiegel eines schönen Tages ganz überflutet zu sein - wenn nicht rechtzeitig ein Schutz errichtet wird. Für die Kunst hat Gioni damit nun begonnen. (dpa)

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