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Die Damen Keun, 2. Teil

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Vier Jahre Exil liegen hinter ihr. Reisen kreuz und quer durch Europa. Monate voller Angst. Sie hat mit Stefan Zweig, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch und anderen deutschen Emigranten nächtelang über die Zerstörung des geistigen Europa debattiert. Ist in die USA gefahren und wieder zurückgekommen nach Europa. Hat wieder und wieder angetrunken gegen Ängste und Depressionen. Eineinhalb Jahre war sie mit dem österreichischen Schriftsteller Joseph Roth liiert, einem Genie und heftigem Trinker. Wenige Monate nach der Trennung des Paares stirbt er in einem Pariser Armenhospital. Und - sie hat vier weitere Bücher geschrieben (siehe: Biografie), darunter „Nach Mitternacht“, eine klarsichtige Abrechnung mit dem Nationalsozialismus. Drei der Romane erscheinen zwischen 1937 und '38 im Exilverlag Querido in Amsterdam.

Vieles aus diesen Jahren liegt im Dunkeln, manches ist Legende geworden. Warum ist Irmgard Keun nicht in den USA geblieben, wo ihr Freund Arnold Strauss lebte? Sie hatte den jüdischen Arzt 1933 in Berlin kennen gelernt und stand viele Jahre in Briefkontakt mit ihm. Wer hat 1940 das Gerücht in die Welt gesetzt, sie habe sich in Amsterdam, zeitgleich mit dem Dramatiker Walter Hasenklever, das Leben genommen?

Auch Martina Keun-Geburtig kann diese Fragen nicht beantworten. Die Mutter habe wenig über die Menschen aus ihrer Vergangenheit gesprochen, sie, die Tochter, habe wenig gefragt. Heute bedauert sie das. „Doch wer weiß, ob sie mir eine Antwort gegeben hätte.“ Was will man einem Kind auch erzählen vom Krieg und von der Angst, ihn nicht zu überleben. Von der Liebe und dem Suff und davon, wie es ist, als Autorin vergessen zu sein?

Seit 1986 lebt Martina Keun-Geburtig mit Ehemann Horst in einem ruhigen Vorort von Mainz, den Job als OP-Schwester hat sie vor einigen Jahren aufgegeben - „der Stress wurde zu groß“ - und hat sich umschulen lassen zur Bürokauffrau. Erst vor wenigen Tagen ist das Ehepaar von einem gemeinsamen Ägyptenurlaub zurückgekehrt. Schulabschluss, Ausbildung, Heirat, Hauskauf - das Leben von Martina Keun-Geburtig verlief stringenter als das der Mutter. „Meine Mutter“, sagt sie, „hätte jemanden gebraucht, der sie unterstützt. Auch im Kaufmännischen.“

Bis zu ihrer Einschulung in ein Internat in Kommern in der Eifel lebt sie gemeinsam mit der Mutter im Haus der Großeltern - ein schmales Kind mit blonden Haaren. Liberal sei die Mutter gewesen und sehr liebevoll, eine, die sich auch in der Erziehung nicht an die damals gängigen Regeln hielt und nicht zu den konventionellen Hausfrauen zählte. „Ich konnte immer zu ihr hingehen, wenn ich Probleme oder Fragen hatte.“ Amüsiert erinnert sie sich an die gemeinsamen Spaziergänge durch den Stadtwald. Drei oder vier müsse sie damals gewesen sein. „Da haben wir Picknick gemacht und ältere Damen oder überhaupt jemanden, der uns nicht gefiel, mit Kletten beworfen. Das fand ich natürlich stark.“ Abends habe die Mutter ihr oft vorgelesen. Die Märchen von Hans Christian Andersen: „Das Mädchen mit den Streichhölzern“, „Die kleine Meerjungfrau“. Später schreibt sie manchen Schulaufsatz für die Tochter, denn die „hasste es, zu schreiben“. Sie geht mit ihr ins Kino und zum Kölner Rosenmontagszug.

„Verglichen mit vielen anderen, hatte ich eine behütete Kindheit“, sagt Martina Keun-Geburtig heute. Einen Vater, nein, den habe sie nie vermisst, „auch wenn andere das vielleicht reininterpretieren. Wie kann ich etwas vermissen, das ich nicht kenne.“ In ihrem Schlafzimmer bewahrt sie noch einige wenige Relikte aus der Kindheit auf: einen Stoffhasen von Steiff, ein Stoffeichhörnchen. Die teure Käthe-Kruse-Puppe mit den langen roten Haaren, der sie als Kind einen Mecki schnitt, existiert längst nicht mehr, ebenso wenig das hölzerne Schaukelpferd, das in der Eupener Straße im Schlafzimmer der Mutter stand.

Vieles ist verloren gegangen, als im März 1966 das großelterliche Haus renoviert und verkauft wurde. Martina Keun-Geburtig kann sich noch an Kisten mit Fotos, Manuskripten und Papieren erinnern. Irgendwann waren sie verschwunden. Die Mutter, häufig überfordert mit den Dingen des Alltags, kann sich nicht darum kümmern, sie hat andere Sorgen. Irmgard Keun ist 61 Jahre alt, körperlich angeschlagen und von der Welt vergessen. Seit Jahren hat sie nichts mehr veröffentlicht. Ihr Alkoholkonsum hat beängstigende Ausmaße erreicht.

Wenige Monate nach dem Verkauf des Elternhauses wird sie für sechs Jahre in das Landeskrankenhaus Bonn eingewiesen. Um die Tochter kümmert sich das Jugendamt.

Martina Keun besucht die Mutter regelmäßig im Krankenhaus. Soll sie ihr Vorhaltungen machen? Auf Verhaltensänderung dringen? „Es war halt so“, kann sie heute ohne Bitterkeit sagen. „Und ich bin realistisch damit umgegangen.“ Als die Mutter 1972, einen Tag vor Heiligabend, entlassen wird, hat sie sich längst eingerichtet in ihrem eigenen Leben. Der Mutter bleibt sie eng verbunden. Regelmäßig gehen Mutter und Tochter in Bonn gemeinsam ins Kino: „Tanz der Vampire“, „Tod in Venedig“. Anschließend diskutieren sie über das Gesehene. Noch heute fehlen Martina Keun-Geburtig diese Gespräche.

Irmgard Keun hat wenig, das die Rückkehr lohnt. Das elterliche Haus ist verkauft, ihre Bücher werden nicht mehr aufgelegt, jungen Lesern ist sie eine Unbekannte. Doch 1975 erfährt ihr Leben noch einmal eine letzte, eine entscheidende Wende. Der Kölner Journalist und damalige Kulturredakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“ Wilhelm Unger, der selber viele Jahre in der Emigration verbracht hat, spürt die Weggefährtin aus alten Tagen in ihrem Domizil in Bonn auf. Eifrig beginnt er die Werbetrommel zu rühren für die lange Vergessene. Überredet sie, vor Bonner Schulklassen aus ihren Romanen zu lesen. Besorgt ihr in Köln ein möbliertes Zimmer.

In der Trajanstraße 10 richtet sie sich 1977 ein, vier Treppen unter ihr wohnt der Kölner Autor Albrecht Fabri. Ein Bett, ein Sofa, „ein Tisch mit zwei komischen Sesseln“, sehr viel mehr habe nicht dringestanden in diesem Zimmer, erinnert sich Fabri in einem Artikel über seine Nachbarin. Ein „Schreibschrank, Klappe runter, Schreibmaschine, viele Aschenbecher, sehr viele Aschenbecher, und - ja, eine Besonderheit: Sie sammelte Eulen. So etwa dreißig muss sie gehabt haben.“ Heute stehen die Eulensammlung und Irmgard Keuns Schreibmaschine im Haus der Tochter in Mainz.

Auch der „Stern“-Autor Jürgen Serke beginnt sich für Irmgard Keun zu interessieren. 1977 erscheint, basierend auf einer Serie im „Stern“, sein Buch „Die verbrannten Dichter“: Ein Kapitel ist Irmgard Keun gewidmet. Im selben Jahr entschließt sich der Claassen Verlag, ihre Romane wieder aufzulegen. Die Keun ist wieder da.

Ihr bleiben nur wenige Jahre, um den Ruhm auszukosten. Noch einmal gibt sie Interviews, hält Lesungen, eine Grande Dame mit üppiger blonder Perücke und geschminkten Lippen, die die Erwartungen des Publikums in jeder Hinsicht bedient. Dennoch umgibt sie eine Aura von Einsamkeit, die keiner der alten und neuen Bekannten zu durchbrechen vermag, seltsam unpersönlich bleibt ihre letzte Bleibe, fast so, als sei sie nicht mehr fähig, sich irgendwo zu etablieren. Immer habe sie Fluchtgefühle, gesteht sie Klaus Antes kurz vor ihrem Tod. „Und vor wem läufst du da weg?“ „Vor mir.“

Manchmal begleitet die Tochter sie zu den Veranstaltungen, doch Martina Keun-Geburtig hält sich lieber im Hintergrund. Natürlich, sagt sie, habe die Mutter den ganzen Rummel um ihre Person richtig einzuschätzen gewusst. „Mag sein, dass sie mit dem ein oder anderen kokettiert oder jongliert hat.“

Einen letzten Roman wolle sie noch schreiben, erzählt Irmgard Keun jedem, der sie nach ihren Zukunftsplänen fragt (siehe Interview). Titel: „Kein Anschluss unter dieser Nummer“. „Er sollte davon handeln, dass die Welt sie so lange vergessen hat“, erinnert sich die Kölner Fotografin Hildegard Weber, der die Autorin während eines Fototermins den Inhalt des kompletten Romans erzählt. Zur Niederschrift kommt es nie. „Es gab kein Papier, keinen Stift, gar nichts“ in dem letzten Zimmer der Irmgard Keun. Die Fotografin bringt ihr beides. Vergebens. Es fehlt die Kraft. Am 5. Mai 1982 stirbt Irmgard Keun an einem Lungenkarzinom.

„Es ist ganz seltsam, wenn ich mir heute Filme ansehe, in denen meine Mutter erzählt und ganz lebendig ist“, sagt Martina Keun-Geburtig. „Doch es ist schön, dass ich die Stimme noch hören kann.“ An diesem Sonntag wird sie im Schauspielhaus aus dem Werk der Mutter lesen. Die Textstelle ist bereits mit feinen Bleistiftstrichen markiert.

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