28.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Farhat-Naser: „Thymian ist klein, aber mächtig“

Birzeit -

Die letzte Etappe der Reise zu Sumaya Farhat-Naser beginnt am Damaskus-Tor von Jerusalem. Dort startet der grün-weiße Bus der Linie 18, der über den israelischen Checkpoint ins Westjordanland nach Ramallah fährt. An der Endstation geht es weiter um zwei Straßenecken zum Sammeltaxi, das in beherzter Fahrt nach Birzeit rollt. An der Post angekommen, dirigiert uns Farhat-Naser per Telefon: An dem Tattoo-Schild die hügelabwärts führende Straße nehmen, nach etwa 500 Meter könne sie mich dann schon sehen. Das große Haus ist umgeben von üppigem Grün: Feigen- und Olivenbäume spenden Schatten, Weinreben überspannen die Terrasse. Die roten und weißen Trauben stecken in Strümpfen, um die Vögel und Wespen fernzuhalten. Alles fast wie im Paradies. Fast.


Frau Farhat-Naser, Sie haben in Deutschland Botanik studiert. Was bedeutet Ihnen die Natur?

SUMAYA FARHAT-NASER Die Natur hat so viel Kraft, so viel Schönheit, so viel Weisheit. Ich lerne viel von ihr. Den Zyklus von Wachsen und Erneuerung übertrage ich in Gedanken immer auch auf uns Menschen. Die Pflanzen tun niemandem etwas Böses, sondern wollen einfach nur leben. Und wann immer ich mich schlecht fühle, schaue ich hinaus in den Garten. Unser ganze Haus ist von Weinreben umgeben und nicht weit von hier ist unser Weinberg. Wir machen daraus Wein, zwischen 50 und 80 Flaschen. Mein Mann ist Biochemiker, und ihm macht die traditionelle Herstellungsweise große Freude.

Pflanzen spielen in vielen Titeln ihrer Bücher eine Rolle.

FARHAT-NASER Ja. Auch bei meinem nächsten Buch. Da muss der Feigenbaum im Titel vorkommen.

Was bedeutet Ihnen der Thymian?

FARHAT-NASER Thymian steht für Frische und die Fähigkeit, auch auf steinigem Grund zu überleben. Sobald der Thymian grünt, sagt er uns: Schaut her, ich kann was! Seine Blätter gehören zum Öl dazu. Wir essen jeden Tag zum Frühstück und zum Abendbrot Olivenöl und Thymian. Wenn plötzlich Gäste kommen, die sich nicht angemeldet haben, was hier üblich ist, und man nichts im Hause hat, so gibt es doch immer Olivenöl mit Thymian und etwas aufgebackenes Brot. Um Thymian muss man sich nicht sorgen, denn der kommt immer wieder. Es ist klein, aber mächtig.

Schaut man auf Ihre Aktivitäten, so gehen diese weit über das Aufgabenfeld einer Botanikerin hinaus. Was geben sie als Ihren Beruf an?

FARHAT-NASER Ich bin Pädagogin. Ich arbeite sehr gerne mit Menschen und spüre, dass ich sie erreichen kann – das macht mir große Freude. Vor allem bin ich Friedenspädagogin. Ich arbeite zusammen mit Jugendlichen und Frauen. Das mache in hier in Birzeit an der katholischen Schule, wo die Mehrheit der Schüler Moslems sind. Dann zweimal in der Woche in der evangelischen Schule „Talitha Kumi“ in der Nähe von Betlehem, die ich selbst als Kind besucht habe. Dann habe ich noch zwei Dörfer in der Nähe von Ramallah. Die Krönung ist, dass ich jetzt eine Genehmigung habe, nach Jerusalem zu reisen. Dort unterrichte ich an einer katholischen Schule des „Deutschen Vereins vom Heiligen Lande“. Im Zentrum der Seminare und Workshops steht die Gewaltfreiheit, der Umgang mit den anderen, um Frieden mit sich selbst zu finden. Da geht es um Problembewältigung und Stressmanagement.

Wie problematisch ist es, an einer christlichen Schule Moslems zu unterrichten?

FARHAT-NASER Überhaupt nicht! In den kirchlichen Privatschulen ist das hier völlig normal. Wir Christen machen ja nur noch zwei Prozent der Bevölkerung aus.

In welche Kirche gehen Sie?

FARHAT-NASER Ich gehe in alle Kirchen. Ich bin griechisch-orthodox getauft, evangelisch-lutherisch erzogen, anglikanisch getraut und habe die Ehrendoktorwürde der Katholischen Theologie an der Uni Münster und ich arbeite mit Juden und Moslems zusammen. Ich gehöre zu den ersten Christen, jedenfalls kann ich meine Familie mindestens 800 Jahre zurückverfolgen.
Sie sind Teil der palästinensischen Frauenbewegung. Die blickt ja auf eine lange Tradition zurück.

FARHAT-NASER So ist es. Eine Frauengruppe gab es schon 1903 in Akkon und dann in Jaffa. 1922 fand eine erste Vollversammlung statt, darunter waren auch jüdische Palästinenserinnen. Ich selbst habe in der Frauen-Organisation in Birzeit und Ramallah mitgewirkt und unterstütze diese natürlich auch heute noch.

Sind Frauen aktiver in der Friedensbewegung als Männer?

FARHAT-NASER Früher habe ich darauf mit Ja geantwortet. Das kam daher, dass Frauen nicht ernst genommen wurden.

Und wie steht es heute um das politische Engagement der Frauen?

FARHAT-NASER Seitdem es die Grenzmauer gibt zwischen Israel und Palästina, ist alles äußerst schwierig geworden. Die Palästinenser dürfen nicht nach Israel, Israelis nicht nach Palästina – es sei denn mit Sondergenehmigungen. Hinzu kommt der Siedlungsbau, der das Leben sehr schwer macht, nicht zuletzt aufgrund der unzureichenden Wasserversorgung. Dann gibt es die vielen Checkpoints – der nächste ist eineinhalb Kilometer entfernt Richtung Norden. Gerne würde ich mal wieder nach Nablus fahren, aber man weiß nie, ob man ankommt oder zurückkommt. Es ist normal, dass das Leben anormal ist. Das macht die Friedensarbeit mühsam – und das sieht man auch bei den Frauen.

Die Hoffnung auf Frieden sinkt?

FARHAT-NASER Ja, die Situation scheint hoffnungslos. Die Übermacht der Politik ist so stark, dass der Einzelne sich fragt, was er dagegen noch ausrichten kann. Vor allem die Friedensaktivisten auf der israelischen Seite sind erschöpft.

Und sie selbst?

FARHAT-NASER Ich kann mir nicht leisten, keine Hoffnung zu haben. Meine Hoffnung ist, dass die Menschen hier leben können und nicht zerbrechen.

Was macht die ständige Anspannung mit den Menschen?

FARHAT-NASER Die Angst ist immer da. Und die muss man verwalten, wenn man überleben will. Es hilft die Liebe zum Land, es helfen die Freunde, die Aktivitäten, es hilft, die kleinen Freuden bewusst zu erleben. Und ich merke, dass die Jugendlichen und Frauen Hoffnung schöpfen, wenn ich mit ihnen zusammenarbeite.

Deutschland hat aufgrund der Verbrechen während des Nationalsozialismus ein besonders enges Verhältnis zu Israel. Sie schreiben in „Thymian und Steine“, dass Deutschland in aller Regel die israelische Position verteidige...

FARHAT-NASER Natürlich muss Deutschland Verantwortung tragen für die Geschichte und natürlich muss man aus der Geschichte lernen. Das bedeutet aber nicht, dass man zu allem Ja und Amen sagt, was Israel macht. Wenn ich mit deutschen Politikern spreche, geben sie mir vielfach Recht, aber wenn es um eine offizielle Erklärung geht, halten sie sich zurück.

Die deutschen Parteien sind in Ramallah allerdings gut vertreten…

FARHAT-NASER Tatsächlich gibt es in Ramallah alle möglichen deutschen Stiftungen, was toll ist und sehr hilfreich. Aber es wirkt manchmal wie eine Kompensation dafür, dass sich die deutsche Politik nicht einmischen will.

Sie schildern in Ihrer „Lebensgeschichte“, es habe in Deutschland zunächst Vorbehalte gegen Sie als Palästinenserin gegeben. Eine Weile wurden „die Palästinenser“ nur in Verbindung gebracht mit Terroranschlägen. Wie ist es heute, wenn Sie in Deutschland über Frieden im Nahen Osten reden?

FARHAT-NASER Es ist anders geworden. Die Menschen zucken immer noch zusammen, wenn ich sage, dass ich Palästinenserin bin, aber dann nehmen sich zusammen und hören hin und sagen oft am Ende: Ha, jetzt weiß ich mehr! Irgendwie ist es immer eine gespannte Atmosphäre. Seit gut 30 Jahren trete ich in Deutschland öffentlich auf. Erst kamen immer dieselben zehn, 15 Leute, heute sind die Säle immer gut gefüllt, manchmal sprudeln sie sogar über wie einmal in Köln in der Buchhandlung Bittner. Auch wenn ich in die Gymnasien in Deutschland gehe, merke ich, dass die Schüler viel mehr wissen und stärker interessiert sind als früher. Das ist eine positive Entwicklung.

Ihre Eltern waren arm. „Thymian und Steine“ macht allerdings deutlich, dass auch in der Armut, in der sie aufgewachsen sind, Schönes zu finden ist. Selbst sein sehr karges Mal kann Freude wecken...

FARHAT-NASER Auf jeden Fall. Ich liebe es sowieso nicht, wenn es nur das Schwere gibt, ich möchte auch das Schöne haben. Und wenn ich mich mit meinen drei Schwestern treffe, dann sprechen wir nur über diese wunderbare arme Zeit. Dann schwelgen wir in Erinnerungen. Das Haus meiner Eltern stand nur 200 Meter entfernt von dem Platz, an dem wir jetzt sprechen.

Gab es für Sie je die Überlegung, angesichts der Bedrängnisse hier wegzugehen?

FARHAT-NASER Nein. Einige meiner Geschwister leben in den USA. Die besuche ich gerne. Doch ich freue mich immer wieder, wenn ich zurückkommen kann zu dem einfachen, menschlichen Leben. Wenn ich nach Deutschland reise, was ich sehr gerne und jährlich tue, atme ich bei der Landung auf dem Flughafen auf und sage: Wie schön. Aber nach drei, vier Wochen möchte ich zurück nach Birzeit. Hier bin ich zu Hause, hier habe ich meine Aufgabe. Dann wird im Garten aufgetischt. Reis mit Mandeln, Quark, Tomaten und Gurken, Zwiebeln und Oliven. Dazu das ofenfrische Fladenbrot, das Ehemann Munir gerade beim Bäcker im Ort gekauft hat. Vom Minarett der nahen Moschee ruft der Muezzin die Gläubigen, lang und lautsprecherstark. Die Eheleute lassen sich dadurch nicht ablenken. Sie erzählen weiter von ihrem Leben in einem alten Land. Zum Abschied reicht Sumaya eine Seife aus selbst gewonnenem Olivenöl. Und Munir pflückt eine Feige vom Baum. Dumpfe Süße.

Das Gespräch führte Martin Oehlen