25.07.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Franziskus: „Der Papst zerbricht das alte Bild“

Franziskus blickt nach seiner Wahl auf den mit Gläubigen gefüllten Petersplatz.

Franziskus blickt nach seiner Wahl auf den mit Gläubigen gefüllten Petersplatz.

Foto:

dpa

Professor Großbölting, das Konklave und die Wahl von Papst Franziskus war in den Medien das Top-Ereignis der vergangenen Tage. War das Interesse der Öffentlichkeit am Papst schon immer so groß?

THOMAS GROSSBÖLTING: Sagen wir lieber „die Aufmerksamkeit“. Denn es gibt einen klaren Unterschied zwischen der medialen Präsenz kirchlicher Führungsfiguren und deren Einfluss auf die alltägliche Lebenswelt der Menschen, seien sie Katholiken oder nicht. Der Katholikentag 2005 in Köln ist dafür ein besonders lehrreiches Beispiel: Die jugendlichen Teilnehmer jubelten dem neu gewählten Papst Benedikt XVI. zu, scherten sich in ihrer Mehrheit aber nicht die Bohne um seine Theologie oder seine Moralvorstellungen.

Ist dieses Eventhafte erst neuerdings mit dem Papsttum verbunden?

GROSSBÖLTING: Johannes Paul II. wird gern als der erste „Medienpapst“ bezeichnet. Zumindest für Deutschland und den deutschen Katholizismus trifft das nicht zu. Vielmehr war es schon Johannes XXIII., der Papst des Zweiten Vatikanischen Konzils, der hierzulande eine bis dahin ungekannte Aufmerksamkeit erfuhr. Und zwar nicht nur in der Kirchenpresse, sondern eben auch in den „profanen“ oder „säkularen“ Medien. Die Begeisterung für Johannes XXIII. war der Anfang des „Medienpapsttums“, zumal vom Ende der 1950er Jahre an die Zahl der Haushalte mit einem Fernsehgerät rasant stieg.

Welche Bedeutung hatte die Gestalt des jeweiligen Papstes für das Glaubensleben in der jüngeren Vergangenheit?

GROSSBÖLTING: Das hat sich in den vergangenen 150 Jahren sehr stark verändert. In der Epoche der Pius-Päpste von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts war der Papst für deutsche Katholiken ein wichtiger Orientierungspunkt. Sie sahen das monarchisch-autoritäre Papsttum im bikonfessionellen Deutschland als Stütze in der Auseinandersetzung mit den Protestanten und mit dem Staat, hier speziell auch in der NS-Zeit. Die so motivierte Verehrung für den „Heiligen Vater“ lässt dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer mehr nach. Sie wird – wie erwähnt – zum Event. Das Kraftfeld des Papsttums verengt oder konzentriert sich.

Worauf?

GROSSBÖLTING: Auf die kirchliche Führungsspitze, also die Bischöfe. Man kann realistisch über den Kurs des neuen Papstes Franziskus noch nicht viel sagen, aber seine ersten Worte und Gesten lassen in der Deutschen Bischofskonferenz einige Unruhe und Erschütterungen der Machtverhältnisse erwarten.

Was meinen Sie genau?

GROSSBÖLTING: Ein neuer Stil der Schlichtheit in Rom kontrastiert augenfällig mit den fürstbischöflichen Anwandlungen gerade jüngerer Bischöfe. Bestes Beispiel sind Prunk und Protz des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst, der damit ja auch eine bestimmte Art kirchlicher Führung repräsentiert: abgehoben, autoritär, aristokratisch, in Distanz zur Gesellschaft. Das alles könnte durch das neue Pontifikat in eine Legitimationskrise geraten.

Der Nimbus „heiliger Herrschaft“, durch den jeder Priester ein kleiner Papst war, ist weg?

GROSSBÖLTING: Ja, und der Rücktritt Benedikts XVI. könnte in historischer Perspektive zum Symbol dieses Prozesses werden. Der Papst selbst zerbricht radikal das Bild des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vom „Heiligen Vater“, der mit seiner Aufgabe lebt und stirbt.

Ob er das wollte?

GROSSBÖLTING: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein so gewiefter Kirchenpolitiker wie Joseph Ratzinger dieser Folgen seines Schrittes nicht bewusst war – einer Anpassung des kirchlichen Amts an ein gewandeltes Verständnis von Autorität und ihrer Akzeptanz.

Ihre Analyse des Glaubenslebens in Deutschland seit 1945 heißt „Der verlorene Himmel“. Ist der „Verlust des Himmels“ ein schleichender – oder haben Sie markante Zäsuren festgestellt?

GROSSBÖLTING: Sozialhistorisch ist es der Kirche eigentlich schon in den 1950er Jahren nicht mehr gelungen, ihren Verhaltenskodex „scharf zu machen“, durchzusetzen. In diesem Sinn hat der Jesuit Ivo Zeiger bereits 1948 von Deutschland als „Missionsland“ gesprochen. Wenige Jahre nach der NS-Diktatur hat er gesehen, dass die politische, organisatorische und wortreich artikulierte „Restauration“ kirchlichen Lebens, der „religiöse Frühling“ der Nachkriegszeit, keinen echten existenziellen Rückhalt hatte.

Ein neuer Papst bringt den verlorenen Himmel nicht zurück?

GROSSBÖLTING: Glaubensgemeinschaften sind immer dann erfolgreich, wenn ihre Anliegen mit gesellschaftlichen Fragen und Problemen korrespondieren, ohne dabei ihre religiöse Eigenart aufzugeben. Da sehe ich nach den ersten Signalen des neuen Papstes ein großes Potenzial für neue Glaubwürdigkeit und Relevanz der katholischen Kirche.