27.07.2016
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Grimm-Jubiläum: „Märchen wird es immer geben“

Walt Disneys Vorstellung der Grimm’schen Märchen: „Schneewittchen und die sieben Zwerge“

Walt Disneys Vorstellung der Grimm’schen Märchen: „Schneewittchen und die sieben Zwerge“

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dpa

Herr Ehrhardt, was ist Ihr Lieblingsmärchen der Brüder Grimm?

Holger Ehrhardt: Das wechselt von Zeit zu Zeit. Momentan ist es „Die Gänsemagd“: Eine Prinzessin wird von ihrer Magd zum Rollenwechsel gezwungen und muss die Gänse ihres Verlobten hüten. Natürlich fliegt die Geschichte irgendwann auf und die Prinzessin kommt zu ihrem Recht.

Also Ende gut, alles gut?

Ehrhardt: Wie man es nimmt: Die betrügerische Magd wird mit dem Tode bestraft. Ich mag dieses Märchen wegen seiner Vielschichtigkeit. Man findet darin uralte keltische Wurzeln, aber auch ganz junge, gegenreformatorische Züge. Es ist quasi ein Parforceritt durch ein ganzes Jahrtausend und ein schönes Beispiel für die Funktion von Märchen, nämlich Dinge zu sammeln und zu bewahren.

Sie haben seit Anfang 2012 Deutschlands einzige „Professur zu Leben und Wirken der Brüder Grimm“ inne. Was gibt es 200 Jahre nach dem Erscheinen der Grimm’schen Märchen noch zu erforschen?

Ehrhardt: Mehr als Sie denken. Die Brüder Grimm waren ja nicht nur Märchensammler. Sie haben, beeinflusst von der Tatsache, dass Deutschland bis 1813 unter französischer Fremdherrschaft stand, die Wissenschaft des Deutschen, von der deutschen Vergangenheit, Sprache und Literatur also, geschaffen. Bis dahin hatte man sich kaum mit der Vergangenheit der Deutschen beschäftigt, geschweige denn, dass jemand die alten Mythen, Volksstoffe, Lieder, Sagen und Märchen gesammelt hätte, die zum großen Teil nur als mündliche Überlieferungen existierten. Die Grimms waren die ersten, die sich mit diesen Themenkomplexen befassten, und haben damit den Grundstock gelegt für die moderne Germanistik.

Sind Märchen im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß?

Ehrhardt: Die Märchen der Brüder Grimm haben viele Dinge vorweggenommen. Sie finden darin zum Beispiel eine Rechtsauffassung, die zur Zeit der Grimms in dieser Form gesellschaftlich nicht erlebbar war. Die Märchen waren somit Fluchtpunkte, kleine Fantasiewelten, in denen diese moderne Rechtsauffassung gelebt werden konnte. Sie sind zudem trotz ihrer anfänglichen rein nationalen Ausrichtung sehr international und damit sehr völkerverbindend.

Obwohl das Hauptinteresse der Brüder „dem Deutschen“ galt?

Ehrhardt: Die Grimms waren somit schon früh in ein gelehrtes europäisches Netzwerk eingebunden. Sie unterhielten einen regen Briefwechsel mit anderen Forschern und kommunizierten mit ihnen in mehreren Fremdsprachen. Ein Austausch, der im 20. Jahrhundert nicht mehr unbedingt selbstverständlich war.

Wieso nicht?

Ehrhardt: Nehmen Sie zum Beispiel Polen. Die Rezeption der Grimm’schen Märchen ist dort aufgrund der geschichtlichen Ereignisse sehr unglücklich verlaufen. Die Polen haben die Grimm’schen Märchen immer als Ausdruck der Brutalität der Deutschen gesehen, die sie überfallen und ihnen ihr Land weggenommen haben. Das hat sich erst vor wenigen Jahren geändert.

Wie sieht das im übrigen Europa aus?

Ehrhardt: Besser. 1820 wurden die Märchen zunächst ins Holländische, 1823 ins Englische übersetzt. Bei der englischen Übersetzung wurden allerdings viele Dinge herausgenommen, die mit der viktorianischen Moral nicht vereinbar waren. Beispielsweise glaubte man, den englischen Kindern nicht zumuten zu können, dass sich die Stiefmutter in „Schneewittchen“ in glühenden Pantoffeln zu Tode tanzt. Also hat man sie nur tot umfallen lassen.

Wie bekannt sind die deutschen Märchen außerhalb Europas?

Ehrhardt: Das ist sehr unterschiedlich. In Japan und China sind sie sehr populär. Viele Menschen dort glauben sogar, dass die Märchen Volkserzählungen aus ihrem eigenen Land sind.

Wie sieht es in Deutschland aus – lesen Kinder noch Märchen?

Ehrhardt: Da bin ich nicht ganz so optimistisch. Ich fürchte, dass Märchen in Deutschland ziemlich auf dem Rückzug sind.

Wie kommt das? Haben sie zu viel Konkurrenz?

Ehrhardt: Das hat verschiedene Gründe. In der Schule stehen die Kinder- und Hausmärchen zwar in der 5. Klasse auf dem Stundenplan. Doch wie sie funktionieren und in welcher geschichtlichen Tradition sie stehen, ist kein Thema mehr an den Schulen, auch nicht in der Oberstufe. Außerdem setzen sich die wenigsten Eltern abends hin und lesen ihren Kindern ein Märchen vor. Viele von ihnen kennen die alten Geschichten selber nicht mehr.

Müssen wir uns nach 200 Jahren also von den alten Geschichten verabschieden?

Ehrhardt: Nicht unbedingt. Glücklicherweise haben sich inzwischen Hollywood und andere Medien der Märchenstoffe angenommen und sie wieder populär gemacht. Denken Sie an Disneys „Schneewittchen“ oder an „Mirror, Mirror“ mit Julia Roberts, ebenfalls eine Verfilmung von Schneewittchen. Auch die neuen Märchenverfilmungen der ARD sind sehr verdienstvoll. Märchen wird es noch in 100 Jahren geben, wenn auch vielleicht nicht mehr in der Form von Märchenbüchern.

Das Gespräch führte Petra Pluwatsch