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Händel-Premiere in Düsseldorf: Xerxes als barockes Welttheater

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Valer Barna-Sabadus (Xerxes) und Torben Jürgens (Ariodates)  Foto: Hans Jörg Michel
Der gefeierte Regiestar Stefan Herheim aus Norwegen inszeniert in Düsseldorf Händels Oper „Xerxes“. Am Samstag feierte die Produktion Premiere — und überwältigte dabei mit einer sinnlichen Opulenz die begeisterten Zuhörer.  Von
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Düsseldorf

Schwebend leicht, wie aus dem Nichts, kommt das "O" von "Ombra", nimmt dann wie ein Fesselballon, in den die Luft strömt, Volumen an und steigt beseligt in den Düsseldorfer Opernhimmel. Die Rede ist von Händels Arie "Ombra mai fu", dem legendären Largo, das seinen "Xerxes" eröffnet. Einen besseren Sänger für dieses strapazierte Stück (und überhaupt für die Rolle) als den Counter Valer Barna-Sabadus (der neulich in "Artaserse" auch in Köln brillierte und es in Kürze wieder tun wird) kann man sich nicht vorstellen.

Er gibt es mit einer berückenden Intensität, mit einer stillen Schönheit und Würde, die dank ihrer artikulatorische Beweglichkeit allemal das triefende Wunschkonzert-Pathos umgeht. Der Kontext ist ja auch nicht sonderlich pathetisch - der persische Herrscher betet eine schattenspendende Platane an -, und überhaupt wirkt die Situation in der Düsseldorfer Oper leicht ironisch: Die Platane ist ein Pappkamerad, dem man genau dies ansehen soll, und Barna-Sabadus steht auch irgendwie neben seiner Rolle: Er singt nicht Xerxes, sondern stellt einen Sänger dar, der Xerxes singt.

Kurze Zeit später kippt die arkadische Idylle vollends ins Lächerliche: Zu pastoralen Blockflöten erscheinen drei ausgiebig blökende Schafe auf der Bühne. Ein atmosphärischer Querschläger? Ganz und gar nicht, Stefan Herheim, der diese Händel-Oper in Koproduktion mit der Berliner Komischen Oper inszeniert, reizt das komödiantische Potenzial, das in diesem Werk steckt, bis zum Anschlag aus. Hier vermischen sich, ausgehend von der offen komödiantischen Sphäre des Dieners Elviro, Seria- und Buffa-Elemente auf eine Art, die zurückweist auf die Anfänge der Gattung im Venedig des frühen 17. Jahrhunderts.

Davon ist nicht zuletzt die Hauptfigur betroffen. Das ist ein schon an Mozarts Almaviva gemahnender Antiheld, der einer Frau nachjagt, die er nicht kriegen kann, und der im Zuge von Missverständnissen und Intrigen dann doch wieder bei seiner alten landet. Schließlich wird von zwei Ausnahmen abgesehen deutsch gesungen. Das schädigt den Händelschen Vokalklang, trägt aber zur saftigen Drastik des Geschehens allemal bei - zumal von Eberhard Schmidt betont salopp-schnoddrig übersetzt wurde. Das alles ist ungewohnt bis befremdlich, man muss damit umzugehen wissen. Weiß Herheim es?

Nun ja, der gefeierte Regiestar aus Norwegen und seine Bühnenbildnerin Heike Scheele stellen mit einer sinnlichen Opulenz sondergleichen, die allein visuell stets aufs Neue überwältigt, ein barockes Welttheater hin - wobei der Begriff Theater wörtlich zu nehmen ist. Die historisierende Drehbühne samt Aufbauten, Hinterwänden, Dekorationen und Requisiten wird als solche vorgeführt, Herheim führt als zweite Fiktionsebene das Londoner Theaterwesen in der Entstehungszeit der Oper ein. Die amourösen Verwicklungen sind halt auch diejenigen der in stilgerechte Barockkostüme gewandeten Opernsänger, nicht nur des dargestellten Personals. Theater auf dem Theater, Illusionsbrechung in vielfältiger Form, Anreden ans Publikum, burschikose Einbeziehung des Orchesters, nachäffende Persiflierung von Händels Musiksprache - all das sind Elemente einer karnevalsnah-boulevardesken Dekonstruktion, die sich der Barockoper hier bemächtigt.

Um das konsequent durchzuziehen, braucht man freilich einen langen Atem. Herheim wirft also die zwerchfellaktivierende Einfallsmaschine an. Die aber beginnt rasch zu stottern: Der Blök-Effekt zündet genau einmal, fortgesetztes Blöken verstimmt. Und wenn Atalanta für ihre Rivalin Romilda Mordwerkzeuge in sich steigernder Monstrosität herbeischafft, dann ist auch das ein voraussehbarer Gag auf ermäßigtem Niveau. "Xerxes" im Anagramm als "Rex Sex" ist hübsch und verweist insgesamt auf die Kopulationsfreudigkeit des Personals. Hier darf jeder jedem mal an die Wäsche, wobei es durch die Entkoppelung von Stimmregister und Geschlecht (Frauen verkleiden sich als Männer, Männer singen als Counter in Frauenlage) zu verwirrenden Überkreuzungen kommt. Letztlich aber zieht in diesem "Anything goes" eine Nacht auf, in der alle Katzen grau sind. Die Opulenz läuft dann ins Leere, und es breitet sich - jedenfalls tendenziell und streckenweise - genau das aus, was Herheim vermeiden wollte: Langeweile. Zumal bei einer Netto-Aufführungsdauer von mehr als drei Stunden! Daran kann auch das detailversessen durchgebildete Gesten- und Bewegungsspiel der Sänger-Darsteller nichts ändern.

Gerettet wird die Produktion vor allem durch deren überragende Leistungen. Der zweite Counter Terry Wey behauptet sich als Arsamenes neben Barna-Sabadus mehr als nur achtbar. Heidi Elisabeth Meier als Romilda ist ein schöner, beweglicher Sopran, Katarina Bradic blieb als Amstris wohl erkältungsbedingt unter ihren Möglichkeiten, Anke Krabbes giftig-scharfe Höhe ist der Atalanta durchaus rollenangemessen, Hagen Matzeit imponiert in der Rolle des Elviro als täppischer Buffo. Konrad Junghänel am Pult schließlich erzeugt mit der Neuen Düsseldorfer Hofmusik einen gewohnt inspirierten, weil farbig-gestalthaften und klangrednerisch profilierten barocken Ensembleklang. Großer buhfreier Beifall.

Nächste Aufführungen: 30. Januar, 1., 3., 5., 6. Februar.

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