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Hanna Rosin: „Junge Frauen sind aggressiv“

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Ein undatiertes Foto zeigt die US-Autorin Hanna Rosin. Glaubt man Rosin, ist der Mann auf ganzer Linie der Verlierer des gesellschaftlichen und ökonomischen Umbruchs.  Foto: dpa
Die amerikanische Bestsellerautorin Hanna Rosin vergleicht Frauen mit iPhones: Einst unbeachtet, scheint es plötzlich so, als habe die Menschheit nur darauf gewartet, dass sie die Macht übernehmen. Damir Fras spracht mit Rosin über das Ende der Männer und über Sexismus.
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Hanna Rosin wirkt gehetzt. Gerade hat sie die Kinder zur Schule gebracht, sich dann durch den morgendlichen Berufsverkehr in Washington gequält und ist trotzdem ein paar Minuten zu spät für unser Interview im Café erschienen. Jetzt wickelt sie sich eilig aus Schal und Mantel. Den Tagesablauf einer Frau, die mit ihrem gerade erschienenen Buch „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ (Berlin-Verlag) einen international beachteten Abgesang auf das männliche Geschlecht geschrieben hat, hatte man sich anders vorgestellt. Rosin scheint das zu ahnen, zumindest reagiert sie gereizt, als der Kellner einen gewöhnlichen Kaffee auf den Tisch stellt. „Hey, ich wollte einen Cappuccino!“, ruft Rosin. Der männliche Kellner gehorcht. Womit wir beim Thema wären.

Frau Rosin, Sie sagen, dass es mit den Männern zu Ende geht. Ich bin ein Mann. Was, um Himmels Willen, habe ich falsch gemacht?
Hanna Rosin: Ich glaube nicht, dass Sie ernsthaft in Gefahr sind. Sie sind wahrscheinlich gut ausgebildet. Sie arbeiten in einem kreativen Beruf. Das schützt.

Da bin ich ja beruhigt.
Rosin: Es geht auch gar nicht speziell um Sie. Es geht darum, dass die allgemeine Annahme nicht mehr gilt, Männer hätten sozusagen einen natürlichen Vorteil in dieser Welt. Das patriarchalische Privileg verschwindet.

Warum?
Rosin: Fehlende Flexibilität. Frauen sind viel flexibler als Männer. Männer, die plötzlich arbeitslos werden, können sich an die neue Situation viel schwerer anpassen als Frauen. Klar, sie könnten sich fortbilden, oder sie könnten akzeptieren, dass ihre Frauen mehr Geld verdienen als sie. Aber sie tun es eben nicht oder nicht in ausreichendem Maße.

Ich muss schon sagen, dass Sie uns in Ihrem Buch „Das Ende der Männer“ recht eindimensional beschreiben. Wir haben uns doch als ganz schön flexibel erwiesen. Viele Männer machen, was für ihre Väter noch undenkbar war: Sie beteiligen sich am Haushalt, sie kümmern sich um die Kinder...
Rosin: Das stimmt alles. Es geht aber um die relative Veränderungsgeschwindigkeit. Mir fällt gerade der Begriff „disruptive Technologie“ dazu ein.

Wie bitte?
Rosin: Nehmen Sie zum Beispiel Apple: Ein kleines Unternehmen, für dessen Produkte sich zuerst nur wenige Leute interessieren. Aber dann plötzlich scheint das Zeug genau das zu sein, worauf die Menschheit nur gewartet hat.

Frauen sind die iPhones unter den Menschen?
Rosin: Irgendwie ja. Der Vergleich gefällt mir. Frauen sind wie iPhones. Die Welt hat sich so verändert, dass plötzlich ein Bedarf für diese Art von Telefonen vorhanden war. Natürlich haben sich auch die Männer verändert, aber nicht so schnell wie die Frauen. Das ging doch rasend schnell in den letzten Jahrhunderten. Und noch eine andere Sache, die ich beobachtet habe: Frauen nehmen Neues an, ohne das Alte aufzugeben.

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Das Ende der Männer – ist das nun eine gute Nachricht für die Frauen oder eine schlechte?
Rosin: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber wenn Sie unbedingt wollen, dann sage ich, dass das eine überwiegend gute Nachricht ist. Frauen haben heute mehr Möglichkeiten und sind unabhängiger. Die Annahme, dass ein Mann per se eine Position verdient, gibt es nicht mehr. Der Mann mag die Stelle immer noch haben, aber niemand glaubt noch, dass eine Frau nicht in der Lage sei, dieselbe Arbeit zu machen wie der Mann. Auch sind Frauen wirtschaftlich viel weniger abhängig von Männern als früher. Sie brauchen die Männer oft nicht mehr, um zu überleben. Das ist gut.

Seit in Deutschland eine Journalistin einem Politiker sexuelle Anzüglichkeiten vorgeworfen hat, diskutiert das Land heftig über sexuelle Belästigung. Ist Sexismus nicht ein Beleg, dass die alten Machtverhältnisse weiterbestehen?
Rosin: Aber Macht heißt doch auch, in der Lage zu sein, Avancen eines Mannes zurückzuweisen.

Gerade in den USA vertraut man dabei aber nicht auf das Selbstbewusstsein der Frauen, sondern es gibt strenge Richtlinien.
Rosin: Die Richtlinien für sexuelle Belästigung wurden auf Drängen von Feministinnen in Firmen und Universitäten aufgestellt. Eine Debatte über sexuelle Belästigung hat es in den USA schon in den Neunziger Jahren gegeben. Auslöser waren die Vorwürfe der Jura-Professorin Anita Hill gegen ihren früheren Kollegen Clarence Thomas. Als er in den Obersten Gerichtshof berufen werden sollte, erstattete sie Anzeige wegen sexueller Belästigung in der Zeit, als sie als Angestellte in seiner Kanzlei arbeitete. Ich glaube, seither ist das Flirten zwischen Menschen, die im Job nicht gleichgestellt sind, nicht mehr so einfach.

„Meine Mutter hatte das Sagen“

Frau Rosin, viele Frauen werden Schwierigkeiten haben, sich mit den Frauen in Ihrem Buch zu identifizieren. Die sind nahezu ausnahmslos erfolgsorientiert, kühl kalkulierend, auf Spaß und ihr persönliches Fortkommen aus.
Rosin: Diese jungen Frauen, über die ich geschrieben habe, wollen etwas beweisen. Darin sind sie den Frauen in den Sechziger Jahren ähnlich, die aufhörten, BHs zu tragen. Die wollten auch etwas beweisen. Die jungen Frauen fluchen, sie verhalten sich aggressiv. Sie wollen zeigen, dass sie es können.

Sind Sie auch so?
Rosin: Nein, ich komme aus einer anderen Generation. Ich habe immer diese Vorstellung gehabt, dass Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrschen sollte. Ich wollte arbeiten und mich um meine Kinder kümmern.

Und das können Sie, weil Ihr Mann Ihrem Lebensentwurf folgt. Sie teilen sich Arbeit und Erziehung.
Rosin: Ja, ich habe sehr viel Glück gehabt. Meine Eltern, müssen Sie wissen, stammen beide aus der Arbeiterschicht. Aber meine Mutter hatte zu Hause die Hosen an, auch wenn mein Vater, der Taxifahrer war, das Geld nach Hause brachte. Aber es war klar, dass meine Mutter das Sagen hatte. Sie war sehr ehrgeizig, mein Vater nicht. Wenn die beiden zu einer anderen Zeit gelebt hätten, wäre die Rollenverteilung ganz anders ausgefallen. Meine Ehe ist gar nicht so ungewöhnlich. Das machen viele Leute so wie wir. Aber mein Mann unterstützt mich sehr. Er freut sich über meinen Erfolg und lässt ihn zu. Natürlich ist mein Mann ein anderer Vater, als mein Vater war. Die Erwartungen an ihn sind auch ganz anders. Wenn er sich wie mein Vater verhielte, würden die Leute aus meiner sozialen Schicht denken, dass er ein Idiot ist.

Die Ehe als stabilisierende Institution?
Rosin: Das Phänomen, das ich beschreibe, ist von Schicht zu Schicht verschieden. In meiner Schicht gibt es wahrscheinlich so stabile Ehen wie selten zuvor in der Geschichte. Barack und Michelle Obama sind ein gutes Beispiel. Er ist Präsident, sie ist First Lady. Die Familie isst jeden Abend zusammen. Niemand neidet dem anderen den Erfolg.

Und in den anderen Schichten?
Rosin: Da verschwindet die Ehe mehr und mehr. Die Beziehungen von Männern und Frauen sind instabil. Viele 20 Jahre alte Männer glauben gar nicht mehr daran, dass sie eine Familie ernähren könnten. Sie wollen es vielleicht immer noch, aber sie wissen gar nicht mehr, wie sie das anstellen sollen.

Wo ist der weibliche Steve Jobs?

Warum ist das so?
Rosin: Die haben sich einfach aufgegeben. Viele Frauen, mit denen ich für das Buch gesprochen habe, sagen, dass sie solche Typen gar nicht erst haben wollen. Nur ein Mund mehr, der gefüttert werden will, sagen sie. Da verbinden sich zwei unglückliche Tendenzen miteinander: Die Männer glauben, dass sie chancenlos sind und als Ernährer nicht mehr gebraucht werden. Und dann ist da noch das Gefühl, dass richtige Familienväter nur noch in wohlhabenden Schichten der Gesellschaft zu finden seien. Das suggerieren uns doch unzählige Serien im Fernsehen, die natürlich auch von den Männern in den unteren Schichten wahrgenommen werden. 1953 und selbst 1968 hätten Sie noch ein versoffenes Arschloch sein können, das sein Geld in der Kneipe lässt. Aber wenigstens wären Sie das Oberhaupt und der Ernährer Ihrer Familie gewesen. Heute ist das völlig anders.

Das sind aber doch auch schlechte Nachrichten für Frauen?
Rosin: Das ist ganz schrecklich. Es scheint, als könnten nur noch Menschen, die über ein gewisses Einkommen verfügen, das Ideal von einer freundschaftlichen Ehe oder Partnerschaft ohne Trauschein erfüllen. Viele Frauen wünschen sich nichts so sehr wie die Ehe, aber sie finden nicht mehr die Männer dazu.

Sind typische männliche Eigenschaften wie physische Stärke nicht mehr zeitgemäß?
Rosin: Mag sein. Aber das ist mir ein bisschen zu eng gedacht. Natürlich gibt es Frauen, die sagen, sie brauchen einen Mann, der sie beschützt. Aber dann könnten sie auch ein Wachunternehmen beauftragen, oder? Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch Berufsfelder gibt, auf denen Männer nach wie vor stärker vertreten sind als Frauen. Technologische Berufe. Die Internet-Jungs zum Beispiel – Steve Jobs. Der hat einfach gesagt: Fuck you!, hat seine Sache durchgezogen und Apple zum Erfolg geführt. Ein bisschen allgemein gesprochen: Frauen können so etwas nicht so gut.

Wo ist der weibliche Steve Jobs?
Rosin: Den wird es geben, aber noch nicht. Frauen müssen lernen, für ihre beruflichen Belange einzutreten, ohne dabei in eine Krise zu geraten. Ich habe mit einer Wall-Street-Millionärin gesprochen. Sie sagte mir, sie müsse jedes Mal, wenn sie mit ihrem Boss über eine Gehaltserhöhung verhandle, einen Rollkragenpulli tragen, um die roten Flecken am Hals zu verbergen, die sie vor Nervosität bekomme. Die Frau bewegt Tag für Tag Millionen von Dollar hin und her und ist immer noch nervös. Ich glaube, es wird noch dauern, bis wir einen weiblichen Steve Jobs erleben werden.

„Merkel macht ihre Sache gut“

Und wann werden wir die erste US-Präsidentin erleben?
Rosin: Wenn Hillary Clinton es in vier Jahren versucht, könnte sie es schaffen.

Warum scheint es in den USA immer noch schwer vorstellbar zu sein, dass eine Frau regiert?
Rosin: Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht fangen wir gerade erst an, Frauen an der Macht zu akzeptieren. Als sich Hillary Clinton 2008 um die Präsidentschaftskandidatur bewarb, brach in diesem Land eine pubertäre Debatte los: Wird sie weinen? Muss sie Kekse backen? Das war peinlich. Auch Michelle Obama muss sich immer noch ähnliche Fragen gefallen lassen: Ist sie zu tough? Ist sie häuslich genug?

Sind Frauen bessere Regierungschefs?
Rosin: Sie haben doch in Deutschland mit Angela Merkel eine Regierungschefin, die ihre Sache offenbar ganz gut macht. Aus norwegischen Studien lässt sich erkennen, dass Frauen in Spitzenpositionen auf Krisen anders reagieren als Männer. Statt rigoros Stellen zu streichen, kürzen sie allen Mitarbeitern das Gehalt. Ist das netter? Vielleicht ein bisschen. Aber die Vorstellung, dass die Welt ein freundlicherer Ort wäre, wenn sie nur von stillenden Müttern beherrscht würde, ist natürlich Unsinn. Wir in den USA haben auch schon genügend Frauen erlebt, die ganz anders aufgetreten sind. Denken Sie nur an Sarah Palin, die sich als Verteidigerin der Nation geriert hat, als eine Art mütterlich wirkende Rettungsfigur. Die Tea-Party-Bewegung wurde übrigens sehr stark von Frauen dominiert.

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