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Interview: „Antisemitismus durch Andeutung“

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Antiisraelische und propalästinensische Parolen von links. Foto: Archiv/Privat
Der Philosoph Ingo Elbe spricht in unserem Interview über die Augstein-Debatte, den Begriff „Antisemitismus von links“ und Formen der Judenfeindlichkeit in den politischen Milieus.
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Herr Elbe, in der Debatte über Jakob Augstein fällt auch der Begriff „Antisemitismus von links“. Was ist darunter zu verstehen?

Ingo Elbe: Man sollte vielleicht zunächst sagen, dass heute niemand Antisemit ist, das gehört sich nach Auschwitz nicht mehr. Deswegen ist es so schwer zu sagen, was überhaupt Antisemitismus ist. Dieser artikuliert sich heute eher durch ein Zu-verstehen-Geben als durch offene Judenfeindlichkeit.

Und das eben auch bei Leuten, die sich politisch als links verstehen ...

Elbe: Im Kern ist der Antisemitismus natürlich ein rechtes Phänomen, das ist keine Erfindung der Linken. Die Juden als Personifizierung aller als negativ empfundenen Konsequenzen des Kapitalismus – Geld, Kapital, Zins, aber auch Intellektualität, das wird an den Juden bekämpft. Hinzu kommt eine Verschwörungstheorie: Die Juden als das abstrakte Böse sollen hinter allen unbegriffenen gesellschaftlichen Miseren stecken. Und es kommen ebenfalls hinzu eine strikte Trennung von Gut und Böse sowie Utopien von Nation und Rasse.

Das wären also vier Anhaltspunkte für Antisemitismus?

Philosoph Ingo Elbe
Philosoph Ingo Elbe

Elbe: Genau, und diese tauchen auch in bestimmten linken Theorien auf, die gar nicht explizit antisemitisch sind. Nehmen wir als Beispiel die Personifizierung sozialer Verhältnisse: Wenn Lenin sagt, die Macht konzentriert sich auf ein kleines Häuflein von Milliardären, dann geht es nicht mehr um Kritik sozialer Strukturen, sondern um Personen.

Wie steht es mit der Trennung zwischen Gut und Böse?

Elbe: Das findet sich etwa bei Sarah Wagenknecht, wenn sie im „Spiegel“ von den Kapitalisten spricht, die in den Banken sitzen, und von den Unternehmern, die ausgebeutet werden.

Sie spricht also von Schaffen und Raffen.

Kategorien, die früher von Antisemiten benutzt wurden ...

Elbe: Ja, das ist natürlich noch kein Antisemitismus, aber es besteht eine strukturelle Affinität, eine Verwandtschaft. Es kann immer zu einem Umschlagspunkt kommen, an dem die Position des bösen Kapitalisten mit einem Juden identifiziert wird.

Wird der Begriff Antisemitismus nicht mitunter inflationär gebraucht und dadurch in seiner Bedeutung abgeschwächt?

Elbe: Das sehe ich auch so. Nach Auschwitz ist es weniger leicht, sich als Antisemit darzustellen ...

… weil es geächtet, tabuisiert ist …

Elbe: Genau. Man deutet an, man gibt zu verstehen – bei Augstein finde ich das wirklich frappant, wenn er zum Beispiel von Gaza als „Endzeit des Menschlichen“ spricht. „Endzeit“, „Endlösung“, das sind so fließende Assoziationen. Da kann man nicht sagen, es sei nun belegt: Er ist Antisemit. Aber es lässt aufhorchen.

Auf jeden Fall können solche Äußerungen geeignet sein, Antisemitismus zu befördern.

Elbe: Es ist schwer zu sagen, ob er nun Antisemit ist oder nicht, aber es gibt wiederkehrende Strukturen. Nach Auschwitz gibt es auch in der Linken das Gedankenmodell der Täter-Opfer-Umkehr, das heißt, dass die Opfer der Deutschen nun zu Tätern gemacht werden, nach dem Motto: Die Juden haben die Waffe in die Hand genommen und ihren eigenen Staat erkämpft. Das kann so weit gehen, dass die Juden als die wahren Faschisten dargestellt werden, die in Gestalt des Staates Israel auf die vermeintlichen neuen Juden, die Palästinenser, eindreschen.

Das allerdings ist kein linkes Phänomen.

Elbe: Natürlich nicht. Immer wenn es zum Beispiel um Gaza geht, findet man Norbert Blüm im Fernsehen, der vom „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ spricht. Wenn man ihn darauf anspricht, sagt er, es ginge ihm ja nicht so sehr um Worte. Aber genau das ist der Punkt: Ist er nun Antisemit? Ich weiß es nicht. Aber er benutzt die Täter-Opfer-Umkehr, er nutzt die Projektion des deutschen Vernichtungskriegs und der Vernichtung der Juden auf Israel.

An welchem Punkt nimmt Israel-Kritik die Form von Antisemitismus an?

Elbe: Es gibt das Kriterium der drei „D“, das ich recht praktikabel finde. Kritik an Israel wird dann antisemitisch, wenn sie Israel delegitimiert. Das gibt es in der Linken seit 1967/68 sehr stark, wenn Israel als künstliches imperialistisches Gebilde betrachtet wird, das gegen das gute palästinensische Volk steht. Das zweite „D“ steht für die Dämonisierung, da findet man bei Augstein einiges, wenn er etwa davon spricht, die ganze Welt werde am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs geführt. Oder wenn immer wieder gesagt wird, dass Israel das zentrale Problem für den Weltfrieden sei, dann ist das natürlich eine Dämonisierung.

Das dritte „D“ schließlich steht für doppelte Standards, wenn es um Israel geht.

Elbe: Das bedeutet, dass Israel anders, schärfer beurteilt wird als andere Staaten. So prangert man häufig Kriegsverbrechen israelischer Soldaten an und nimmt Verbrechen arabischer Soldaten überhaupt nicht wahr. Das fand man in der Linken zum Beispiel nach den Massakern in Sabra und Schatila, die zwar von christlichen Milizen verübt wurden, aber unter Duldung des israelischen Militärs. Darauf hat man sich regelrecht gestürzt. Das jordanische oder das syrische Militär wurde hingegen gar nicht wahrgenommen.

Müssen wir das antisemitische Zu-verstehen-Geben fatalistisch hinnehmen, oder gibt es Mittel dagegen?

Elbe: Man hat ja gesagt, dass die „Eliten“, dass Intellektuelle unmissverständlich ihre Kritik daran äußern sollen. Denn wenn es sich durchsetzt, dass jemand wie Augstein in einer, wie ich finde, durchaus antisemitischen Weise Israel kritisiert, dann kann es zu dem kommen, was Hannah Arendt Verbindung von Mob und Elite genannt hat. Und dann wird es gefährlich. Das hatten wir zum Beispiel Anfang der 90er Jahre, als Politiker gegen Ausländer gehetzt haben und man sich auf der Straße zur Gewalt legitimiert fühlte.

Das Gespräch führte Frank Olbert

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