29.09.2016
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Interview: „Unserem Handel wird die Geschäftsgrundlage entzogen“

Karl-Sax Feddersen ist Justiziar und Geschäftsführer des Kölner Auktionshauses Lempertz sowie Mitglied im Vorstand des Kunsthändlerverbandes Deutschland.

Karl-Sax Feddersen ist Justiziar und Geschäftsführer des Kölner Auktionshauses Lempertz sowie Mitglied im Vorstand des Kunsthändlerverbandes Deutschland.

Köln -

Herr Feddersen, der Kunsthandel stellt sich massiv gegen die Reform des Kulturgutschutzgesetzes. Was stört Sie an der Reform?

Diese ganze Vorstellung von national wertvollem Kulturgut passt einfach nicht mehr in unsere Zeit. Wir sind ein Land, das über Jahrhunderte viel Kulturgut aus anderen Ländern importiert hat. Man braucht sich nur vorzustellen, wie es in unseren Museen aussehen würde, wenn sie sich die Importe wegdenken. Das wäre langweilig, das wäre überall nur noch Heimatmuseum. Diese Position hat uns immer auch einen lockeren Umgang mit der Abwanderung von Kultur erlaubt. Hier soll es jetzt einen Paradigmenwechsel geben: Wir sollen glauben, wir müssten alles Deutsche krampfhaft unter Schutz stellen.

Gibt es konkrete Kritikpunkte?

Als Handel irritiert uns vor allem die unverhältnismäßige Verschärfung der Sorgfaltspflichten, die arge Konsequenzen bis zum Verlust der Gewerbeerlaubnis haben können. Da werden harte Geschütze aufgefahren, und man hat leider das Gefühl, dass der ganze Aspekt Kulturgutschutz eher eine Art trojanisches Pferd ist: Eigentlich geht es wohl um Auskunftspflichten aus steuerrechtlichen Erwägungen etwa zur Bekämpfung von Geldwäsche.

Monika Grütters verteidigt die Reform stets mit dem Hinweis darauf, dass ohne die Gesetzesnovelle bedeutende Kulturgüter ins Ausland verkauft werden könnten, die der deutsche Staat dann mit viel Steuergeld zurückkaufen müsste.

Natürlich kann es manchmal ärgerlich sein, wenn etwas abwandert. Aber wir haben doch die Kulturstiftung der Länder, damit solche Stücke gekauft werden können. Es ist ein seltsames Verständnis des Staates vom Umgang mit Kulturgut, wenn er einerseits davon redet, wie wichtig ihm dieses Kulturgut ist, er aber andererseits ein Gesetz macht, das es ihm erlaubt, dieses Kulturgut zum Schnäppchenpreis zu erwerben.

Es wird immer wieder lanciert, dass viele Sammler ihre Sammlungen rechtzeitig vor Inkrafttreten des Gesetzes ins Ausland schaffen könnten. Ist das Panikmache oder hat das Ihrer Meinung nach einen realen Hintergrund?

Ich befürchte, dass hier bereits viel Porzellan zerschlagen wurde und das Vertrauensverhältnis der Sammler zum Staat wegen der dilettantischen Kommunikation rund um das Gesetz schon arg gelitten hat. Auch wir Händler sind als direkt Betroffene im Vorfeld dieses Gesetzgebungsverfahrens nur sehr unzureichend eingebunden gewesen. Wir waren zuletzt im April eingeladen, doch schon da hatte man das Gefühl, dass die Anhörung von Händlern, Sammlern und Museumsleuten eine reine Schauveranstaltung war.

Gegen die Grundprinzipien unserer Arbeit

Monika Grütters behauptet genau das Gegenteil.

Es gab eine schriftliche Anhörung, aber die Konturen des Gesetzes waren so unklar, dass man nie richtig wusste, wozu man sich überhaupt äußern soll. Auch im April gab es nur Eckpunkte, die Details waren nicht einmal zu erahnen. Erst mit dem Gesetzesentwurf liegt das alles auf dem Tisch.

Im Entwurf steht auch, dass der Auktionshandel jedem Kaufinteressenten Name und Adresse seines Einlieferers offenlegen muss. Was würde das für Sie bedeuten?

Bei diesem Punkt fragt man sich wirklich, wer dieses Gesetz geschrieben hat. Diese Leute können niemals mit dem Kunsthandel in Berührung gekommen sein, denn sonst wüssten sie, dass es hier um die Grundprinzipien unserer Arbeit geht. Das hat nichts damit zu tun, dass wir etwas zu verbergen hätten: Es ist nur ein begrenzter Vorrat an Ware da, und wenn uns jeder fragen kann, von wem wir dieses oder jenes Bild bekommen haben, wird unserem Handel die Geschäftsgrundlage entzogen. Das ist auch juristisch nicht ausgegoren, die Persönlichkeitsrechte des Einlieferers werden dabei massiv verletzt.

Können Sie sich denn mit dem Vorhaben anfreunden, die Einfuhr von Antiken stärker zu reglementieren?

Mit dem Zweck auf jeden Fall. Jeder von uns bekommt Tränen in den Augen, wenn er sieht, was derzeit im Vorderen Orient geschieht. Nur die Ströme des Raubguts, die man hofft trockenlegen zu können, laufen nicht über Deutschland. Da kann man noch so oft behaupten, Deutschland sei eine Drehscheibe für den Handel mit geraubten Antiken. Ich sehe davon aber nichts. Das ist eher eine Placebo-Gesetzgebung.

Gibt es etwas, das Ihnen am Gesetz gefällt?

Positiv ist, dass jetzt ein einheitlicher Gesetzeskorpus geschaffen werden soll, in dem Regelungen, die zuvor an verschiedene Orte versprengt waren, zusammengefasst werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Chance nicht vertan wird.

Das Gespräch führte Michael Kohler


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