23.07.2016
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Weber und Gay zu Funkhaus Europa: „Die Musik soll so bleiben wie bisher“

Valerie Weber 250216

Valerie Weber

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WDR

Von einem „beispiellosen Kahlschlag“ ist die Rede: „WDR kills the Radio DJ – Stoppt die Funkhaus Europa Reform!“ heißt eine Online-Petition, die unzählige Menschen unterstützen. Auch prominente Musiker üben Kritik.

17.000 Menschen haben bisher eine Online-Petition unterschrieben, die sich gegen die geplante Reform von Funkhaus Europa ausspricht. Fast alle äußern Angst vor zu viel Mainstream. Was sagen Sie dazu?

Valerie Weber: Es ist Unsinn, wenn sie glauben, dass Funkhaus Europa ein Mainstream-Sender wird. Das ist nicht unsere Absicht. Die Musik soll so bleiben wie bisher. Wir haben nicht vor, unsere Richtung zu ändern, was die Musikauswahl angeht. Wir wollen ein junges europäisches Kulturradio sein.

Francis Gay: Wir sind sehr erstaunt darüber, welche Wellen das schlägt. Für uns ist das eine Solidaritätsbekundung für die Musik, die wir spielen. Was uns entgegenkommt, ist Liebe und ein Bekenntnis. Die Leute geben uns ein Mandat für ein Radioprogramm, das eine Alternative darstellt. Sie sagen uns: Bleibt einzigartig. Ich hoffe, das bleibt so. Einheitsbrei gibt es schon genug.

Warum gibt es überhaupt eine Reform?

Weber: Das Wichtigste ist, dass wir künftig unsere Sendezeiten neu strukturieren. Funkhaus Europa ist eine Kooperation von drei Sendern. Die Frage ist, wer sendet wann.  Wir wollen nicht so ein zerrissenes Programm haben.

Aber es  geht auch ums Sparen?

Weber: Alle ARD-Anstalten müssen sparen. Wir haben seit 2009 die gleichen Mittel, es sieht nicht aus als würde das viel besser. Wir stehen also auch bei Funkhaus Europa unter einem enormen Sparzwang. Wir müssen allein in diesem Jahr eine halbe Million Euro einsparen, das sind zehn Prozent des Budgets. Und es trifft auch nicht nur die freien Mitarbeiter. Wir müssen sieben Planstellen bis 2020 einsparen. Allein das war ein Grund zu sagen, wir müssen die Strukturen ändern.

In der Petition ist davon die Rede, dass 17 Musikprogramme gestrichen werden sollen.

Weber: Das stimmt nicht. Wie gesagt, es ist absoluter Unsinn, dass wir eines unser kreativsten und eines unser musikalisch jüngsten und mutigsten Programme opfern. Bisher waren es acht  Stunden musikredaktionelles Programm aus Köln am Wochenende, künftig sind es zehn: Wir holen die Inhalte in eine Musikstrecke von 18 bis 20 Uhr von Montag bis Freitag, zum Teil auch mit den Moderatoren.

Zum Teil?

Weber: Ob sich dann alle  Moderatoren dort wiederfinden, ist eine andere Frage. Wir wollen nicht jeden Abend einen anderen Moderator haben. Wir wollen, dass die Strecken wochenweise durchmoderiert werden. Wir werden nicht eins zu eins die Sendungen abbilden. Wir wollen Neues entstehen lassen.

Francis Gay 250216

Francis Gay

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Wie viele Formate wird es denn weiterhin geben, wie viele und welche DJs werden weiter zu hören sein?

Weber: Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn jetzt gehen die Gespräche mit den einzelnen DJs erst los. Das muss man mit den Kollegen zusammen erarbeiten. Wir haben den  Samstagabend ab 20 Uhr zur Verfügung, um auch hier etwas Neues, Spannendes entstehen zu lassen. Am Samstagabend pulsiert Europa, das sollte auch bei Funkhaus Europa hörbar sein.

Die eine Frage ist, wie viel Sendezeit zur Verfügung steht. Die andere ist, wie diese gefüllt wird. Es heißt, es gibt seit einem Jahr Vorgaben, mehr Mainstream zu spielen.

Weber: Die Frage ist, wie viele Songs laufen aus dem klassischen Bereich Weltmusik, wo grenzen wir ab. Dürfen auch mal deutschsprachige Songs oder amerikanische Charthits laufen? Seit Anfang 2015 ist es so, dass 20 bis 30 Prozent Crossover-Musik sind. Aber 70 Prozent der Musik sind aus der Richtung Global Pop, Urban, Black und Alternative und sicher nicht chartverdächtig – und das wird auch so bleiben.

Wie schätzen Sie das ein, Herr Gay?

Gay: Wir haben das bisherige Klangbild unserer Welle seit Januar 2015 in der Tat verändert. Für uns ist das eine große Herausforderung, etwas Stimmiges anzubieten. Es gibt Songs, die sind kompatibel, andere nicht, wir versuchen, die richtige Mitte zu finden.

Sie kürzen bei den  Muttersprachenprogrammen die täglichen Sendungen um die Hälfte von 60 auf 30 Minuten. Warum?

Weber: Wir wollen den Muttersprachen-Communitys eine Brücke ins Netz bauen und sie nicht nur im Linearen lassen. Die Frage war, wie wir das tun. Darüber haben wir lange diskutiert. Wir haben bis 2010 immer schon 30 Minuten gesendet, dahin gehen wir zurück. Diese 30 Minuten sind ein perfektes Podcast-Format. Bei den 60 Minuten wurde mit Musik gefüllt. Wir wollen uns jetzt auf 30 Minuten Inhalt konzentrieren.

Und das senden Sie um 18 Uhr im Netz?

Weber: Wir senden sechs muttersprachliche Programme um 18 Uhr als Stream live. Das heißt, es sind Interaktionen mit den Hörern möglich und man kann auch auf Aktuelles reagieren. Es wird danach als Podcast zur Verfügung gestellt und dann zwischen 20 und 23 Uhr auch im Radio gesendet.

Und wann soll die Reform in Kraft treten?

Weber: Wir wollten das ursprünglich am 1. April starten. Aber es kam bei einer Mitarbeiterversammlung der Wunsch auf, etwas mehr Zeit zu gewinnen. Deshalb peilen wir jetzt den 1. Juli an.