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Interview mit Charlotte Roche und David Wnendt: „Eine gewisse Verklemmung ist gut“

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Charlotte Roche und Regisseur David Wnendt zu Besuch im Neven DuMont Haus. Foto: Martina Goyert
Das Buch wurde immer wieder als unverfilmbar bezeichnet - und jetzt die Kinopremiere: Autorin Charlotte Roche und Regisseur David Wnendt sprechen im Interview über die Verfilmung des Bestsellers „Feuchtgebiete“.  Von
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Frau Roche, Herr Wnendt, haben Sie eigentlich mitbekommen, dass bei der Open-Air-Aufführung von „Feuchtgebiete“ in Düsseldorf jemand zusammengeklappt ist – bei dieser krassen Szene gegen Ende?

David Wnendt: Es sind tatsächlich zwei Leute zusammengeklappt, es ist sogar ein Notarzt gekommen.

Der Film war also ein bisschen zu viel?

Charlotte Roche: Das waren beides Männer. Bevor ich das Buch geschrieben habe, war ich immer auf Tour mit Christoph Maria Herbst, da habe ich was über Penisverletzung bei Masturbation mit Staubsauger vorgelesen – da kam es pro Abend zu bis zu fünf Ohnmachtsanfällen.

Frau Roche, konnten Sie sich vorstellen, wie die Szenen Ihres Buches auf der Leinwand wirken?

Roche: Ich habe es mir anders vorgestellt. Ich werde immer so zitiert, dass das Buch unverfilmbar sei, aber das fand ich nie. Ich konnte mir nur einen Film vorstellen, der ab 18 ist und unerträglich viel Schmerz und Eiter zeigt. Das kann man ja im Film nicht machen.

Herr Wnendt, als Sie das Buch gelesen haben, haben Sie da auch gedacht: unverfilmbar?

Wnendt: Das nicht, aber es wäre viel schlimmer gewesen, wenn sich das Buch schon wie ein Drehbuch gelesen hätte. So war klar, dass man, um dem Geist des Buches treu zu bleiben, eine ganz eigene Form finden musste.

Der Film spinnt die Geschichte ja fort, hier steht die Familienproblematik viel mehr im Vordergrund als im Buch.

Roche: Ich wollte es technisch so, dass die Familiengeschichte nur in ganz wenigen, miesen Sätzen angedeutet wird. Helen ist im Buch auch schwieriger zu mögen als im Film, man muss sich durch viel mehr Schmerz und Terror durchkämpfen. Ich wollte ein Buch schreiben, das es so noch nicht gibt und deswegen habe ich das ganze Badezimmergeheimnis nach vorne gehoben und die Familie nach hinten gedrängt.

Wie gefällt Ihnen nun der Film?

Roche: Total gut. Es gibt Szenen im Film, die so gut sind, dass ich fast sauer bin, dass mir das nicht im Buch eingefallen ist.

Was sagen Sie zu der sensationellen Hauptdarstellerin Carla Juri?

Roche: Mir wurde sehr oft gesagt: Der Film steht und fällt mit der Hauptdarstellerin. Ich finde auch, dass man bei Carla nicht einmal merkt, dass sie spielt. Man kann sich als Zuschauer nicht vorstellen, dass sie einen anderen körperlichen Umgang hat als Helen, weil es so überzeugend ist.

Diese Fixierung aufs Körperliche – liegt dem vielleicht eine psychische Störung zugrunde?

Roche: Die Selbstverletzungsszene ist mehr so eine kreative Idee, um ihre Eltern zusammenzubringen. Helen ist eher kreativ mit Sexualität, weil ihr nicht gefällt, wie sie erzogen wird. Trotzdem hat sie natürlich auch eine gewisse Traurigkeit und Aggressivität.

Wie schwierig war es denn, ein Buch zu verfilmen, in dem es sehr viel um Sex und Körperlichkeit geht, ohne ins Pornografische zu geraten?

Wnendt: Der erste Ansatz war: Es sollte nicht prüde sein, sondern einen leichten, offenen Ansatz mit Sexualität geben. Aber es ging im Film auch darum, die anderen Facetten aus dem Buch zu zeigen, auch den Humor. Deswegen war es nicht nötig, dass es expliziten Sex gibt.

Was fasziniert so am Ekel?

Roche: Ekel ist lustig, so wie auch Sex manchmal lustig ist. Ich kläre gerne auf und denke, man kann ruhig lockerer damit sein. Ich weiß aber nicht, ob ich will, dass alle ganz aufgeklärt und total frei sind, dann ist, glaube ich, auch nichts mehr lustig. Man lacht nämlich oft aus Scham, auch, wenn man nur einen nackten Mann sieht. Deswegen ist eine gewisse Verklemmung gut. Das Gleiche gilt für Ekel. Mit dem Ekel, mit den Übertreibungen versuche ich, die Grundidee des Buchs – wir sind zu hygienisch, zu feindlich unserem Körper gegenüber – zu vermitteln.

Sie haben ja schon oft über die autobiografischen Facetten in ihren Büchern gesprochen, schützen aber andererseits Ihr Privatleben sehr. Wie finden Sie zwischen beidem einen Mittelweg?

Roche: Ich verstehe das. Mir bedeutet als Konsumentin ein Kunstwerk mehr, wenn ich weiß, da schreibt jemand über wahre Erlebnisse. Wenn ich schreibe, dann schütze ich nicht mich, sondern nur meine Familie. Wenn es um Kinder geht, dann nehme ich viele Kinder, die ich kenne, und vermische die. Wenn es um eine Ich-Erzählerin geht, dann bin ich das. Ich muss echte Sachen nehmen, denn sonst gibt es keinen Grund für mich zu schreiben. Und so erreicht man auch Leute.

Charlotte Roche und Regisseur David Wnendt zu Besuch im Neven DuMont Haus. Foto: Martina Goyert
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