25.08.2016
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Angstforscher Borwin Bandelow über die Silvesternacht: „Die Kölner denken, sie werden Opfer ihrer eigenen Liberalität“

Die Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof.

Die Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof.

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dpa

Herr Bandelow, seit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht herrscht Angst in Deutschland. Menschen bewaffnen sich mit Pfefferspray, der Kleinwaffenabsatz steigt. Wie erklären Sie sich diese massive Reaktion?

Es handelt sich um eine klare Überreaktion, denn solche Ereignisse werden ja jetzt realistisch betrachtet nicht gang und gäbe in Deutschland. Aber es ist die typische Reaktion auf Gefahren, die uns neu und unbeherrschbar erscheinen. Davor haben die Menschen mehr Angst als vor Gefahren, die ihnen bekannt sind. Dieses innere Warnsystem hat uns entwicklungsgeschichtlich unser Überleben seit Hunderttausenden Jahren gesichert. Bei allen neuen Gefahren – egal ob diese neue Form der Übergriffe, Terrorismus oder ein neuer Virus – reagieren Menschen immer sehr stark und überschätzen die Gefährdung.

Das heißt, wenn Angst sich reduziert, ist das reine Gewöhnungssache?

Genau. Schauen Sie doch mal auf Länder, in denen regelmäßig Terroranschläge verübt werden. Die Leute gewöhnen sich daran, kaufen weiter auf dem Markt ihre Tomaten ein und denken nicht daran, dass sie die nächsten Opfer sein könnten. Aber wir in Deutschland denken, wir werden demnächst von Ausländern ausgeraubt. Ich war einmal in Israel, als dort bei einem Anschlag vier Menschen getötet wurden. In dem benachbarten Café haben die Menschen am nächsten Tag einfach weiter Kaffee getrunken. Menschen, die solchen Ängsten ausgesetzt sind, müssen sich daran gewöhnen, sonst würden sie verrückt werden.

Warum reduziert es die Angst nicht, rationale Wahrscheinlichkeiten zu betrachten? Dass etwa statistisch die Wahrscheinlichkeiten höher ist, Opfer eines Flugzeugabsturzes zu werden als eines Terroranschlages?

Weil diese primitive Angst ein subjektives Gefühl ist, das in einer Hirnregion angesiedelt ist, die intellektuell nicht hochstehend ist und das mit statistischen Wahrscheinlichkeiten nicht umgehen kann. Die Abwägung, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, findet in einem anderen Teil des Hirns statt. Gerade bei Urängsten wird das primitive Angstsystem aktiviert, das auf entkräftende Fakten nicht reagiert. Wenn bei einem Anschlag zehn Deutsche sterben, hilft es nichts, sich vor Augen zu führen, dass hier jährlich 9000 Menschen durch Haushaltsunfälle sterben.

Im Moment bricht sich eine Fremdenangst, ja, geradezu ein Fremdenhass Bahn, von dem man das Gefühl hat, dass er unter einer sehr dünnen Decke geschlummert hat und Köln die Initialzündung war, das endlich rauslassen zu dürfen.

Die Fremdenangst war immer da und ich beobachte schon seit mindestens einem Jahr, dass sie stetig steigt. Aber weil wir so unter dem Diktum der politischen Korrektheit stehen, wurde damit hinter dem Berg gehalten. Und jetzt nach Köln bricht das raus.

Woher kommt die Angst vor Fremden – die sogenannte Xenophobie?

Diese Urangst ist im Menschen angelegt und rührt daher, dass es vor mehreren hunderttausend Jahren ein Überlebensvorteil war, wenn man Fremdenangst hatte. Der eigene Stamm war alles. Man hat alles dafür getan, andere fernzuhalten. Wer sich nicht mit den eigenen Leuten zusammengetan hat, um gegen die anderen um Nahrung, Sexualpartner und Territorium zu rivalisieren, ist ausgestorben.

Und diese Angst schleppen wir als archaischen Rest mit?

Ja, sie wurde genetisch über Jahrtausende weitergegeben, so dass jeder von uns heute noch eine eigentlich übergroße Phobie hat vor Menschen, die andersartig aussehen. Das ist eine angeborene Angst, die in einem Teil des Hirns verankert ist, der intellektuell nicht hochstehend ist. Wie alle Phobien – also Ängste, die man vor etwas hat, obwohl man sie nicht haben muss. Nehmen Sie nur die Spinnen: Wir haben in Deutschland keine einzige Spinne, die irgendetwas tut. Trotzdem haben die meisten Deutschen Spinnenangst. Auch ein Überrest aus unserer Höhlenzeit, als das eine reale Gefahr war.

In der Verhaltenstherapie begegnet man Ängsten mit Konfrontation. Hilft das auch bei Fremdenangst?

Es hilft, sich mit der Angst auseinanderzusetzen. Wer Angst vor Fahrstühlen hat, muss Fahrstuhl fahren. Nach zwanzig Versuchen ist dann klar, dass nichts passiert. Genauso ist das im Kontakt mit Fremden. In Gebieten mit weniger Ausländern ist die Angst vor ihnen größer. Das gilt etwa für den Osten Deutschlands und für ländliche Regionen im Westen. Die Antwort auf Fremdenangst ist Begegnung.

Jetzt war aber Silvester mit Köln eine Stadt betroffen, die besonders wenig Berührungsängste mit Fremden hat. Vielleicht steckt in Empörung und Angst auch Enttäuschung …

Man kann tatsächlich von Enttäuschung und Wut sprechen. Vielleicht liegt es an der Kölner Frohnatur, dass die Integration hier besser klappt als anderswo. Jetzt sagt man sich, wir haben so viel getan und werden jetzt Opfer unserer eigenen Liberalität. In München wäre das Ganze so nicht passiert. Dort wird mit viel Geld viel mehr reglementiert und kontrolliert, so dass bestimmte Probleme gar nicht erst aufkommen. Auch in Köln wird das die Folge haben, dass man von dieser Toleranzpolitik weggeht in Richtung null Toleranz. Im Ergebnis wird das bedeuten: Weniger Straftaten, aber extrem hoher Aufwand an Polizei.

Pegida und AfD freuen sich über wachsenden Zuspruch. Warum ist Fremdenangst so leicht aktivierbar?

Alle primitiven Ängste sind sehr leicht aktivierbar. Dem kann man im politischen Diskurs nicht wirkungsvoll begegnen, weil nur der rationale Anteil des Gehirns den Fakten zugänglich ist. Schauen Sie sich das Politbarometer an, wo die AfD jetzt zweistellig ist. Das Gute bei diesen emotionalen Ängsten ist aber, dass sie nach einer gewissen Zeit aufhören. Und wenn sich die Angst gibt, dann gehen auch die Werte für die AfD zurück.

Wie lange dauert das?

Immer ungefähr vier Wochen nach einem Ereignis sinkt die Angst, wenn keine neuen Ereignisse hinzukommen. Nach den Anschlägen von Paris haben alle überlegt, ob sie noch auf Weihnachtsmärkte gehen können. Darüber redet heute keiner mehr. Natürlich gibt es mehr Sicherheitsvorkehrungen, aber alle sind auf Weihnachtsmärkte gegangen. Genauso ist die Angst, die die Leute dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie mehr Waffen kaufen, eine kurzfristige Hysterie, die sich legen wird.

Das Gespräch führte Alexandra Ringendahl.