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Kinderbuchautorin: Judith Kerr wird 90

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Judith Kerr an ihrem Londoner Schreibtisch. Foto: picture-alliance /dpa/dpaweb
Die Kinderbuchautorin Judith Kerr feiert ihren 90. Geburtstag. In Deutschland ist sie vor allem für das Jugendbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ bekannt. Im Gespräch mit Petra Pluwatsch erzählt sie von ihrer Jugend im Krieg.
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Frau Kerr, Ihre Familie und Sie mussten Nazi-Deutschland verlassen, als Sie neun Jahre alt waren. Sie haben in der Schweiz, in Frankreich und in England gelebt. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Judith Kerr: In England. Die Menschen waren unglaublich gut zu uns, als wir herkamen. England ist meine Heimat, Englisch meine Sprache. Hier gehöre ich hin.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder in Deutschland zu leben?

Kerr: Nein. Nicht wegen dem, was damals geschehen ist. Deutschland ist ja inzwischen ein völlig anderes Land. Es sind andere Menschen. Es ist eine ganz andere Welt. Aber ich bin dort nicht mehr zu Hause.

Sie werden bald 90 Jahre. Wie präsent ist Ihre Kindheit für Sie?

Kerr: Sehr präsent, besonders, seit ich allein bin. Mein Mann, mit dem ich 52 Jahre sehr glücklich verheiratet war, ist 2006 gestorben. Seitdem denke ich viel an meine Eltern und daran, wie schwer das Leben für sie gewesen sein muss. Vielleicht, weil ich am Ende meines Lebens angekommen bin und weiß, wie unendlich glücklich ich gewesen bin.

Kerr-Zeichnung zum Klassiker „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. 

Obwohl Ihre Kindheit und Jugend vom Krieg geprägt waren?

Kerr: Ich hatte ja trotzdem eine schöne und glückliche Kindheit. Ich habe zwei nette, begabte Kinder – der Junge gewinnt Preise mit seinen Romanen. Mein Mann war einfach großartig. Ich mache eine Arbeit, die ich liebe. Was soll man noch mehr verlangen vom Leben?

Ihre Eltern allerdings mussten alles zurücklassen, als sie Deutschland 1933 verließen.

Kerr: Vor allem meine Mutter war sehr unglücklich. Sie war 30 Jahre jünger als mein Vater und stand in der Mitte ihres Lebens. Mein Vater hatte bereits ein schönes Leben gehabt. Er war 65, als wir wegmussten. Als weitere Schwierigkeit kam hinzu, dass er die englische Sprache nicht beherrschte. Das ist ganz furchtbar für einen Schriftsteller, er kann nicht arbeiten. Meine Mutter musste also sehen, dass sie uns irgendwie durchbrachte.

Ihr Vater starb 1948 bei seinem ersten Besuch in Deutschland nach dem Krieg. Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?

Kerr: Ein paar Wochen bevor er starb. Ich lebte damals mit meinem Bruder Michael und einem weiteren Studenten in einer kleinen möblierten Wohnung etwas außerhalb von London. Unser Vater übernachtete bei uns, bevor mein Bruder ihn am nächsten Morgen zum Flughafen brachte. Von dort aus flog er mit einem Truppenflugzeug nach Hamburg. Es war sein erster Flug, und er fand es herrlich. In Deutschland hatte er dann einen schweren Schlaganfall und war halbseitig gelähmt. Meine Mutter hat ihm geholfen, Selbstmord zu begehen.

Wie hat sie das gemacht?

Kerr: Sie hat Tabletten besorgt und den letzten Tag gemeinsam mit ihm verbracht. Abends ist sie weggefahren, und er hat diese Tabletten genommen. Allein.

Warum ist sie nicht geblieben?

Kerr: Ich glaube, es war am besten, es so zu machen, wie sie es gemacht hat. Selbstmord galt damals in England als Verbrechen. Man musste ihn geheim halten.

Wie haben Sie auf die Nachricht vom Selbstmord Ihres Vaters reagiert?

Kerr: Mein Bruder und ich haben erst bei unserer Ankunft in Hamburg davon erfahren. Natürlich waren wir vollkommen einverstanden mit dieser Entscheidung. Es war das, was unser Vater gewollt hatte. Leider konnten wir ihm nicht mehr Adieu sagen, aber ich hatte ihm kurz vor seinem Tod noch einen Brief geschrieben und ihm gesagt, dass ich ihn sehr liebhabe. Ich weiß, dass er diesen Brief bekommen hat.

Sie haben Ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen in drei Romanen verarbeitet. In Deutschland sind Sie vor allem als Autorin des Jugendbuchs »Als Hitler das rosa Kaninchen stahl« bekannt.

Kerr: Das ist sehr merkwürdig für mich, denn eigentlich bin ich gar keine Schriftstellerin. Ich bin Zeichnerin und wollte nie etwas anderes sein. Es hat mir daher immer ein wenig leidgetan, dass meine Bilderbücher in Deutschland so wenig bekannt sind. In England ist das ganz anders. Dort kennt jedes Kind den Kater Mog, der eigentlich eine Katze ist, und den Tiger, der zum Tee kommt.

Wann haben Sie Ihr Zeichentalent entdeckt?

Kerr: Ich habe schon als Kind sehr gern gezeichnet, vor allem Tiere und Menschen. Autos und Hintergründe kann ich nicht so gut. Die lasse ich meist weg. Als wir 1933 weg mussten aus Deutschland, hat meine Mutter schnell noch einige meiner Zeichnungen in den Koffer gepackt. Das war sehr rührend. Einige dieser Bilder existieren noch heute. Eines davon zeigt eine Straßenszene in Berlin. Darauf ist ein Mann zu sehen, der eine Zeitung liest. Ich erinnere mich noch, wie ich in winzigen Buchstaben »BT« draufgemalt habe. Das »Berliner Tageblatt« war die Zeitung, für die mein Vater schrieb.

Wieso hat die Zeichnerin Judith Kerr dann drei noch dazu sehr erfolgreiche Romane geschrieben?

Kerr: Weil ich von meinen Eltern erzählen wollte und davon, was meiner Familie und mir widerfahren ist. Hätte ich eine andere Kindheit gehabt, hätte ich nie ein Buch geschrieben. Ich habe mich einmal an einem fiktiven Roman versucht. Es war vollkommener Unsinn. Nach eineinhalb Jahren habe ich aufgegeben.

Sie erzählen die Geschichte aus der Sicht der neunjährigen Anna. Wieso nicht in der Ich-Form?

Kerr: Wenn man ein Buch in der ersten Person schreibt, muss jedes Detail stimmen. Wenn das nicht so ist, hat man gemogelt. Aber über alles will man ja gar nicht schreiben. Manche Dinge sind einfach langweilig. Andere hat man vielleicht vergessen, oder man weiß nicht mehr so genau, wie es damals war. Deshalb habe ich mich nach langem Nachdenken entschlossen, die Geschichte in der dritten Person aus der Sicht Annas zu schreiben.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Kerr: Ein neues Bilderbuch. Ich bin unglücklich, wenn ich nicht arbeiten kann.

Das Gespräch führte Petra Pluwatsch

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