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Klassik-Esition: Wolfgang Anheisser und andere

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Wolfgang Anheisser
Wolfgang Anheisser (Bild: BOOKLET)

Die „Kölner Klassik Kollektion“ umfasst fünf CDs im Schuber mit (digital bearbeiteten) Aufnahmen des WDR (der damals noch NWDR hieß) überwiegend aus den 50er Jahren (Näheres im beistehenden Info-Kasten). Hinzu kommt eine Bonus-CD mit teils unveröffentlichten Aufnahmen des legendären Kölner Baritons Wolfgang Anheisser, der am 1. Dezember dieses Jahres 80 Jahre alt würde. Im Folgenden drucken wir in Auszügen die Einführung zu der Anheisser-CD im einliegenden Booklet. Sie stammt - wie der gesamte Booklet-Kommentar - von Markus Schwering, Musikkritiker dieser Zeitung, der die gesamte Edition ausgewählt und betreut hat.

Die sechste CD unserer Kölner Klassik Kollektion dokumentiert das Wirken des großen Kölner Baritons Wolfgang Anheisser - die Aufnahmen diverser Opernszenen und -arien mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester (unter Ralf Weikert) und dem Kölner Rundfunk-Orchester (unter Kurt Cremer) liegen im Archiv des Senders und wurden bislang größtenteils nicht veröffentlicht.

Anheisser hätte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiern können. Für seine nach wie vor zahlreichen Freunde und Verehrer gerade im Kölner Raum verbindet sich dieser Irrealis mit Trauer und Schmerz, denn Anheisser ist seit 35 Jahren tot. Nicht Krankheit riss den Sänger, dessen Karriere damals, da war er 44 Jahre alt, kurz vor dem definitiven internationalen Durchbruch stand, aus Leben und Schaffen, sondern ein banaler Unfall: Am Neujahrstag des Jahres 1974 sang und spielte er in einer Aufführung von Millöckers „Bettelstudent“ im Kölner Opernhaus die Titelpartie. Die Inszenierung sah gleich in der ersten Szene einen Sprung von einem fast vier Metern hohen Balkon vor.

Das Halteseil hielt diesmal, dank schlampiger Verrichtung von Bühnenarbeitern, nicht, und Anheisser stürzte wie ein Brett in die Tiefe. Die zum Gesangseinsatz mit Luft vollgepumpten Lungen wurden beim Aufprall irreparabel zerstört, eine Operation in der Kölner Uniklinik konnte auch nichts mehr ausrichten. Am 5. Januar versagte das Herz, einer der nach Dietrich Fischer-Dieskau und Hermann Prey hellsten Sterne am deutschen Bariton-Himmel war erloschen.

Fischer-Dieskau und Prey. Bemerkenswert ist allemal, dass Anheissers Werdegang sich gegenüber den gleichaltrigen Kollegen gleichsam verzögert entfaltete. Die beiden waren schon „da“, als Anheisser erst „kam“. Das hatte mehrere, für seine künstlerische Persönlichkeit bezeichnende Gründe. Der in Köln-Lindenthal gebürtige Bariton war kein Frühberufener, sondern ein Latecomer - und das hing nicht nur mit den ungünstigen Umständen der Nachkriegszeit zusammen, die den Halbwaisen mehr als andere trafen.

Vielmehr scheint es, dass Anheisser seine Stimme langsam reifen lassen wollte, unbehelligt von Agenten, Medien und Öffentlichkeit. Das konnte er am besten außerhalb von Deutschland, und so ergriff er 1955, nach einer Gesangsausbildung in Freiburg, fürs erste die Gelegenheit, im Anschluss an eine Tournee gleichsam abzutauchen und sich in Südafrika niederzulassen. Dort hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, studierte aber vor allem noch einmal in Johannesburg gründlich Gesang.

1960 dann die Rückkehr nach Deutschland. Von da an gelang Anheisser eigentlich alles, was er anpackte. Gleich das erste Vorsingen an der Bayerischen Staatsoper in München war erfolgreich, Anheisser erhielt einen Anfängervertrag. Es folgten die Stationen Gelsenkirchen und - 1965 - Köln, seine Geburtsstadt, in die es ihn zurückgezogen hatte. Ihr bzw. dem Kölner Opernensemble blieb er trotz massiver Abwerbungsversuche bis zu seinem Tod treu, später aber mit der Lizenz, umfangreiche Gastverpflichtungen wahrnehmen zu können.

Und die häuften sich fast beängstigend: Anheisser sang an der Häusern von Antwerpen, Florenz, Kopenhagen, Palermo, um nur einmal sie zu nennen. Er sang auch in Salzburg - dort 1973 unter Herbert von Karajan in der Uraufführung von Carl Orffs „De temporum fine comedia“. Und er sang - vor allem - an der Ostberliner Staatsoper Unter den Linden, sie wurde neben Köln seine zweite Heimat. Ruth Berghaus hatte ihn und nur ihn für die Rolle des Figaro in ihrer Inszenierung von Rossinis „Barbier von Sevilla“ haben wollen, und mit dieser Partie feierte er dann auch spektakuläre Triumphe.

Liest man heute die Liste seiner Rollen, so kann man nur staunen über die Vielseitigkeit der Stimme und des künstlerischen Temperaments. Seine letzten Kölner Jahre waren auch die des legendären Ponnelle'schen Mozart-Zyklus. Anheisser sang darin den Papageno, den Guglielmo, den Masetto - man hätte ihn für den geborenen Mozart-Bariton halten können. Das war er sicher, aber er gab eben mit gleichbleibender Freude und Ausdauer auch Verdis Luna und Germont, Bizets Escamillo, Tschaikowskys Jeletzky und Wagners Wolfram. Und er sang gerne und ausgiebig Operette.

Wie geht das alles zusammen? Anheisser war von Haus aus ein lyrischer Bariton mit beträchtlichen tenoralen Anteilen. Der stabilen, weichen und völlig unangestrengten Höhe korrespondierte aber - bei insgesamt beträchtlichem Stimmumfang - eine sonore und satte Tiefe. Hinzu kamen eine makellose Linienführung im Legato, ein artikulatorisch und deklamatorisch äußerst bewegliches Organ - man versteht bei Anheisser jedes Wort - und die Fähigkeit, über die Vokalfärbung auf jede Nuance von Text und Musik differenziert einzugehen. Den Renato in Verdis „Maskenball“ sang er (in dieser Rolle ist er auch auf dieser CD vertreten) in einer Weise, dass dem Zuhörer schier das Blut in den Adern gefror.

Lyrisches Fach, Charakterfach, Spielfach - mit chamäleonhafter Wandlungsfähigkeit gelang Anheisser der Übergang von einem zum anderen. Schließlich: Beim Anhören alter Aufnahmen ahnt man auch heute noch die charismatische Bühnenpräsenz dieses Sängers, der sich gleichsam in die Innenkurve seiner jeweiligen Rolle legte, in ihr bruchlos aufzugehen schien.

Anheisser ist immer wieder mit Fischer-Dieskau verglichen, diesem sogar gelegentlich vorgezogen worden. Andere meinten eine schon sklavische Orientierung an dem vermeintlichen großen Vorbild konstatieren zu müssen. Dies mag insofern ein Stück weit stimmen, als sich gerade deutsche Baritone der 60er und 70er Jahre dem Gravitationsfeld des Kultsängers kaum je ganz entziehen konnten. Auf der anderen Seite belehrt eine nur oberflächliche Kenntnisnahme von Schallplattenaufnahmen, dass es unsinnig ist, Anheisser als Fischer-Dieskau-Imitat auszugeben. Zu verschieden das Timbre, die Textrealisation, überhaupt Klang und Aura der Stimmen.

Eine markante Parallele zu Fischer-Dieskau fällt allerdings ins Auge, und sie betrifft zumal Anheissers späte Jahre. Wie der Kollege hat auch er sich leidenschaftlich um das deutsch-romantische Kunstlied bemüht, mit unerschütterlichem Selbstvertrauen auch um vergleichsweise entlegene Repertoire-Felder, die vor ihm in der Tat ausschließlich Fischer-Dieskau beackert hatte.

Der im Bewusstsein der Nachwelt tendenziell vernachlässigte Liedinterpret kommt auch auf dieser CD nicht vor. Sie ruft noch einmal den Opernsänger in Erinnerung. Am Beginn steht naheliegend Mozart - mit zwei deutsch gesungenen Arien des Nardo aus seiner frühen Buffa „La finta giardiniera“. Die tragikomische Verzweiflung der ersten Arie „Der Hammer formt das Eisen“ stellt er ungemein agil und artikulatorisch präsent dar - die Rolle scheint ihm auf den Leib geschnitten. Aber dieser Eindruck stellt sich eben bei den anderen Werken und Komponisten genauso ein. Bei der selbstgefälligen Arie des Belcore aus Donizettis „Liebestrank“ ist - trotz auch diesmal deutscher Textfassung - die Anmutung des italienischen Belcanto „da“. Sie geht aber nie zulasten der Verständlichkeit, es gibt hier keine Überwältigung durch pure Stimmpracht.

Der Operetten-Anheisser ist auf dieser CD nicht vertreten, wohl aber quasi der Musical-Anheisser - mit drei Evergreens aus Gershwins „Porgy and Bess“. Erneut ist die Veränderungsfähigkeit des Sängers zu bestaunen, hier die Anverwandlung an das Jazz-Idiom dieser Folk-Oper. Das Schlendernde, Swingende, professionell Lässige und Nachlässige der musikalischen Formung wird kongenial umgesetzt.

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