29.09.2016
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Kölner Museum: NS-Dokumentationszentrum zeigt „Geraubte Kinder – vergessene Opfer“

Kostja Pablowitsch trifft zum ersten Mal Heinrich Himmler (r.)

Kostja Pablowitsch trifft zum ersten Mal Heinrich Himmler (r.)

Die Spur des Kostja Pablowitsch Harelek aus Minsk verliert sich in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Ein letztes Bild aus dem Jahr 1944 zeigt einen Teenager mit traurigen Augen, der einen Namen trägt, der nicht der seine ist. Konstantin Gerelik, so heißt Kostja Pablowitsch Harelek, seit Reichsführer SS Heinrich Himmler ihn im August 1941 bei einem Besuch in Minsk in einem Lager entdeckte und den jungen Russen dazu auserkor, ein „brauchbarer deutscher Kerl“ zu werden.

Ein Foto von der ersten Begegnung zwischen Himmler und dem schmalen Zwölfjährigen mit der abgewetzten Schiebermütze ist von diesem Freitag an im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln zu sehen. „Geraubte Kinder – vergessene Opfer“, so heißt die bemerkenswerte Wanderausstellung, die bis zum 3. April 2016 im El-De-Haus am Appellhofplatz zu sehen ist. Ihr Zustandekommen ist das Verdienst eines gleichnamigen Freiburger Vereins, der sich seit Jahren um Betroffene kümmert und sich für eine Entschädigung der Opfer einsetzt.

Bilder von verschleppten Kindern

Gezeigt werden – auf einer Vielzahl von braunen Stellwänden – Fotos, Statements und Dokumente von Kindern und Jugendlichen, die von den Nazi-Schergen aus Polen, Russland und anderen osteuropäischen Ländern nach Deutschland verschleppt und zwangsgermanisiert wurden. Hinzu kommen Hintergrundinformationen beispielsweise über die Rolle der Lebensborn-Heime des NS und das Verhalten der deutschen Nachkriegsbehörden, die nur wenig dazu beitrugen, die wahre Identität der oft sehr jungen Entführungsopfer herauszufinden.

Zyta Suse wurde aus einem Waisenhaus in Lodz geraubt.

Zyta Suse wurde aus einem Waisenhaus in Lodz geraubt.

Foto:

privat

Wie viele Kinder und Jugendliche aus ihrer Heimat verschleppt wurden, vermag heute niemand mehr zu sagen. Vorsichtige Schätzungen sprechen von 50.000 bis 200.000 Opfern. Andere Quellen vermuten, dass mehr als 300.000 Kinder ihren Familien entrissen und gegen ihren Willen ins Deutsche Reich verschleppt wurden.

Ziel der Zwangsgermanisierung war die Rückholung „germanischer Volkssubstanz“. Dahinter stand die rigide Rassenideologie der Nationalsozialisten: Die Entführung der Kinder aus Osteuropa wurde mit ihrer angeblichen „nicht-slawischen Blutsherkunft“ gerechtfertigt. „Alles gute Blut auf der Welt, alles germanische Blut, was nicht auf deutscher Seite ist, kann einmal unser Verderben sein“, verkündet Heinrich Himmler bereits 1938. „Es ist deswegen jeder Germane mit bestem Blut, den wir nach Deutschland holen und zu einem deutschbewussten Germanen machen, ein Kämpfer für uns, und auf der anderen Seite ist einer weniger. Ich habe wirklich die Absicht, germanisches Blut in der ganzen Welt zu holen, zu rauben und zu stehlen, wo ich kann“.

Kinder kamen zu „kinderlosen, gutrassigen“ Adoptiveltern

Die ausgewählten Kinder wurden „zur Feststellung der Eindeutschungsfähigkeit rassisch überprüft“. Bestanden sie die Prüfung, wurden sie einem „Eindeutschungsverfahren“ unterzogen. Sprich: Ihre Identität wurde mit Hilfe der NS-Behörden systematisch verschleiert. „Die Kinder sind als deutsche Waisenkinder aus den wiedergewonnenen Ostgebieten zu bezeichnen“, so lautete Himmlers Befehl. Sie erhielten einen deutschen Namen, der klanglich möglichst ihrem Geburtsnamen entsprechen sollte, eine gefälschte Geburtsurkunde und kamen zu „kinderlosen, gutrassigen“ Adoptiveltern, die sie zu aufrechten Deutschen erziehen sollten.

Viele der Betroffenen wissen bis heute nicht, wer ihre leiblichen Eltern waren. Andere erfuhren bis zu ihrem Tode nicht, dass sie ihre vermeintliche deutsche Identität eine falsche war. So wurde aus Janina Kunsztowicz aus dem polnischen Posen die Deutsche Johanna Kunzer. Ihr Schicksal füllt eine ganze Stellwand in der Kölner Ausstellung und steht exemplarisch für die Verschleierungstaktik der deutschen Nachkriegsbehörden.

1941 wird das Kind aus einem polnischen Waisenhaus zunächst nach Österreich verschleppt und in einem Lebensborn-Heim bei Salzburg untergebracht. 1944 adoptiert Katharina Rinck, eine pensionierte Lehrerin aus Bullay an der Mosel, das „eingedeutschte“ Kind. Erst 1990 erfährt die inzwischen 55-Jährige, wer sie wirklich ist. Katharina Rinck hatte sie nach dem Ende des Krieges mit Wissen der Behörden jahrelang versteckt, nachdem sie erfahren hatte, dass die leibliche Mutter nach der geraubten Tochter suchte.

Keine Entschädigung vom Staat

Nur wenige Kinder kehrten damals in ihre Heimatländer zurück. Auch davon erzählt diese Ausstellung. Roman Roszatowski aus dem polnischen Lodz beispielsweise, der Ende März nach Köln kommen wird, lebt bis heute als Hermann Lüdeking in Deutschland. Er kennt weder seine Eltern noch sein Geburtsdatum. Deswegen, so sagt er, sei er zwangsläufig Deutscher. Bis heute frage er sich: „Wer bin ich? Woher komme ich?“

Die siebenjährige Zyta Suse hingegen sträubt sich mit Händen und Füßen gegen ihre „Eindeutschung“. 1941 wird das Mädchen mit den kurzen blonden Zöpfen aus einem Waisenhaus in Lodz entführt und in ein Heim in Achern gebracht. Als sich „Zita Sus“ allen Umerziehungsversuchen widersetzt, schickt man sie zurück nach Polen, wo sie in einem Kinderlager Zwangsarbeit leisten muss.

Eine Entschädigung vom deutschen Staat hat bislang keines der geraubten Kinder erhalten.

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  2. Bilder von verschleppten Kindern
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