26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Kölner Oper: Stenz produziert „Die Gezeichneten“
18. April 2013
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Kölner Oper: Stenz produziert „Die Gezeichneten“

Generalmusikdirektor Markus Stenz im Gespräch

Generalmusikdirektor Markus Stenz im Gespräch

Foto:

michael bause

Köln -

„Doch, der Weg ist sehr weit.“ Kölns Generalmusikdirektor Markus Stenz, der soeben den „Parsifal“ in der Oper am Dom dirigiert hat, muss es wissen, denn er kann derzeit unmittelbar vergleichen: Ruck, zuck folgt an diesem Samstag mit Schrekers „Die Gezeichneten“ im Mülheimer Palladium die zweite von ihm betreute Opernproduktion der Saison.

Auf Anhieb erstaunt das Statement, denn zu Lebzeiten wurde Franz Schreker (1878–1934) von Kritik und Publikum als Wagners legitimer Nachfolger auf dem Musiktheater gefeiert – vor allem dank der Erfolge seines Opernerstlings „Der ferne Klang“ (Uraufführung 1915) und eben der „Gezeichneten“, die 1918 in Frankfurt aus der Taufe gehoben und binnen kurzem ein Theaterrenner wurden (dank Otto Klemperer auch in Köln). Unstrittig ist die Cello-Melodie, die sich aus dem flirrenden Beginn des Vorspiels entwickelt, eine und sei es flüchtige „Tristan“-Allusion.

Psychoanalyse in Tönen

„Für mich aber“, sagt Stenz im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, „hat Schreker seine ganz eigene Klangwelt.“ Wagners Stärke seien „die großen Bögen, das blockhafte Schreiben, das Denken in Architektur“. All das werde bei Schreker „ersetzt durch ein unstetes, schnell wechselndes Spiel der Farben und Emotionen“. Schrekers Musik „ist wahnsinnig dicht dran an den Texten und Subtexten der Personen, Psychoanalyse in Tönen“. Und das erreiche er „weniger über Leitmotive als über gezielt eingesetzte Klangfarben“.

Beiläufige Schreker-Renaissance

Schrekers einst glänzender Stern war bereits zu Lebzeiten gesunken, der spätexpressionistische Weltenbrand der in Köln uraufgeführten „Irrelohe“ (1924) markiert das Ende der Erfolgskurve. Vollends machten dem „Halbjuden“ und „Entarteten“ dann die Nazis den Garaus – und das, obwohl Schreker nie wie die Schönberg-Schule den Schritt zur Atonalität vollzogen hatte. Seit einigen Jahrzehnten aber gibt es eine mehr als beiläufige Schreker-Renaissance. Gerade „Die Gezeichneten“ wird oft aufgeführt – bei den Salzburger Festspielen etwa zuletzt 2005 in einer spektakulären Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff in der Felsenreitschule. Und zurzeit hat Stenz’ auf die anbrechende Opernmoderne kaprizierter Bonner Kollege Stefan Blunier Schreker verschärft auf der Agenda.

Wie kam Stenz auf Schreker? „Ich mache ihn jetzt zum ersten Mal szenisch, aber das Vorspiel zu den »Gezeichneten« habe ich seit Jahrzehnten in meinen Programmen.“ Das habe ihn „elektrisiert in seiner betörenden Sinnlichkeit, seiner entwaffnenden Direktheit in den Klangfarben“. Da gebe es „wenig Vergleichbares“. Von Haus wäre das Werk, diese wuchtige in die Renaissance versetzte Tragödie um Liebe, Kunst und Außenseitertum, zumal dank des gigantischen spätromantischen Orchesters eigentlich etwas für die Oper am Dom gewesen. Da parallele Proben und Aufführungen von „Parsifal“ und „Gezeichneten“ am selben Ort nicht machbar waren, ist Schreker ins Palladium gewandert. Funktioniert das?

„Ja“, sagt Stenz, „wir bringen im Palladium sogar ein Unikat an den Start, so ist der Raum noch nicht bespielt worden.“ Die Bühne befindet sich im Zentrum, das Orchester an der Seite, die Zuhörer sitzen auf beiden Seiten. Der Orchesterklang werde, so Stenz, durch die verteilte Platzierung von Instrumentengruppen „verräumlicht“. Im Ergebnis habe man eine größere Besetzung, als sie in der Oper am Dom und auch im Haus am Offenbachplatz möglich sei.

Selbstredend stellen die beengten Verhältnisse auch an die Regie höchste Ansprüche – das Palladium ist eben keine Felsenreitschule, und eine Etablierung der Liebesinsel des dritten Akts in einem rauschhaften Bilderfest ist hier nicht möglich. Höchstes Lob spendet Stenz diesbezüglich aber dem Regiekonzept von Patrick Kinmonth, den die Kölner Opernfreunde bereits als Mitarbeiter an Robert Carsens „Ring“ und als Regisseur einer sehr erfolgreichen „Madame Butterfly“ kennen.

Die Oper im Hirn

Kinmonth also reduziert, wie Stenz verrät, den Raum, indem er das Geschehen im Hirn der Hauptfigur sich abspielen lässt, des ob seiner Hässlichkeit von der Liebe ausgeschlossenen Alviano. Dies ermöglicht auch die Ausdifferenzierung von Zeitebenen: Die Bewusstseinsebene von Alviano und auch die Aktionsebene seiner prekären Geliebten, der Malerin Carlotta, ist die Gegenwart, das Genua der Oper und seine Adelswelt eine imaginierte Vergangenheit. Avianos Gegner, der Verführer Tamare, gehört beiden Zeiten an.

Stenz sieht hier trotz der ausgeklügelten Konzeption das Gegenteil von sprödem Gedankentheater am Werk: „Was man erleben wird, ist von einer verblüffenden Emotionalität, vielschichtig und irrational wie das Stück selbst.“ Man höre irgendwann auf, das auflösen zu wollen. Warum soll der Kölner Opernfreund zu Schreker ins Palladium gehen? Der GMD: „Weil er dort eine unwiderstehliche Musik erlebt, die verführerisch und abgründig zugleich ist; und man weiß nicht, was attraktiver ist.“

Das Werk wird übrigens ohne jene radikalen Striche zu hören sein, die bei etlichen Tonträger-aufnahmen vorgenommen wurden. Dafür ist eine Netto-Aufführungszeit von gut zweieinhalb Stunden zu gewärtigen.


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