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Kölner Sammlung: Im Irrgarten unserer Zeit

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In dieser Kirche werden allenfalls schwarze Messen gelesen: eine Installation von Thomas Zipp. Foto: Museum
Das Leopold-Hoesch-Museum Düren zeigt Werkräume aus einer anonymen Kölner Sammlung. Die Installationen verschiedenster Konvenienz bieten dem Betrachter die Möglichkeit, sich zu verlieren.  Von
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Düren

Der rheinische Kunstsammler ist eine geradezu legendäre Figur. Er hat die Kunstmetropole Köln aufgepäppelt, verliebt sich verlässlich immer wieder ins Aufrührend-Aktuelle, und vor allem tritt er in so vielen Persönlichkeiten auf wie die Kunstwelt Stile und Facetten kennt. Trotzdem ist die Sammlung „Wilhelm Otto Nachfolger“, die jetzt im Dürener Leopold-Hoesch-Museum zu sehen ist, gleich aus zwei Gründen etwas Besonderes. Zum einen versteckt sich der in Köln lebende Nachfolger hinter den Vornamen seiner Großväter, um namenlos und unerkannt zu bleiben. Zum anderen lädt er seit rund 20 Jahren Künstler ein, die Hälfte seines Braunsfelder Wohnzimmers in einen Werkraum zu verwandeln. Da stellt sich automatisch die Frage nach der Schnittmenge zwischen Kunstmoderne und Gemütlichkeit.

So teilte sich des Sammlers vierköpfige Familie die gute Stube sechs Jahre mit einem buchstäblich ausgebrannten Riesen, dessen flammende Schritte eine Spur der Verwüstung durch eine Miniaturlandschaft gezogen haben. Kai Althoffs düstere „Kloster“-Installation besteht im Wesentlichen aus schwarzer Pappe, versengtem Stoff, einer lebensgroßen Figur und reichlich über den blauen Teppich verstreuten Teer. In Düren steht diesem Ensemble eine Couch gegenüber, und man kann sich beinahe vorstellen, wie sich der anonyme Sammler an diesem Anblick erfreut wie andere am Knacken der Holzscheite im Kamin.

Seit Edward Kienholz in den 60er Jahren begann, aus Sperrmüll Wohnräume zu bauen und in Bühnenbilder für politische Botschaften zu verwandeln, gehen Kunstwerke immer selbstverständlicher in die Breite. Aus lauter Einzelstücken gebildete Installationen ähneln oft genug Irrgärten, Archiven und Gerümpelkammern, in denen man sich verlieren soll. Der Sehnsucht wohl aller Sammler, mit der eigenen Kunst zusammenleben zu können, kommt das durchaus entgegen. Auch für den „Otto Wilhelm Nachfolger“ gab dieser Gedanke den Ausschlag, sich Anfang der 90er Jahre ein Werk von Walter Dahn fest ins Schlafzimmer montieren zu lassen – ohne dass dies schon eine Installation gewesen wäre.

Eine Hälfte zum Wohnen, eine für die Kunst

Auf den Geschmack gekommen, so der Sammler im Gespräch mit dieser Zeitung, wollte er die Liebeslaube aus Gregor Schneiders gespenstischem „Haus Ur“ kaufen und ins Arbeitszimmer seiner Kölner Altbauwohnung verpflanzen. Dagegen habe jedoch seine Ehefrau ihr Veto eingelegt. Stattdessen habe er es mit Althoffs Klosterruine versucht und die Genehmigung erhalten. Seitdem ist das Wohnzimmer in zwei Hälften zu je fünf mal sieben Metern geteilt; die eine dient dem Wohnen, die andere der Kunst. Die Ausstellungen wechseln regelmäßig, meistens in den Sommerferien, wenn die Familie verreist ist und der jeweilige Künstler freie Bahn hat. Die Rückkehr aus dem Urlaub birgt dann Überraschungen. Einmal war unter den Kindern der Jubel groß, nämlich als sie Michael Sailstorfers Popcorn-Maschine entdeckten, deren Produkt sich lawinenartig in den Raum ergießt.

Angesichts der räumlichen Ausdehnung der Werke muss der größte Teil der Sammlung mit einem Platz im Lagerraum vorliebnehmen. Für den anonymen Sammler, dem der um das Sammeln entstandene Personenkult ein Graus ist, war dies der Grund, der ersten öffentlichen Präsentation seiner Sammlung zuzustimmen. Zwar war die Ausstellung eine „Zangengeburt“, so der Sammler, und ist vor allem der Hartnäckigkeit der neuen Hoesch-Direktorin Renate Goldmann zu verdanken. Am Ende war die Verlockung, die eigene Sammlung komplett sehen zu können, dann aber doch zu groß.

Zu Ausstellung und Museum

Das Leopold-Hoesch-Museum wurde 1905 in Gedenken an den gleichnamigen Industriellen erbaut. Es hat eine sehenswerte Sammlung moderner Kunst mit einem bedeutenden Schwerpunkt auf Papierarbeiten.
2010 wurde das Museum durch einen eleganten Anbau des Architekten Peter Kulka erweitert. Unter der neuen Direktorin Renate Goldmann hat das Museum mit Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst enorm an Profil gewonnen.
„Slg. Wilhelm Otto Nachf.“, Leopold-Hoesch-Museum und Papiermuseum Düren, Hoeschplatz 1, Düren, Di.–So. 10–17 Uhr, Do. 10–19 Uhr, bis 24. Februar 2013.

Komplett ist die „Slg. Wilhelm Otto Nachf.“, so der offizielle Ausstellungstitel, allerdings auch in Düren nicht. Hier hat man sich – mit wenigen Ausnahmen wie Tracey Moffats Weltuntergangsvideo „ Doomed“ – auf die Installationen konzentriert und überlässt es dem Museum Nürnberg, im Sommer 2013 einen Sammlungsquerschnitt zu präsentieren. Diese Beschränkung ist durchaus ein Gewinn, weil so die Vielfältigkeit des relativ jungen Kunstgenres Installation deutlich wird. Einen gigantischen Webstuhl hat etwa Michael Beutler konstruiert, um lange Bahnen aus Wellpappe zu verweben und teilweise eingefärbt zu meterhohen Wänden aufzuschichten. Daneben wirkt Andreas Slominskis Windmühle geradezu klassisch und David Thorpes sorgsam verzierte Trennwände und Friese noch viel mehr. Insgesamt 16 Werkräume zeigen auf hohem Niveau viele, wenn auch naturgemäß nicht alle Möglichkeiten des modernen Environments.

Die durchgängige Neigung zum Doppelbödigen und Skurrilen ist das Markenzeichen des anonymen Sammlers. Am deutlichsten wird dies in den beiden Räumen von Thomas Zipp, die gemeinsam eine modernistische Kapelle bilden. Gelesen wird hier am ehesten eine schwarze Messe des Grotesken, mit zu Beichtstühlen umgebauten WC-Kabinen und einer Orgel, die auf das Phantom der Oper zu warten scheint.

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