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Konzert in Düsseldorf: Faszinierender Bob Dylan mit einer großen Ladung Melancholie

Bob Dylan

Bob Dylan, hier bei einem Auftritt in Mexiko im Jahr 2016

Foto:

imago/ZUMA Press

Köln -

Klären wir das doch gleich zu Beginn! Es kommt ja seit dem 13. Oktober 2016 kein Artikel und kein Gespräch über Bob Dylan ohne die Frage aus, wie er es denn mit dem Literaturnobelpreis hält, den er an jenem Tag zugesprochen bekommen hat. Dazu bei seinem Auftritt in Düsseldorf: kein Wort. Alles andere wäre eine Sensation gewesen. Selbst beim Auftakt seiner diesjährigen Europa-Tournee in Stockholm, dem Sitz der preisverleihenden Schwedischen Akademie, schwieg er sich aus. Und von der informellen Überreichung der Urkunde gibt es nur einen Schnappschuss, bei dem man nicht sicher ist, ob es sich bei dem davoneilenden Kapuzenträger tatsächlich um den Preisträger handelt.

Was bleibt, ist die Musik. Und die war beim Konzert in der ausverkauften Mitsubishi Electric Hall vom Feinsten. Mit „Things Have Changed“ ging es pünktlich los – ohne Vorwarnung und ohne vorab einlullende Saal-Beschallung. Wobei der programmatische Titel in die Irre führt. Denn mittlerweile wandelt sich die Setlist nur noch geringfügig. Das war einmal anders. Mit den Dingen, die sich ändern, ist es also nicht mehr so weit her. Andererseits – das wäre ja dann doch eine Änderung zum Vertrauten, die dem Titel entspräche. Aber bevor wir uns nun in den Winkeln von Logik und Kalkül verirren, bleiben wir, wie gesagt, lieber bei der Musik.

Dass der Sänger und seine Band um Gitarrist Charlie Sexton bestens eingespielt sind, bedarf kaum der Erwähnung. Wie aus einem Guss ist zumeist, was geboten wird. Jeder Musiker ist eine wahrnehmbare Kraftquelle, so dass die Show im besten Sinne „konzertant“ wirkt: Differenziert, ausgepinselt bis ins Detail, nie breiig. So sicher schnurrt’s dahin, dass sogar die Pause entfällt, die in den Vorjahren eingeführt worden ist und zuweilen die Fitness-Frage provoziert hat. Die kann hier beantwortet werden: Bob Dylan ist spätestens beim zweiten Song, „Don’t Think Twice“, im Vollbesitz seiner Stimme. Deren Tiefe und Intensität ist perfekt für ein Programm, in dem es häufig um Alter und Abschied geht, um Liebe und Trennung. Wenn er die „melancholy mood“, die melancholische Stimmung, ins Mikro presst, vibrieren die Lautsprecherboxen vor Begeisterung. Glutvoll das Ganze.

Amerikanische Traditionals im Programm

Zum Programm gehören mittlerweile nicht mehr nur Dylans eigene Kreationen, mit denen sich entspannt mehr als 30 komplett unterschiedliche Konzerte füllen ließen. Auch widmet er sich seit einer Weile den amerikanischen Traditionals, die in die Schublade „Sinatra-Songs“ gesteckt werden, weil der Kollege sie alle einmal gesungen hat. Die jüngste Ladung hat Dylan in das Album „Triplicate“ gepackt, das Ende März erschienen ist.

Dylan tigert für diese Cover-Versionen vom Piano zur Bühnenmitte und greift sich mit beiden Händen den Mikrofonständer, den er quer vor der Brust trägt. Der Mann im schwarzen Anzug und mit weißem Hut könnte so auch in einer Hotelbar auftreten. Irgendwo im 30. Stock. Der Blick fällt über die nächtliche Stadt. Leichter Regen jenseits der Fensterscheiben. Aber drinnen ist es warm und kuschelig. Und Dylan singt „Autumn Leaves“. Dass so ein leergespielter Song über fallende Herbstblätter einen doch noch packen kann, wie es an diesem Frühlingsabend der Fall ist, macht gute Laune.

Das Publikum ist entschieden auf Dylans Seite. Die subjektive Wahrnehmung lässt einen glauben, dass beim aktuellen Jahrgang der „Never Ending Tour“ der Anteil der weiblichen Besucher zugenommen hat. Und es befindet sich nicht nur die Alterskohorte des 75-jährigen Künstlers in der Halle, sondern da sind auch viele, die seine Enkel sein könnten. Der Nobelpreis, keine Frage, hat dem Künstler neue Freunde beschert.