31.07.2016
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Konzert: Lana del Rey gibt Retro-Queen

Heile Welt – an der Oberfläche: Lana del Rey in Düsseldorf.

Heile Welt – an der Oberfläche: Lana del Rey in Düsseldorf.

Foto:

Brill

Düsseldorf -

Der Film „Blue Velvet“ beginnt mit einem abgeschnittenen menschlichen Ohr, das auf einer Wiese liegt. Es war der gleichnamige Song, der das Meisterwerk ins Rollen brachte: Regisseur David Lynch hörte „Blue Velvet“ und entwarf daraufhin die Filmidee mit all den schmutzigen Geheimnissen hinter der sauberen Kleinstadt-Fassade von Lumberton. Das war 1986, im Geburtsjahr der Sängerin Elizabeth Grant, die die Popwelt heute als Lana del Rey kennt.

Del Rey, die auf ihrer ersten großen Deutschlandtour nun in Düsseldorf Station machte, ist verantwortlich für eine bedenkliche Transformation des Songs. Ihr Arrangement unterscheidet sich zwar nur marginal vom fast 50 Jahre alten Original (Bobby Vinton), doch die Sängerin hat den Titel der Kunst weggenommen und auf Textildiscounter-Niveau herabgestuft. 2012 war sie das Gesicht einer großen H&M-Kampagne, „Blue Velvet“ das Lied dazu. Die Sängerin hat seit 2011 eine Karriere hingelegt, die man wohl noch als Musterbeispiel für geniales Marketing in BWL-Seminaren beleuchten wird, wenn die Erinnerungen an ihr Debütalbum „Born To Die“ längst verblasst sind.

Mit Hilfe von zwei auf Youtube lancierten Videoclips („Blue Jeans“ und „Video Games“) baute ihre Plattenfirma sie erst als Mysterium und Geheimtipp auf, um del Rey einem Massenpublikum schmackhaft zu machen. 7000 Besucher in der Mitsubishi-Electric- Halle beweisen, dass diese Strategie funktioniert hat, ebenso fast dreieinhalb Millionen verkaufte CDs weltweit.

Veraltete Ausgabe

Während am Devotionalienstand eine veraltete Ausgabe del Reys auf Postern schmollt– das rothaarige Bikini-Babe am Swimmingpool –, ist die Künstlerin auf der Las-Vegas-Bühne mit falschen Palmen und steinernen Löwen schon eine Design-Stufe weiter, als schwarzhaarige Fusion zweier amerikanischer Ikonen: Priscilla Presley und Jackie Kennedy. Im weißen Minikleid, mit zwei Rosen im Haar und extralangen Anklebewimpern bedient Lana del Rey ein in den 60er Jahren stehen gebliebenes Traumfrauen- und Heile-Welt-Klischee.

Doch so sauber und bieder, wie die Jackie-Priscilla-Oberfläche das suggeriert, sind die Texte nicht. Der erste Song des Abends, „Cola“, bringt „Pepsi“ und „Pussy“ klebrig zusammen. In „Land of Gods and Monsters“, dem kraftvollsten Stück im schmalen Repertoire, stilisiert sich die Sängerin zu einem „Engel, der es darauf anlegt, hart gevögelt zu werden wie ein namenloses Groupie“. Del Rey ebnet die Differenz zwischen schmutzigen und schmachtenden Zeilen (etwa in „Burning Desire“) im Konzert allerdings gnadenlos ein, sie bleibt die ganze Zeit die eisgekühlte, ein bisschen gelangweilte Diva, die professionell ihr Programm durchzieht. Auch die auf Dauerton gestellte pompöse Geigenbegleitung ist nicht wirklich abwechslungsreich.

Aus dem Rahmen fällt neben dem Jazz-Trio-Minimalismus von „Million Dollar Man“ nur eine bizarre Coverversion: „Knockin’ on Heaven’s Door“ wird in Del Reys Bearbeitung ein Ausrufezeichen mit schaurig-schönen Surfgitarren und Valium-Stimme. Das könnte man sich so auch als Filmsoundtrack vorstellen – eher Quentin Tarantino als David Lynch.