24.07.2016
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Kritik an Hörfunk-Chefin Valerie Weber: WDR auf halbem Weg zum Dudelfunk

Valerie Weber

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WDR

Köln -

WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber tritt freundlich auf und hat eine gewinnende Art. Sie sei ein bisschen wie Intendant Tom Buhrow, sagen viele im Sender. Gut in der Außenwirkung, aber intern zögen beide konsequent ihr Ding durch. Weber lasse kaum Diskussionen zu, lächele Fragen einfach weg. Die Pläne, die sie für die Hörfunkwellen des Senders hat, machen viele nervös. Und das aus zwei Gründen.

Zum einen, weil das, was an Veränderungen in die Wege geleitet wird oder schon umgesetzt ist, eindeutig in die Richtung Formatradio deute – also ein Radio, das leicht zu konsumieren ist, mit einer einheitliche Ausrichtung, Musikfarbe und der Festlegung auf eine genau definierte Zielgruppe.

Marktstrategie statt Journalismus

Die Mitarbeiter des WDR-Hörfunks sind sehr selbstbewusst. Sie wollen informieren und aufklären, Dudelfunk ist ihnen ein Graus. Als Valerie Weber vor mehr als einem Jahr von Buhrow als Nachfolgerin von Wolfgang Schmitz durchgedrückt wurde, waren die Vorbehalte dementsprechend groß. Die Chefin von Antenne Bayern konnte zwar beachtliche Erfolge vorweisen, aber aus Sicht vieler WDR-Mitarbeiter ging die dortige Steigerung der Reichweite etwa durch Gewinnspiele zulasten der Qualität.

Nun ist die 49-Jährige seit gut neun Monaten Chefin des Hörfunks. Und im Sender fühlen sich viele in der Vorahnung bestätigt, dass sie ähnliches vorhat wie in Bayern. Sie argumentiere stets mit marktstrategischen und nicht mit journalistischen Zielen, ist zu hören. Besonders die Zukunft von WDR 2 sehen viele kritisch. Der Sender müsse jünger und weiblicher werden, gab Weber als Ziel aus. Deshalb gibt es dort seit Mitte Oktober eine neue Zeitrechnung. Es sei genau festgelegt, wie hoch der Wortanteil sein darf. In der Frühsendung seien nur noch Wortanteile zwischen viereinhalb und sechseinhalb Minuten pro halbe Stunde erlaubt, berichten Mitarbeiter. Für Interviews gelte eine Maximallänge von drei Minuten, inklusive An- und Abmoderation. Man verabschiede sich vom Anspruch, eine Informations-Leitwelle zu sein. Der Sender verwässere das öffentlich-rechtliche Profil. Der WDR weist die Kritik auf Anfrage zurück. WDR 2 solle den Hörern am Morgen noch mehr Themen präsentieren. „Zusätzliche Sendeplätze in einer Stunde können immer dazu führen, dass einzelne Themen kompakter dargestellt werden müssen; zugunsten von mehr journalistischer Breite“, so WDR-Sprecherin Ingrid Schmitz. Gerade am Morgen wolle sich der Hörer schnell einen Überblick über das Weltgeschehen verschaffen. „Der Wortanteil wird dadurch mit Sicherheit nicht geringer.“

Vorwurf der Programm-Verflachung steht im Raum

Generell werfen viele Weber eine Verflachung des Programms vor: Sie wolle weniger Auslandsberichterstattung, und verlange, negative Nachrichten durch positive Bemerkungen aufzufangen. Und auch mit dem investigativen Journalismus tue sie sich schwer. So berichten Mitarbeiter, sie habe als Beispiel für eine investigative Recherche genannt, man könne ja etwa den Gründen für eine schlechte Erdbeer-Ernte in Nordrhein-Westfalen auf den Grund gehen. Solche wenig ambitionierten Vorschläge ernten Kopfschütteln. So etwas, meint ein Insider, sei doch ein klassisches Service-Thema – also keine journalistische Herausforderung.

Weber spricht gerne von einer Flottenstrategie für die Wellen WDR 2, WDR 4 und 1Live – also die drei Programme, in denen Werbung erlaubt ist und die die höchste Reichweite haben. „Innerhalb der bestehenden Programmaufträge sollen die Wellen künftig besser aufeinander abgestimmt aufgestellt werden“, so der WDR. Dabei bleibe das höchste Ziel, dem Auftrag laut WDR-Gesetz gerecht zu werden, „nachdem diese Programme als Tagesbegleitwellen ein Angebot aus Musik und Information aus NRW, Deutschland und der Welt bieten“. Die Wellen sollen dabei laut WDR aber auch ein individuelles, klar voneinander abgegrenztes Profil – entsprechend ihrer unterschiedlichen Zielgruppen – behalten.

Kursänderung in kleinen Häppchen

Für Unruhe sorgt auch, dass Weber ihre Kursänderungen anscheinend in kleinen Häppchen durchführt. Sie binde die Redaktionen nicht ein, erzählt ein erfahrener Mitarbeiter, es seien Reformen von oben. „Wie die Reorganisation konkret im Einzelnen umgesetzt wird, soll erst in den nächsten Monaten gemeinsam erarbeitet werden und steht noch nicht im Detail fest“, so der WDR zu den Plänen. „Klar ist auch, dass die Reorganisation vor dem Hintergrund des Stellen- und Budgetabbaus helfen soll, Doppelarbeit abzubauen, damit wir nicht inhaltliche Einschnitte am Programm vornehmen müssen“, so Schmitz.

Ein Zeichen für die stark hierarisch geprägte Neuausrichtung ist in den Augen vieler auch die geplante Einführung eines gemeinsamen Wellenchefs für WDR 2, WDR 4 und 1Live. Wer es werden soll, scheint festzustehen: 1Live-Chef Jochen Rausch. Den hatte Buhrow bei der Besetzung des Direktorenpostens übergangen, weil er eine Frau auswählen musste. In der neuen Rolle wird Rausch seine Machtposition ausbauen können. Der WDR kommentiert die Personalie Rausch nicht. Es seien organisatorische Änderungen in der Führung geplant, doch man werde erst mit den Mitarbeitern über ihre Wünsche an eine neue Führung sprechen. Erst dann gebe es eine endgültige Entscheidung.