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Kultband Tocotronic: „Wie wir leben wollen“

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Stilvoll ergrauter Jungsbund: Tocotronic im 20. Jahr ihres Bestehens. Foto: Universal
Die Kultband Tocotronic bringt am 25. Januar ihr neues Album - das mittlerweile zehnte - auf den Markt. Aufgenommen wurde mit einer Vierspurmaschine von 1958. Aber auch sonst ist der eigenwillige Witz und die schnoddrige Klugheit der Band erhalten geblieben.  Von
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20 Jahre Tocotronic, 17 frische Songs, 99 muntere Thesen. Kaum waren die ersten Töne vom neuen Tocotronic-Album durchs Internet gesickert, konnten Twitter-Nutzer Auszüge eines durchnummerierten Schriftstücks lesen, das die Band später ihrem Album zur Seite stellen sollte: „99 Thesen“, die sich dem wunderbaren Thema widmen, „wie wir leben wollen“.

An Nummer eins steht „als Zeichentrickgestalten“, besonders schön ist die 85 („plüschophil“), reichlich krude die 90 („in Krankheit und Verheißung“). Eine Nummer kleiner ging’s diesmal nicht, mit der Zahl 99 schieben sich Tocotronic aktuell noch vor den knapp 500 Jahre alten Spitzenreiter der deutschen Populärthesen-Geschichte, Martin Luther und seine „95 Thesen“.

Und hört man in das zehnte Tocotronic-Album rein, klingt es bisweilen so, als hätten sich Dirk von Lowtzow und seine Bandmitstreiter auch ein historisches Gefechtsfeld als Austragungsort für ihre inneren Kämpfe auserkoren – Haubitze und Bajonett kommen da zum Einsatz, von Teufel, Tod und Höllenfahrt ist die Rede, und die Guillotine wartet schon über des Sängers Nacken. Wie mache ich mich als Band im 20. Lebensjahr noch interessant? Tocotronic haben eine vielschichtige Antwort gefunden, das „Wie wir leben wollen“ betitelte neue Werk ist ein Lehrstück zur Aufmerksamkeitsökonomie im Pop geworden.

Es verbindet den unter hiesigen Hipsterbands gerade kursierenden Trend zum popphilosophischen Handbuch (Die Türen) oder zum kuratierten Album-Beiwerk (Pantha Du Prince, To Rococo Rot) mit einer im schillernden Licht der Retrokultur angesiedelten Entstehungsgeschichte.

Aufnahmegerät von 1958

Aufgenommen wurde diesmal auf einer analogen Telefunken-Vierspurmaschine von 1958, in einem Studio mit uraltem Equipment auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof. Den Hall im Mix und den einlullenden, unscharfen Sound entlockte man einem 9-Kanal-Mischpult der Marke Deutsche Grammophon.

All das erfährt der Käufer im Booklet zur Platte. Und was das mit der Höllenfahrt auf sich hat – sie ist ein Synonym fürs Schreiben. Anhören mochte man die Autoren-Qualen den deutschen Indie-Wortführern nie, Tocotronic wirkten, als würden sie ihre besten Zeilen einfach aus dem Ärmel schütteln. Die Band setzte sich im Pop-Zitatenschatz der 1990er mit Sätzen fest, die für die Postpunkgemeinde zu Evergreens wurden: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit“, „Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“.

Slogans, die ihre Urheber zu Stichwortgebern für das Lebensgefühl einer Generation machten und der Band eine wachsende Schar von Anhängern bescherten, die mit einem wachsenden Set von Stilen und Haltungen gefüttert werden wollten. So ziemlich jeder zwischen 18 und 38 konnte mit diesem Jungsbund in Würde erwachsen werden, Tocotronic versorgten die Nachwendejahre mit den Geistesblitzen, die lange Thekenabende retten konnten.

20 Jahre und einen Haufen grauer Barthaare später spielen Tocotronic mit ihrer Ausnahmerolle im deutschen Pop-Betrieb, aus dem kollektiv gedachten „Ich“ der Trainingsjackenjahre ist ein wackliges „Ich“ geworden, das Positionen einnimmt und wieder hinterfragt, die Abgründe des Lebens auslotet und immer der Magie der Worte auf der Spur ist: „Ich bin ein Neutrum mit Bedeutung/ein verhexter Apparat/ein Kaiser ohne Kleidung/doch mein Sex ist desolat“ singt Dirk von Lowtzow im hymnischsten Song des Albums und kommt dabei wie ein Troubadour mit Gender-Studies-Hintergrund rüber.

Witz und schnoddrige Klugheit

Der Witz und die schnoddrige Klugheit, für die wir Tocotronic über die Jahre lieben gelernt haben, sie sind noch präsent. Nur der Schrammelsound der ersten Veröffentlichungen hat einem breiteren Rockauftritt Platz machen müssen, seit dem 99er-Album „K.O.O.K“ wurde das mit Charts-Notierungen belohnt. Das Erstaunlichste an dieser Band war, dass die musikalische Darbietung sich nicht immer auf Augenhöhe mit den Texten befand, die Freude an einer Tocotronic-Platte aber nie zu trüben vermochte.

2013 hat sich an dieser Ausgangslage nicht viel geändert, den schicken alten Maschinchen zum Trotz. Selbst in den größeren Soundräumen schießt Dirk von Lowtzows gereifter Gymnasialgesang wie eine Leuchtrakete aus jeder Gitarrenwand. Wie wir leben wollen? An Nummer 26 steht: „Von den Zungen hüpfend“. Besser kann man die Musik von Tocotronic nicht beschreiben.

„Wie wir leben wollen“ erscheint am 25. Januar bei Universal.

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