28.08.2016
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Kunst: Man kann auch ohne Beil Klavier spielen

Tapete aus Andrea Büttners „Bilder in der Kritik der Urteilskraft“

Tapete aus Andrea Büttners „Bilder in der Kritik der Urteilskraft“

Die 60er Jahre waren eine schlechte Zeit für Klaviere. Damals begannen die Fluxus-Künstler, ihre eigene Form der kleinen Hausmusik zu spielen und Pianos aller Art auf offener Bühne in tausend Teile zu zerhacken. Bald schien kein Klavier mehr sicher vor der schöpferischen Zerstörungswut – als Symbol der bürgerlichen Kultur war es einfach ein zu dankbares Opfer der Kunstrevolution.

Im Kölner Museum Ludwig splittert das Holz jetzt im Sekundentakt von drei Leinwänden – als Teil einer Videoinstallation der Frankfurter Künstlerin Andrea Büttner. Man sieht Nam June Paik, wie er ein Piano immer wieder umkippt, um es dann von Assistenten wieder aufrichten zu lassen, oder Raphael Ortiz, der aus der Pianozertrümmerung geradezu eine neue Konzertform macht. Neben diese laute Zerstörungsorgie hat Büttner die Aufnahme von neun Pianistinnen gesetzt, die gemeinsam – gleich einem Chor, wie sie sagt – vorwiegend romantische Klavierstücke spielen.

Hier die männliche Rampensau, dort die Frau im stillen Kämmerlein: Für Büttner liegt die Pointe der Klavierzerstörungen gerade darin, dass die Künstler genau das fortschreiben, was sie zu zerstören glauben – nämlich den Geniekult der bürgerlichen Kultur. Und wie viele der Beil schwingenden Helden kümmerte es wohl, dass sie auch ein Symbol für die weibliche Selbstentfaltung im romantischen Zeitalter in Stücke hauten?

Vorliebe für Übersehenes

Andrea Büttner hat eine Vorliebe für Dinge, die übersehen oder ignoriert werden und kommt so praktisch von alleine zum gering geschätzten weiblichen Beitrag zur Kultur. Das Klavierspiel beschäftigt sie deswegen ebenso wie die Arbeit der Nonnen in den Klöstern. Für ihren Videofilm „Little Works“ (Kleine Werke) lieh sie einer Nonne eine Kamera, womit die Handwerksarbeiten hinter den Türen eines geschlossenen Klosters gefilmt werden sollten – in Köln hängen jetzt zwei klösterliche Webarbeiten und ergänzen Büttners „Klavierzerstörungen“.

Eine andere Vorliebe von Andrea Büttner ist die eigentlich in Grund in Boden dekonstruierte Dichotomie – also die Bildung gegensätzlicher Begriffspaare wie Mann und Frau, Gut und Böse, Hässlich und Schön. Ihre Ausstellung trägt den Titel „2“ und ist in zwei Räume geteilt – einen dunklen für die Videokunst, einen hellen für ihre Fotografien (von improvisierten Rollstuhlrampen), minimalistischen Holzschnitte (Schlüsselloch auf schwarzem Grund) und vor allem die elfteilige Serie „Bilder in der Kritik der Urteilskraft“.

Kant bebildert

In seiner dritten Kritik widmete sich Immanuel Kant der Schönheit und der Frage, wie man zu Urteilen über Schön und Hässlich kommen kann. Die klassische Schrift ist in Paragrafen unterteilt, was sie wie ein Gesetzbuch wirken lässt. Aber innerhalb dieser Paragrafen trieb es Kant, dem Gegenstand seines Buches angemessen, einigermaßen bunt. Er dachte über den Gesang von Vögeln nach und wie sich dieser vom menschlichen unterscheidet, erörterte die objektiven und subjektiven Gefühlswerte der Farbe Grün und zählte Tapeten, Blumen und den „Putz der Damen“ zur Malerei im erweiterten Sinn. Kant setzte also selber Bilder in die Welt, um über Bilder zu philosophieren, und Büttner hat sich jetzt die Freiheit genommen, aus dem Buch eine elfteilige Bildertapete abzuleiten. Gerahmt im Meiner-Grün – Markenzeichen des gleichnamigen deutschen Philosophie-Buchverlages – reihen sich alte und neue Allerweltsbilder aneinander und ergeben auf schöne Weise keinen Sinn: Zwar passt der Wegweiser im Gebirge durchaus zu den Tieren, die vor einer Holzspielzeug-Arche Schlange stehen, und diese wiederum zum Heimwerker, der an seiner Wohnung hobelt. Aber was mag die Anregung für diese Collage gewesen sein?

Die Rückübersetzung der Bilder in Paragrafen führt bei Andrea Büttner ins anregende Ungefähr und dreht die berühmte Kant’sche Formel „Anschauungen ohne Begriffe sind blind“ einfach um. Für sichere Erkenntnisse ist eher die dunkle Kammer zuständig: zum Beispiel, dass man auch ohne Beil Klavier spielen kann.

„Andrea Büttner: 2“, Museum Ludwig, Di.-So. 10-18 Uhr, Heinrich-Böll-Platz, Köln, bis 15. März. Eröffnung: 4. September, 19 Uhr. Statt Katalog erscheint im Meiner-Verlag eine illustrierte Kant-Ausgabe.