27.07.2016
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Latein fürs Lehramt: „Da wird mir die Bildung zu halb“

Lateinkurs als Strafarbeit in der Monty-Python-Komödie „Das Leben des Brian“

Lateinkurs als Strafarbeit in der Monty-Python-Komödie „Das Leben des Brian“

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Herr Stroh, die NRW-Landesregierung will verpflichtende Lateinkenntnisse für Lehramtsstudenten auf den Prüfstand stellen. Der Untergang des Abendlandes?

Wilfried Stroh: Der droht zum Glück nie, weil immer noch genügend Leute Latein lernen werden. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, wie man einen vernünftigen Unterricht in Geschichte oder in neuen Sprachen ohne Latinum machen will. Jedes Fach, das eine geschichtliche Dimension hat, braucht Latein, denn das war bis ins 18. Jahrhundert Umgangssprache. Man kommt an Latein einfach nicht vorbei.

Warum muss zum Beispiel ein Englischlehrer das Latinum haben?

Stroh: Zunächst mal ist Englisch ja eine Sprache, die zur Hälfte aus Latein besteht, eine 50-prozentige romanische Sprache, durch den Einfluss der Normannen. Vergessen Sie nicht, dass die englische Literatur stark von der lateinischen beeinflusst ist. Zu den immer noch am häufigsten gelesenen Schullektüren gehört Shakespeares „Julius Caesar“, römischer Stoff, lateinische Quellen. Marc Antons Rede, eine der berühmtesten der Weltliteratur, ist ohne Kenntnis antiker Rhetorik kaum verständlich. Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Oder der Unterricht wird halt arg kümmerlich.

Wie ist es mit angehenden Pädagogen in den naturwissenschaftlichen Fächern?

Stroh: Da halte ich Latein schon eher für verzichtbar. Wenn sie natürlich tiefer eindringen wollen in ihr Fach, kommen sie auch kaum ohne zum Beispiel Kopernikus aus. Das ist klar. Aber das Beherrschen der lateinischen Sprache ist nicht so notwendig wie in den Geisteswissenschaften. Natürlich müssen Physik- oder Biologielehrer firm sein in der physikalischen und medizinischen Terminologie. Latein ist auf jeden Fall auch für sie sehr nützlich.

Niemand käme in NRW auf die Idee, Latein für Juristen oder Mediziner zur Disposition zu stellen.

Stroh: Für Mediziner ist es nicht unabdingbar. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als die armen persischen Medizinstudenten in Heidelberg erst mal ein oder zwei Semester Cäsar büffeln mussten. Das war Wahnsinn. Wer natürlich einen Schwerpunkt auf Medizingeschichte oder medizinische Ethik legt, braucht natürlich gute Lateinkenntnisse. Für angehende Ärzte ist Griechisch allein schon wegen der Terminologie von Vorteil. Der ganze Unterleib des menschlichen Körpers ist griechisch, auch die Prostata.

Die Landes-CDU plädiert für die Beibehaltung der Latinumspflicht, weil sie Teil einer „anspruchsvollen Lehrerausbildung“ sei.

Stroh: Ja, es gehört dazu. Das kann ich voll unterschreiben.

Offenbart sich in dieser Position nicht vor allem ein Festhalten an einem von vielen inzwischen als Ballast empfundenen bildungsbürgerlichen Standard?

Stroh: Das kann schon sein, aber die Forderung ist trotzdem richtig. Ich könnte auch SPD und Grünen alles Mögliche unterstellen, warum sie einen Feldzug gegen die bürgerliche Bildung starten wollen, die ja eigentlich etwas Wunderbares ist. Das kann eigentlich niemand leugnen. Alle großen Väter der Sozialdemokratie waren Altphilologen.

Noch mal: Was geht einem Lehrer ohne nachgewiesene Lateinkenntnisse eigentlich ab – außer natürlich, er unterrichtet Latein?

Stroh: Auch dem Sportlehrer schadet es zumindest nichts, aber dem Französischlehrer etwa gehen nun wirklich die historischen Aspekte seines Fachs ab. Es wäre ein großer Verlust.

Droht da die gefürchtete Halbbildung?

Stroh: Es gibt keine Ganzbildung, die habe ich auch nicht. Unsere Bildung ist immer eine halbe. Aber hier wird sie mir zu halb.

Das Gespräch führte Harald Biskup


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