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Literatur-Übersetzer: Der Nachwuchs schwindet

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Paul Berf zählt zu den besser verdienenden Übersetzern – mit 2000 Euro netto im Monat.  Foto: Goyert
Ohne den Literatur-Übersetzer währen wohl einige Literatur-Klassiker, wie von Astrid Lindgren oder Gabriel Gabriel García Márquez, nie auf dem deutschen Markt erschienen. Doch, der Nachwuchs schwindet und das wird ein Problem.  Von
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Joanne K. Rowling. Marcel Proust. Lew Tolstoi. Haruki Murakami. John Steinbeck. Gabriel García Márquez. Astrid Lindgren. Namen der Weltliteratur, Namen, die wir nur kennen, weil ihre Werke ins Deutsche übersetzt wurden. Schließlich beherrscht nicht jeder Englisch, Französisch, Spanisch Schwedisch, Russisch, Japanisch. „Literarische Übersetzer“ heißen die Heinzelmännchen der Weltliteratur. Still und oft unbemerkt öffnen sie Tore in fremde Kulturen. Doch vielleicht bleiben bald einige Türen geschlossen. Denn: Der Nachwuchs schwindet.

Laut einer Studie des Verbands deutscher Übersetzer (VdÜ) sind heute mehr als 80 Prozent der 2000 deutschen Übersetzer zwischen 35 und 65 Jahre alt – nur 8,4 Prozent sind jünger als 35. Warum der Mangel gerade jetzt auftritt, kann sich keiner so genau erklären, denn in einer finanziell guten Lage waren die Übersetzer noch nie. „Ich vermute, dass das wirtschaftliche Bewusstsein, sich nicht mehr ausbeuten zu lassen, bei den jungen Leuten gestiegen ist“, sagt Hinrich Schmidt-Henkel, Vorsitzender des VdÜ. Im Schnitt verdient ein Literaturübersetzer rund 1000 Euro netto im Monat. Übersetzer sind selbstständig, verdienen im Urlaub oder bei Krankheit kein Geld, müssen sich – trotz Künstlersozialkasse – um die Rente kümmern.

„Ich befinde mich auf Studenten-Niveau“, fasst Gundula Schiffer ihre Lage zusammen. „Ich lebe von der Hand in den Mund, kann mir kein Auto und keinen Urlaub leisten. Wenn Freunde fragen, ob wir essen gehen sollen, schlage ich Kaffee vor.“ Die 33-Jährige hat im Fach Literaturwissenschaft promoviert, zusätzlich noch einen Master in „Literaturübersetzen“ gemacht. In diesem Sommer hat sie ihre Studien abgeschlossen, übersetzt seitdem in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Köln-Müngersdorf Lyrik und Dramen aus dem Hebräischen, Französischen und Englischen ins Deutsche. „Ich bereue meine Entscheidung nicht. Für mich ist es Luxus, mich mit Literatur beschäftigen zu dürfen. Dafür würde ich auch putzen gehen.“

Die Welt der Übersetzer

Die Basis – „Die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht“, sagte der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago (dessen posthum erschienener Roman „Kain“ von Karin von Schweder-Schreiner ins Deutsche übertragen wurde). Ohne Übersetzungen litte der Kulturtransfer: Die Texte der Bibel, der Antike , der Araber und der Weltliteratur mussten und müssen übersetzt werden, um Allgemeingut zu werden.

Die Nation – Seit der Goethe-Zeit, sagt der Verband der Übersetzer, gelte Deutschland als Übersetzerland: „Heute ist fast jedes zweite belletristische Buch eine Übersetzung.“

Die Zeit – Eine gute Übersetzung braucht Ausdauer. Als herausragendes Beispiel gilt immer noch Hans Wollschlägers Neuübersetzung des „Ulysses“ von James Joyce, an der er mehrere Jahre gearbeitet hat. Sie erschien 1975. Wesentlich fixer musste es bei der Übersetzung von Dan Browns „Inferno“ zu Beginn des Jahres 2013 gehen. Weniger als drei Monate standen Axel Merz und Rainer Schumacher zur Verfügung.

Fassungen – Nicht jede Übersetzung ist von Dauer. J. D. Salingers „Fänger im Roggen“ lag lange in der Übersetzung von Heinrich Böll vor, bis sich Eike Schönfeld an eine Neufassung machte. Und Haruki Murakamis „Gefährliche Geliebte“, aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini, heißt nun in Ursula Gräfes Übersetzung aus dem Japanischen „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“.

Ein Ort – Das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen am Niederrhein ist „das weltweit erste und größte internationale Arbeitszentrum für professionelle Literatur- und Sachbuch-Übersetzer“. Zwei aktuelle Beispiele: Theo Votsos übersetzt Timur Vermes' „Er ist wieder da“ ins Griechische und Jeanne Holierhoek Foucaults „La naissance de la biopolitique“ ins Niederländische. (M.Oe.)

„Wenn man in diesen Beruf möchte, sollte man vorher wissen, worauf man sich einlässt“, rät Paul Berf, renommierter Übersetzer aus Köln, der schon Seminare für Nachwuchsübersetzer geleitet hat. Doch was auf sie zukommt, wissen nicht alle. Anna Bobrovnik, die an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität den Master-Studiengang „Literaturübersetzen“ studiert, hat einige Kommilitonen, „die vor dem Studium gar nicht wussten, dass Übersetzer selbstständig sind“.

Für die 25-Jährige ist es zwar ein Traumberuf, aber ob sie nach dem Studium im Februar 2014 wirklich in dieser Branche arbeiten will, weiß sie noch nicht. „Es ist schwierig, gleich nach dem Studium voll einzusteigen – ohne Sicherheit. Was mache ich, wenn ich nur einen Auftrag pro Jahr bekomme?“ Zunächst wird sie sich als Teilzeitübersetzerin versuchen.

Doch wer neben dem Übersetzen einen anderen Job ausübt, kann nur schwer die hart getakteten Abgabetermine der Verlage einhalten, weiß Übersetzer Berf. „Das Tempo auf dem Buchmarkt ist schneller geworden. Heute hat ein Buch nur noch die Haltbarkeit von ein paar Monaten.“ Seit 15 Jahren arbeitet der Kölner hauptberuflich als Übersetzer – und zählt mit gut 2000 Euro netto im Monat zu den Besserverdienenden . Doch auch er wird im Rentenalter arbeiten müssen. „Die finanziellen Reserven reichen nicht, um privat Vorsorge zu leisten.“

Gundula Schiffer, Übersetzerin Foto: Peter Rakoczy

Berf, der aus dem Norwegischen und Schwedischen ins Deutsche übersetzt, gehört mit seinen 49 Jahren zu der stärksten Übersetzergruppe: 39 Prozent sind zwischen 46 und 55 Jahre alt. In den 1980er und 1990er Jahren fand laut VdÜ eine Professionalisierung des Buchmarktes statt. „Als ich damals angefangen habe, hatten die deutschen Verlage gerade den skandinavischen Buchmarkt entdeckt – und plötzlich wurden Übersetzer fürs Skandinavische gesucht“, sagt Berf.

Für den stetig wachsenden Buchmarkt sind Übersetzungen enorm wichtig: 2012 gab es laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels zwar weniger Neuerscheinungen als 2011 – aber mehr Übersetzungen. Insgesamt 10 862. „Der Buchmarkt lebt von den Übersetzungen“, sagt Schmidt-Henkel vom VdÜ. „Und die Verlage erwarten von uns zu Recht ein hohes Maß an Professionalität. Aber sie vergüten uns, als wäre es nur ein Hobby.“ Zwar gab es in der Vergangenheit verschiedene Urteile zugunsten der Übersetzer, doch viele trauen sich nicht, ihre Rechte einzuklagen, aus Angst, keine Aufträge mehr zu bekommen, weiß Schmidt-Henkel. Vor allem Berufsanfänger hätten eine schlechte Verhandlungsbasis – und würden sich manchmal auf ein Seitenhonorar von unter 10 Euro drücken lassen. Durchschnitt sind 17 Euro.

Doch trotz aller Probleme: „Die Literatur braucht Übersetzer aus allen Generationen“, sagt Schmidt-Henkel. Und Paul Berf gesteht: „Ein Text von einem 20-jährigen Autor sagt mir nichts. Als Übersetzer muss man ja auch das Lebensgefühl treffen.“ Und ein junger Übersetzer versteht einen jungen Autor eben besser. Umso bedrückender wäre es, wenn die Jungen irgendwann fehlen.

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