28.08.2016
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Literatur: Wildes Leben in der Stadt

Immer öfter verirren sich Wildtiere in die Zivilisation der Großstadt.

Immer öfter verirren sich Wildtiere in die Zivilisation der Großstadt.

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dpa

Die Stadt gehört dem Menschen. Tiere sind hier nur zu Gast, mal mehr (Hunde, Katzen), mal weniger (Tauben, Mäuse) gerne geduldet. Die Gitterstäbe unserer Zoos symbolisieren eine eindeutige Grenze. Eine Grenze, die der Mensch zieht – und die eigentlich eine Grauzone ist.

Auf begrünten Mittelstreifen von Hauptverkehrsstraßen bringen Wildschweinmütter ihre Jungen zur Welt. Auch Füchse und Dachse werden immer öfter in der Nähe von Innenstädten gesichtet. In Köln paddeln Wasserschildkröten im Aachener Weiher. Und die grünen Halsbandsittiche, die in großen Schwärmen durch die Luft ziehen, sind längst zum Wahrzeichen dieser Stadt geworden.

Je wilder und exotischer die Tiere werden, die sich in den Städten tummeln, desto größer ist das Befremden der Menschen. Nirgends prallen Natur und Kultur in so harten Gegensätzen aufeinander wie in den Städten.
Aber geht es hier überhaupt um Gegensätze? Bernhard Kegel sagt: Nein – zumindest nicht aus Sicht der Tiere. Die Stadt ist für sie ein Lebensraum wie jeder andere auch. Im Wald müssen sie sich vor größeren Raubtieren in Sicherheit bringen – in der Stadt vor Autos. Das Prinzip bleibt dasselbe: Hauptsache, es ist genug zu essen da. Es darf durchaus auch von McDonald’s sein. So pragmatisch leben Tiere, Landliebe und Landlust sind ihnen unbekannt: „Die Sehnsucht nach Harmonie, Ruhe, Landschaft, Freiheit, Idylle oder Schönheit existiert nur im Kopf einer Hominidenart namens Homo sapiens sapiens“, schreibt Kegel.

Der Biologe, Gitarrist und Autor beschreibt in seinem Sachbuch „Tiere in der Stadt“ die Geschichte des Zusammenlebens von Mensch und Tier in dicht besiedelten Gegenden. Dabei blickt er nicht nur auf die offensichtlichen Phänomene wie Tauben, Ratten oder Hunde, sondern wendet sich intensiv den winzigsten Stadtbewohnern, darunter Wanzen, Flöhen und Milben, zu. Der Mensch mag Massenvernichtungswaffen ersinnen, mit denen die gesamte Menschheit gleich mehrfach ausgerottet werden könnte – bei der Vernichtung der Bettwanze muss er kapitulieren: „Im Kampf gegen echte Schädlinge und Parasiten gibt es bestenfalls gewonnene Schlachten, niemals einen gewonnenen Krieg“, so Kegel: „Jeder Chemieeinsatz lässt die Tiere überleben, denen das Gift am wenigsten schadet – Evolution in ihrer einfachsten Form.“

Äußerst unterhaltsam schildert Kegel Anekdoten aus seinem Biologen-Alltag, blickt zurück in die Geschichte unseres Zusammenlebens mit Tieren aller Art und räumt mit gängigen Missverständnissen über den viel zitierten „Großstadtdschungel“ auf: „Darüber, dass moderne versiegelte Innenstädte (abgesehen von großen Parks) äußerst artenarme Lebensräume darstellen, kann nicht der geringste Zweifel bestehen.“

Wie Kegel widmet sich auch Roswitha Haring, Mitarbeiterin des „Kölner Stadt-Anzeiger“, in ihrem Text „Stadt Tier Raum“ der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Die Parallelen sind überraschend, doch die Erzählhaltung komplett unterschiedlich. So verleiht Haring in einer Episode einem Steinadler die Gabe der menschlichen Sprache. Ihre Ich-Erzählerin begegnet ihm auf einer menschenleeren Straße. Besonders gesprächig ist dieser melancholische Steinadler allerdings nicht.
„Ich wollte Geschichten von Tieren erzählen, von Tieren in der Stadt, die wir sehen und doch nicht sehen, mit denen wir leben, die wir wünschen, einsperren, vertreiben und sogar töten“, sagt die Autorin.

Oft sind es Erinnerungen an Tiere, die – wie Gerüche – die Kindheit von Harings Erzählerin wieder lebendig werden lassen. So in der Geschichte mit dem Meerschweinchen der Nachbarsmädchen, das sie aus Versehen fallen ließ. Ein paar Tage später ist das Tier tot. Auch einige Personen tauchen auf in dem schmalem Band voller Assoziationen und poetischer Momentaufnahmen. Manchmal gibt es Annäherungen, sogar intensive Gespräche. Doch die Ich-Erzählerin scheint eine Fremde zu bleiben – in der Welt der Tiere wie in der Welt der Menschen.