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Live Music Hall: Lamar begeistert das Publikum

Kendrick Lamar  Foto: CHRISTOPH HENNES
Der US-Rapper Kendrick Lamar spielte in der ausverkauften Live Music Hall. Dabei begeisterte er vor allem mit virtuoser Rapmusik und bizarren Geschichten, in denen es um Frauen, Alkohol und Gangster geht.  Von
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Hunderte warten noch vor der Live Music Hall, drinnen stehen sie schon dicht gedrängt. Ein DJ ruft beliebte HipHop-Hits der vergangenen Monate von seinem Laptop ab, sonst ist die Bühne leer. Und doch kann man die Aufregung spüren, der Raum zittert vor Erwartung. Das Konzert ist schon lange ausverkauft und wäre wohl längst in eine größere Halle verlegt worden, besetzten nicht Karneval und Hochkultur die in Frage kommenden Orte. Auf Ebay gehen die letzten Karten für den vierfachen Preis weg. Das knappe Angebot zur hohen Nachfrage heißt Kendrick Lamar ist 25 Jahre alt und nicht der Typ, nach dem man sich umdrehte, ginge man auf einer Party an ihm vorbei. Doch während die HipHop-Welt sich in vielen Subgenres zersplittert hat, ist Lamar der eine Star, auf den sich alle einigen können. Der einerseits längst im Mainstream angekommen ist - sein Debüt stieg auf Platz 2 der US-Charts ein - zugleich jedoch die größtmögliche Entfernung zum bollerigen Spaß-Rap etwa der Black Eyed Peas markiert. Oder zur outrierten Kunst-Persönlichkeit einer Nicki Minaj. 

Tiefenentspannter Normalo

Auch jetzt ist er einfach irgendwann da, zuerst recken hundert Hände hundert Smartphones in die Höhe, dann erst entdeckt man den jungen Mann in ihrem Fokus. Der rudert weder wild mit den Armen, noch beschäftigt er die früher bei HipHop-Konzerten unvermeidlichen Hype-Men; aufgekratzte Handtuchwedler, die bestenfalls den Refrain mitbrüllen, aber irgendwie auch bezahlt werden wollen. Als hier vor ein paar Monaten das Odd Future-Kollektiv auftrat, hüpften vier, fünf sechs hysterische Afroamerikaner über die Bühne, warfen sich ins Publikum und verkündeten lauthals die totale Horrorshow. Jetzt schlendert hier ein tiefenentspannter Normalo, bedankt sich für die Aufmerksamkeit, erzählt, was ihm das gleich folgende Stück bedeutet - und erzeugt ihm Publikum nicht weniger Wonneschauer.

Lamar stammt wie die Odd Future-Kollegen aus Los Angeles, genauer gesagt aus Compton, jenem übel beleumundeten Stadtteil, den der Rest der Welt auf ewig mit den Gangsta-Rap-Größen der frühen 90er assoziieren wird. Als Lamar acht Jahre alt war, konnte er am Set des Videoclips zu "California Love" seine Idole Tupac Shakur und Dr.Dre aus nächster Nähe bewundern. Sein Berufswunsch stand damit fest. 

Wie wahrscheinlich bei jedem zweiten Jungen aus Compton. Lamar aber hat nicht nur das Talent dazu, sondern auch die nötige Übersicht, um den Erzählungen der Altvorderen, den zusammengereimten Geschichten von Gang-Gewalt, von Uzis, Pillen und (angeblich!) immer willigen Frauen seine eigene Note hinzuzufügen. 

Detailreiche, überraschende Vergleiche

Auf seinem Debüt-Album "Good Kid, M.A.A.D City" huldigt er nicht nur dem Klang und den Themen des Westküsten-Raps, er beschreibt vor allem, wie es sich anfühlt, im ebenso fabulösen wie tödlichen Gangstaland aufzuwachsen. 

Eben feierte Lamar noch den Lebensstil, der sich um "Pussy and Patron" dreht (also um aufs Geschlecht reduzierte Frauen und Edel-Tequila), schon taucht er in einem Swimmingpool aus Alkohol. "Swimming Pools (Drank)", die erste Singleauskopplung aus dem Album, endet in einer unheroischen, ja völlig unsinnigen Schießerei, die einen Toten hinterlässt. Klingt nach "Moral von der Geschicht'", aber das liegt an unserer Zusammenfassung, Lamars Geschichten sind dagegen äußerst detailreich, voller überraschender Vergleiche und bizarrer (naja, aus Kölner Sicht) Charaktere, sein Album kann man den ersten Entwicklungsroman des Gangsta-Rap nennen, fest verwurzelt in dessen Traditionen, aber weit darüber hinaus weisend. 

Vor uns, in der Live Music Hall, steht also ein geläuterter, beinahe abgeklärter Kendrick Lamar, kein Held, eher ein Überlebender. Im Gegensatz zu seinen zerquälten Geschichten wirkt sein Rap-Stil mühelos, ob er nun eine Party-Hymne raushaut, Nabelschau betreibt oder sich ohne Musikbegleitung im Freistil übt. Lamar besitzt diese Art von Virtuosität, die seine Zuhörer davon überzeugt, das auch zu können - obwohl es auf dem gesamten Globus vielleicht noch 20 Leute gibt, die es mit ihm raptechnisch aufnehmen können. 

Ja, er ist so gut, wie wir es erhofft hatten. Doch kaum ist die Erwartung erfüllt, verschwindet Lamar von der Bühne, ebenso unauffällig, wie er sie kaum ein Stunde zuvor betreten hatte. 

Dann stürmt er noch mal kurz zurück, rappt von "Cartoons & Cereal", davon wie sein in illegalen Aktivitäten verstrickter Vater ermahnt hatte, lieber Zeichentrickfilme zu gucken, als auf die Straße zu gehen. Und davon, dass es dem Koyoten, trotz seines unerschöpflichen Waffenarsenals nie gelingt, den Roadrunner zur Strecke zu bringen. Und schon ist er weg.

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