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Michael J. Sandel: Die Tyrannei des Marktes

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Wenn alles nur noch in Geldwerten beurteilt wird, wird die humane Substanz der Gesellschaft ausgezehrt. Foto: AFP
Der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel denkt darüber nach, „was man für Geld nicht kaufen kann“. Das Bewusstsein, alles kaufen zu können, spalte und korrumpiere die Gesellschaft. Durch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche werde die Moral zerstört.  Von
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Das New Yorker Public Theatre veranstaltet jeden Sommer im Central Park hochkarätige, aber eintrittsfreie Shakespeare-Aufführungen. Genauer: Tickets für die Abendvorstellungen sind zwar erforderlich, kosten aber nichts. Da das Interesse an den Aufführungen die Zahl der Publikumsplätze enorm übersteigt, bilden sich schon Stunden vor der Kartenausgabe lange Warteschlangen. Um diese herum hat sich nun in den vergangenen Jahren ein einträglicher Markt etabliert: Wer keine Lust auf Schlange und genug Geld hat, „mietet“ sich einen professionellen Schlangesteher, der dem Auftraggeber für diesen Dienst bis zu 125 Dollar pro Karte abknöpfen kann.

Wie war das jetzt mit dem kostenfreien Eintritt? Michael J. Sandel, an der Harvard University lehrender politischer Philosoph (Jahrgang 1953), schildert in seinem neuen Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ am Beispiel des kommerziellen Schlangestehens, wie in unseren Tagen die kapitalistische Marktlogik einer Krake gleich in mehr oder weniger alle Bereiche der Lebenswelt eindringt. Und sich auch dort breitmacht, wo sie von Haus aus nichts zu suchen hat – oder doch nichts zu suchen haben sollte.

Viele Leser mögen Sandels normative Empörung spontan teilen. Sie ist freilich begründungspflichtig – und die im engeren Sinn philosophische Argumentation des Autors gilt dieser Begründung. Denn, so könnte man fragen, was ist eigentlich dagegen einzuwenden, wenn sich um ein knappes Gut ein Markt bildet, auf dem das Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Preis steuert? Wodurch unterscheidet sich das bezahlte Schlangestehen von einer Auktion, wo auch der Meistbietende den Zuschlag erhält?

Monetarisierung korrumpiert

Sandel hingegen macht geltend, dass die unwillkommene Monetarisierung der Shakespeare-Aufführungen gegen zwei Gebote verstößt. Sie ist unfair, weil sie Menschen möglicherweise nur deshalb vom Besuch ausgrenzt, weil sie sich die besagten 125 Dollar nicht leisten können, aber auch nicht die Zeit haben, sich in die Schlange einzureihen. Und sie ist korrupt, weil sie „ein Gut oder eine gesellschaftliche Praxis korrumpiert; man legt den falschen Maßstab an, um ihren Wert zu bestimmen.“

Das Marktprinzip hat, so mag man einwenden, nichts mit Korruption zu tun. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, behandelt es alle blind-gerecht – wer mehr zahlt, bekommt mehr. Aber das meint Sandel nicht: Er demonstriert am Beispiel aus dem Central Park, wie die Gründungsidee einer Institution entwertet und entwürdigt wird: Die Veranstalter hatten die Aufführungen gerade als Angebot für ein zwar shakespearebegeistertes, aber eben nicht unbedingt geldbeutelstarkes Publikum vorgesehen, als eine gemeinwohlorientierte Initiative ästhetischer Breitenbildung mithin.

Sandel ist kein Kommunist, sondern ein den US-Demokraten nahestehender Sozialliberaler. Er billigt dem Marktprinzip sein Recht zu: Es soll sich dort austoben, wo es hingehört – und wo es unstrittig auch Gutes bewirkt. Aber ökonomische ist eben für ihn nicht dasselbe wie moralische Vernunft. Und mit dem Plädoyer, jener nicht widerstandslos alle Lebensräume und Wertsphären zu überlassen, wendet er sich nicht nur gegen eine dominante soziale Praxis zumal in den westlichen Ländern. Die Beispiele stammen aus seinem Heimatland, den USA, wo es diesbezüglich besonders krass zugeht. Sondern er wendet sich auch gegen deren geistige Wegbereiter: die Ökonomen der libertären Chicago School, die seit den 60er Jahren ihre Kosten-Nutzen-Rechnungen als generalisierte Erklärungsmodelle für menschliches Handeln („homo oeconomicus“) angeboten hatten.

Die zerstörerische und also unmoralische Wirkung einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche hätte Sandel auch an den globalen Finanzkrisen der vergangenen Jahre herausstellen können. Sie streift er aber nur. Im Vordergrund steht bei ihm der durchschnittliche Horror seiner Fallbeispiele – sie dekliniert er anhand der Standard-Topics „fehlende Fairness“ und „Korruption“ durch. Abgesehen davon, dass Sandel keine Perspektive auf Abhilfe jenseits der Anklage liefert, ist das alles vergleichsweise aufwandsarm. Aber vieles spricht eben auch für sich:

Das Prinzip egalitärer Gerechtigkeit im Alltag (jeder sollte, wenn es sich ergibt, anstehen müssen, sei es an der Wurstbude oder bei einer Flughafenkontrolle) wird verletzt, wenn Alleinfahrer gegen eine Gebühr im Berufsverkehr die eigentlich Fahrgemeinschaften reservierten Sonderspuren benutzen können. Das Prinzip akademischer Bildung wird zerstört, wenn reiche Eltern für ihre Söhne Studienplätze an Eliteunis kaufen und dadurch das systemeigene Prinzip der Bestenauswahl aushebeln. Das Prinzip der Gleichwertigkeit eines jeden Menschenlebens wird beschädigt, wenn sich Betuchte durch eine Zusatzgebühr eine schnellere Arztbehandlung sichern können – während andere warten müssen. Oder wenn Arme, um überhaupt über die Runden zu kommen, gezwungen sind, eigene Organe auf einem üppig florierenden Markt für diese „Produkte“ feilzubieten. Makaber wird es, wenn Sandel beschreibt, wie Makler und Investoren Lebensversicherungen Dritter aufkaufen und solchermaßen Wetten auf deren (erhofften) baldigen Tod abschließen.

Ein Keil zwischen der Gesellschaft

Warum ist das alles verwerflich? Weil – so fasst Sandel zusammen, und man wird ihm wenig entgegensetzen können – der Schaden, den ihre Ökonomisierung von Haus aus unökonomischen Gütern zufügt, weil das Bewusstsein, alles kaufen zu können, die Spaltung und Entsolidarisierung der Gesellschaft vorantreibt. Kant hätte gesagt: weil solches Denken und Verhalten auch den Nächsten nicht mehr als „Zweck in sich“, sondern nur noch als „Mittel zu etwas“ wahrnimmt.

Der Name Kant kommt bei Sandel leider nicht vor – wie überhaupt die eine oder andere Tiefenbohrung fehlt. Etwa in Richtung Systemtheorie (Luhmann) oder Diskurs- und Rechtstheorie (Habermas). Solches hätte freilich die leichtgängige Diktion des Buches beeinträchtigt – und Sandels auch durch seine legendären Vorlesungen über Gerechtigkeit erworbenen Ruf des „derzeit wohl populärsten Professors der Welt“ („Die Zeit“).

So vergisst man mitunter die anspruchsvolle intellektuelle Herkunft des Autors aus dem amerikanischen Kommunitarismus, der sich in den 80er Jahren in der Kritik an John Rawls’ liberaler Gesellschaftstheorie und seinem Konzept des „ungebundenen Selbst“ entfaltet hatte. Dieses „Selbst“ ist eben, legt Sandel auch in seinem neuen Buch nahe, nicht „ungebunden“, sondern immer schon in historisch gewachsenen Kontexten vergemeinschaftet. Gegen einen individualistischen Marktliberalismus, der dies vergessen machen möchte, will er die Kräfte von Solidarität und Altruismus mobilisieren. Diese Ressourcen würden, dies immerhin seine optimistische Diagnose, durch Beanspruchung nicht ausgetrocknet, sondern gestärkt.

Michael J. Sandel: „Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes“. Aus dem Amerika-nischen von Helmut Reuter. Ullstein, 300 Seiten, 19,99 Euro.

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