28.08.2016
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Musikfestival zum Iran: „Es gibt freche Töne im Land“

Ali Samadi Ahadi ist Mitinitiator des Festivals.

Ali Samadi Ahadi ist Mitinitiator des Festivals.

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dpa

Herr Ahadi, von Freitag an gibt es in Köln „New Sounds of Iran“ zu hören, ein Musikfestival, das um Filme und eine Fotoausstellung ergänzt wird. Wie kam es zu dem Projekt?

Ali Samadi Ahadi: Die Planungen begannen vor anderthalb Jahren. Wir von der Akademie der Künste der Welt sind an die Philharmonie in Köln herangetreten; gleichzeitig hat der Diwan-Verein für deutsch-iranische Begegnungen das Gespräch mit der Elbphilharmonie in Hamburg gesucht.

Damit waren die Partner des Festivals beisammen...

Ahadi: Die Philharmonien haben dann das Programm zusammengestellt. Was mir noch fehlte, waren kleine Bands, die so große Säle nicht füllen können. Davon gibt es im Iran sehr viele, oft als Underground-Bands, die keine Spielerlaubnis haben, die manchmal nicht einmal proben dürfen. Diese Farbe fehlte, und deswegen haben wir von der Akademie aus beschlossen, diese mit einem eigenen Programm im Stadtgarten noch hineinzunehmen.

Kommen alle Musiker, die das Festival in Hamburg und Köln versammelt, aus dem Iran selbst?

Ahadi: Nein. Die beiden Bands im Stadtgarten schon – die sind übrigens mittlerweile richtig namhaft und haben bei einem ersten freien, also nichtstaatlich organisierten Festival im Iran Preise gewonnen. Darüber hinaus gibt es aber Gruppen, die aus Frankreich kommen, aus Amerika, aus England. Der Tänzer Shahrokh Moshkin Ghalam zum Beispiel kommt aus Paris.

Der erste Satz im Programmheft zum Festival lautet „Wie klingt der Iran?“ Wie denn?

Ahadi: Ich würde sagen, dass er vielschichtiger klingt, als man es im Westen häufig glaubt. Der Iran besteht eben nicht bloß aus nuklearanreichernden, barttragenden Mullahs, sondern aus sehr unterschiedlichen Menschen. So klingt auch das Land.

Aber das kommt oft nicht bei uns an, weil diese Stimmen nicht so laut sind wie die, die wir hier immer hören. „New Sounds of Iran“ will sie hörbarer machen ...

Ahadi: Ich finde es großartig, dass dieses Festival auch ein Signal an die iranische Community in Deutschland ist – dass sie anders wahrgenommen wird. Und das entspricht sehr der Seele der Akademie der Künste der Welt.

Es gibt ja nicht nur zahlreiche Klischees hierzulande, was die Politik betrifft, sondern auch kulturelle Stereotype. Stichwort Orient.

Ahadi: Dass es im Iran freche Töne gibt, dass es zu Mischungen zwischen traditioneller und moderner Musik kommt, das wissen wenige. Aber wie gesagt: Da die Zensur solchen Musikern das Leben schwermacht, hören wir die auch nicht.

Wie stellen sich die Bedingungen im Iran speziell für Musiker dar?

Ahadi: Wenn Sie mich fragen, ist die Zensur der Musik viel härter als im Filmbereich. Film ist ein großer, mächtiger Apparat im Iran. Aber in den ersten fünf, sechs Jahren nach der islamischen Revolution waren Musikinstrumente verboten. Nur gegen Lizenzen durfte man Instrumente zu Hause haben. Sie müssen sich vorstellen, was es heißt, Frauen den Gesang zu verbieten. Das ist so, als würde man verbieten, die eine Hälfte einer Klavier-Tastatur zu benutzen. Das ist einfach krass, das ist absurd. Dann gibt es natürlich staatlicherseits die Aversion gegen westliche, gegen europäische Musik ...

... die von der Bevölkerung nicht geteilt wird.

Ahadi: 70 Prozent der Bevölkerung sind junge Leute, die hören diese Musik. Und diesen Drang der Menschen kann man nicht ständig abblocken. Deshalb hat man angefangen, diese Reglementierungen zu lockern.

Die Vorbehalte gegen Musik sind aber nicht nur ein Phänomen des Iran nach der Revolution, sondern ein traditionelles religiöses Dogma...

Ahadi: ...das mit der Revolution wiederbelebt wurde: Frauenstimmen verführen die Männer. Überhaupt galt Musik als obszön – so wie Schach ausgerechnet im Iran, seinem Geburtsland, verboten war, weil man es für ein Wettspiel hielt. Ich würde schon sagen, dass sich mittlerweile einiges ändert, aber sehr langsam.

Gab es also auch unter den Musikern viele, die das Land nach der Revolution verlassen haben?

Ahadi: Sehr viele. Wer blieb, musste sogar riskieren, hingerichtet zu werden. Es gab Musiker, denen das geschehen ist. Andere wurden verhaftet. Einer der bekanntesten iranischen Sängerinnen, Googoosh, wurde 1979 verboten aufzutreten, sie hat eine lange Zeit der Stille verbracht, bevor sie dann das Land verließ.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation? Gibt es nach Ahmadinedschad wirklich eine Öffnung?

Ahadi: Es ist noch zu früh, sich in dieser Frage klar zu positionieren, aber ich glaube schon, dass Ruhani eine Änderung herbeirufen will. Aber wie weit soll diese reichen? Will er nur so weit gehen, bis die wirtschaftlichen Sanktionen wegfallen, oder will er tatsächlich eine humanere islamische Republik? Das ist die große Frage, bei der man all die Mächte nicht unterschätzen darf, die von einer Öffnung nichts halten. Der Präsident ist nicht so mächtig, wie man denkt.

Zurück zum Festival – daran ist auch der Verein Diwan beteiligt. Welche Aufgaben stellt er sich?

Ahadi: In Deutschland leben zwischen 120000 und 130000 Menschen aus dem Iran. Inklusive der zweiten und dritten Generation sind das mehr als 300000 Menschen, die in keiner Weise richtig organisiert sind. Köln und Hamburg sind die beiden Städte mit der größten iranischen Community. Diwan will die Möglichkeit bieten, sich mit der iranischen Kultur, der Sprache hier in Deutschland zu befassen. Deutschland ist im Laufe der Zeit zu unserer Heimat geworden, und doch gibt es hier Dinge, die einem fehlen.

Welche Bedeutung haben die „New Sounds of Iran“ für die Akademie der Künste der Welt?

Ahadi: Das ist das größte Projekt, bei dem die Akademie bis jetzt mitgemacht hat. Das Besondere an diesem Festival liegt auch darin, dass all die Organisatoren zusammengekommen sind und das Ding gemeinsam rocken.

Das Gespräch führte Frank Olbert