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Neu im Kino: Der Tod und das Mädchen

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Quvenzhane Wallis auf großer Fahrt in „Beasts of the Southern Wild“. Foto: dapd
Benh Zeitlin beschwört in „Beasts of the Southern Wild“ die Geister des amerikanischen Südens aus der Sicht eines sechsjährigen Kindes. Der Film gleicht einer hitzigen Jazz-Improvisation, vor der Kulisse einer drohenden Apokalypse.  Von
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Die Welt da draußen ist ein schnurgerader, kilometerlanger, grauer Damm, hinter dem sich Industriebauten auftürmen. Manchmal fahren Hushpuppy und ihr Vater mit ihrem selbst gebastelten Schiff dorthin, um in einer Mischung aus Ehrfurcht und Erschaudern diese Trostlosigkeit zu bestaunen. Wie gut haben sie es dagegen auf ihrer Insel namens Bathtub, irgendwo in den sumpfigen Bayous vor der Stadt. Dort kommt der Fisch nicht aus Plastikverpackungen, Ferien hat man eigentlich immer, und auch rauschhafte, an religiöse Beschwörungsrituale erinnernde Feste werden ausführlich gefeiert. Bathtub ist eine Insel auch im übertragenen Sinn: ein metaphysisch imprägniertes Paradies. Nun ist es bedroht, denn die Polkappen schmelzen. Die Badewanne läuft voll.

Regisseur Benh Zeitlin lässt seinen Film von der kleinen Hushpuppy erzählen, in einem wunderbar melodiösen und gleichzeitig vernuschelten Südstaaten-Dialekt. Auch die Perspektive der konsequent subjektiven Kamera gehört ganz dem Mädchen - allein das schon sorgt für das geheimnisvoll raunende Grundrauschen von „Beasts of the Southern Wild“, das wie eine animalistische Beschwörungsformel die Handlung durchzieht. Hinzu kommen der Voodoo-Zauber des amerikanischen Südens, der Alkoholgenuss der Bewohner von Bathtub sowie die riesenhaften Auerochsen, die sich mit dem steigenden Wasser wie Urzeitviecher von den Polen her der Insel nähern. Zeitlin und mit ihm seine Akteure steigern sich in eine magische Ekstase hinein, die einen Taumel völlig eigener Art erzeugt.

„Beasts of the Southern Wild“ pulsiert im Rhythmus einer hitzigen Jazz-Improvisation, die vor der Kulisse der drohenden Apokalypse nicht, wie es vielleicht zu erwarten wäre, den Tod beschwört, sondern vielmehr das Leben feiert. Zwar umringt Benh Zeitlin die Leute von Bathtub und vor allem seine Protagonistin Hushpuppy mit Zeichen des Verfalls: Der Insel droht der ökologische Untergang, die Bewohner sollen evakuiert und aufs verhasste Festland verfrachtet werden, Hushpuppys Vater wird allmählich von einer mysteriösen Krankheit zerfressen.

Und doch ist es immer wieder die Sechsjährige, die sich gegen den Niedergang aufbäumt, die über die Naturgewalten triumphiert und gar den Auerochsen die Stirn bietet. Quvenzhané Wallis verkörpert als Hushpuppy das Prinzip der Vitalität und des Wachsens gegen die Kräfte des Todes, und sie tut dies mit einer Hingabe und Überzeugung, die einen angesichts ihres Alters staunen lässt.

New Orleans ist allgegenwärtig

Dem amerikanischen Süden hat schon mancher Film ein Denkmal gesetzt. Zuletzt stattete ihm Werner Herzog mit seinem „Bad Lieutenant“ einen Besuch ab und stolperte dabei über sterbende Alligatoren: Seit der Sturm Katrina über New Orleans hinweg gefegt ist, scheinen Zerstörung und Tod ebenso charakteristisch über dem Big Easy zu hängen, wie die Stadt zuvor mit Lebenslust, Musik und bunten Paraden identifiziert wurde. Hinzu kommen die Schwüle und die spirituelle Beseeltheit, die New Orleans seine vibrierende Aura verleihen — Zeitlin vermeidet es zwar, der vor Bathtub gelegenen Stadt einen konkreten Namen zu geben, und doch ist klar, an welchem Ort sein Film spielt.

Es ist ein Ort, an dem die Träume real, die Geister lebendig und die Märchen bedeutungsvoll sind. Einmal nach der großen Flut versammeln sich die Bewohner von Bathtub in der Kneipe, einer heruntergekommenen Kaschemme, in der man sich sowohl gegen die Naturkatastrophe wie gegen die Evakuierungspläne der Regierung verbrüdert. Hier entsteht, was man im klassischen Western eine Frontier nennt - ein von Gefahren umlauerter Außenposten, der allerdings nicht von kernigen Pionieren, sondern von lauter Außenseitern betrieben wird: Von fabulierfreudigen, naturwüchsigen, spinnerten Freaks, die nichts mehr fürchten als die Segnungen der Zivilisation.

Der Verlust des Vaters

Auch Zeitlin erzählt von amerikanischen Mythen, aber er nähert sich ihnen nicht über die Heldenfiguren, sondern über die Verlierer und Aussteiger. Neben der Stimme des Staunens und der Unschuld, die der kleinen Hushpuppy gehört, spielt die Natur in „Beasts of the Southern Wild“ eine Hauptrolle. Zeitlins Kamera wühlt sich durchs Blätterwerk, begibt sich mitten hinein in Sturm und reißendes Wasser und verfolgt Hushpuppys Spiel mit Federn und Fell. Immer in Bewegung, immer auf dem Weg von einem Aggregatszustand in den nächsten, nimmt die Natur gewaltige Dimensionen an, wenn die Auerochsen erscheinen: Sie preschen geradewegs aus den Tiefen der Prähistorie heran und trampeln die Neue Welt einfach nieder.

Natürlich ist all dies auch eine machtvolle Metapher auf den Verlust des Vaters, den Hushpuppy zu erleiden und zu verkraften hat. Ihre Welt bricht buchstäblich zusammen, bevor das Mädchen sich darin wieder zurechtfinden kann. Zeitlin vollzieht diesen Prozess in all seinem Schmerz nach, von der symbiotischen Beziehung zwischen Tochter und Vater über Hushpuppys Verlassenheitsgefühl bis hin zum Loslassen, wenn ein brennendes Schiff über das Wasser in die Ferne verschwindet.

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