26.08.2016
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Neu im Kino: Eine wilde deutsche Familienfeier

Jürgen Vogel (M) als Erich Freytag und Kostja Ullmann (r) als junger Klaus feiern in "Quellen des Lebens" den 100.000 Gartenzwerg.

Jürgen Vogel (M) als Erich Freytag und Kostja Ullmann (r) als junger Klaus feiern in "Quellen des Lebens" den 100.000 Gartenzwerg.

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dpa

Dieser Film springt einem mit dem blanken Hintern ins Gesicht, buchstäblich. Gleich in der ersten Szene kauert sich Jürgen Vogel ins Gebüsch und streckt uns den Allerwertesten entgegen: Erich Freytag, wie seine bedauernswerte Figur heißt, leidet an der Ruhr. Das ist seine ganz persönliche Weltkriegsniederlage. Hinzu kommt, dass der Nationalsozialismus zusammengebrochen und Deutschland ein Trümmerfeld ist. In dieses Land kehrt er nun zurück, und niemand will etwas von ihm, diesem zugewucherten und lautstark furzenden Landstreicher wissen. Man zieht die Vorhänge vor.

Oskar Roehlers „Quellen des Lebens“ ist in der Hauptsache ein Film über das Aufwachsen in den 60er und 70er Jahren. Doch er beginnt konsequent dort, wo das Fundament für all die Aufbrüche, antiautoritären Experimente, sexuellen Befreiungsschläge und Drogendiäten dieser Zeit gelegt wurde, auch wenn es ein Fundament war, das gnadenlos der Demontage anheimfiel – nämlich bei den Heimkehrern aus dem Zweiten Weltkrieg, die mit dem Herzen noch bei Hitler und mit ihrer Hände Arbeit schon bei Adenauer und Erhardt waren. Erich Freytag ist so ein Typ. Er gründet seinen Wohlstand auf die Produktion von Gartenzwergen.

Wurzeln sind dicker als Wasser

Nicht sprechende, sondern grell deklamierende Metaphern wie diese machen genau wie Vogels nackter Hintern jenen Roehler-typischen, drastisch-plakativen Ton aus, der auch „Quellen des Lebens“ zu einem großen Teil prägt. Und doch schleichen sich völlig ungewohnte, subtil-zärtliche Nuancen in dieses Werk, mit dem der Regisseur seinen eigenen, seinen ersten Roman „Herkunft“ verfilmt. Das Buch selbst nimmt Gestalt an durch einen Erzähler aus dem Off, der anscheinend enervierend schlicht, in Wahrheit aber mit entwaffnender Ehrlichkeit und Zuneigung von seinen Figuren spricht, gleichgültig, ob deren Vergangenheit braun oder sauber ist oder ob sie noch gar nicht über so etwas wie eine Vergangenheit verfügen. Genau besehen, ist „Quellen des Lebens“ eine Familienfeier, und so wie man die Familie hasst, hängt man bis ins Wurzelwerk mit ihr zusammen.

Munter geht es durch die Generationen, angefangen bei Erich und seinem Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu), der aus der väterlichen Gartenzwerg-Produktion aussteigt, um eine Ehe mit der kapriziösen Gisela (Lavinia Wilson) und eine ehrgeizige Existenz als Schriftsteller zu beginnen. Aus der verkrachten Beziehung geht der kleine Robert hervor, der mal bei den jeweiligen Großeltern, und mal beim herrischen Vater im miefigen Westteil Berlins aufwächst.

Eine der wunderbarsten, historisch luzidesten Szenen gelingt Roehler, als der Junge sich aus dem Bann des Vaters weg und zu den Großeltern nach Süddeutschland stehlen will und sein Freiheitsdrang jäh an der Grenze zur DDR abprallt. Die Beamten sind sogar gerührt von dem Knirps, der dem Kapitalismus den Rücken kehren will. Der geteilte Himmel, unversehens ist er für Robert spürbar, aber er versteht ihn nicht.

Mit der Mode gegangen

Bei all diesen Verschränkungen von biografischer und historischer Erfahrung ist „Quellen des Lebens“ nicht zuletzt eine kleine Kulturgeschichte der Mode, der Wohnungseinrichtungen, der Frisuren und der Lebensstile. Roehler hat viel Mühe auf die Rekonstruktion des Epochendesigns verwendet, das macht einen gewaltigen Reiz seines Films aus: Allein Lavinia Wilsons Verwandlung von der Tochter aus betuchtem 50er-Jahre-Hause hin zu einer verbitterten, talentierten, aber erfolglosen Schriftstellerin mit linksradikalen Anflügen und ausladender Kastenfrisur ist ein Kapitel für sich. In dieser Gisela Ellers bildet Roehler einmal mehr das Leben seiner eigenen Mutter, der Autorin Gisela Elsner, nach.

Creedence Clearwater Revival, Boney M., Cat Stevens, zur Zeit- und deutschen Sittengeschichte trägt nicht zuletzt der Soundtrack bei, der durch die Jahrzehnte trägt. Vor allem verleiht er „Quellen des Lebens“ eine romantische popkulturelle Grundierung, die sich mit der Perspektive des adoleszenten Robert Freytag deckt, den Leonard Scheicher spielt – sie drängt im Laufe des Films immer weiter in den Vordergrund: Wegen seiner Matte von den Großeltern mit kritischen Bemerkungen bedacht, im Internat mit Zimmergenossen konfrontiert, die Zuhälter und Ähnliches, aber nicht wie er Künstler werden wollen, ist Robert der klassische Einzelgänger. Halt findet er nur bei seiner Freundin aus Kindertagen, Laura, und so schwingt sich „Quellen des Lebens“ schließlich auch noch zu einer zerbrechlichen, gefährdeten Liebesgeschichte auf.

Sein vielleicht wichtigster Film

Roehler hält all dies durch den strengen Standpunkt des ironischen, manchmal spöttischen, aber nie denunziatorischen Erzählers zusammen. Tatsächlich ist sein Film eine erstaunliche strenge Komposition, die über drei Generationen und nahezu drei Stunden lange trägt und selbst Seitenepisoden wie die der Großeltern mühelos in sich aufnimmt.

Im Wettbewerb der Berlinale waren zuletzt seine Filme „Elementarteilchen“ und „Jud Süß“ vertreten, und bei diesen wunderte man sich über die Konventionalität eines Regisseurs, der mit Filmen wie „Der alte Affe Angst“ im äußeren Chaos innere Zerrissenheit so wunderbar einzufangen verstand.

„Quellen des Lebens“ ist nun wieder wild und konzentriert zugleich, übertrieben und genau auf den Punkt inszeniert, exaltiert und präzise in einem. Wer gerade den aktuellen Wettbewerb der Berlinale verfolgt, vermisst diesen Film, denn mit ihm traut sich Roehler endlich wieder etwas zu. Aus der persönlichen Geschichte ein Zeitpanorama zu malen, aus der individuellen Erfahrung zum Übergreifenden zu gelangen, dazu gehört etwas – Disziplin und Unabhängigkeit der Fantasie gleichermaßen. So wie er beides beherrscht, hat Roehler mit „Quellen des Lebens“ seinen bisher womöglich wichtigsten Film gedreht.